RSNplusDie deutsche Gravel-Elite, Teil 1

Laing: Auf dem Schnellweg in Richtung Weltspitze

Von Jens Claussen

Foto zu dem Text "Laing: Auf dem Schnellweg in Richtung Weltspitze"
Die Saison hat erfreulich begonnen für Nele Laing vom Team Canyon x DT Swiss ATR | Foto: Canyon

17.03.2026  |  (rsn) - Mit zwei Top-Ten-Platzierungen beim hochkarätig besetzten Gravelauftakt in Santa Vall sowie dem UCI-Rennen in Castellon hat sich Nele Laing vom neu gegründeten Canyon x DT Swiss ATR endgültig in die Weltspitze der Schotterspezialistinnen gefahren. Grund genug für RSN, die neue Serie “Die deutsche Gravel-Elite" mit einem Porträt der 27-Jährigen zu beginnen.

“Als ich im Jahr 2020 nach dem Diebstahl meines Stadtrades auf ebay mal nach einem Rennrad geschaut habe, begann quasi meine Radsportkarriere“, erinnerte sich Laing im Gespräch mit RSN mit einem Schmunzeln. “Ursprünglich komme ich vom Handball und hatte davor überhaupt nichts mit Radfahren zu tun“, so die Quereinsteigerin weiter. 

Was mit regelmäßigen Ausfahrten “auf einem Retro- aber schon sportlichen Rennrad“ begann, wurde schnell zur neuen Leidenschaft der Sportstudentin. “Zu Beginn meines Sportstudiums an der Deutschen Sporthochschule in Köln lernte ich dann meinen Freund, einen Triathleten, kennen. Der Weg zu einem strukturierten Training nach Plan durch ihn und wenig später auch zu meinem ersten richtigen Trainer Christian Decker war dann nicht mehr weit.”

Gleich beim ersten Rennen erfolgreich

Ein Sieg bei ihrem ersten Radrennen, dem Jedermann von Rund um Köln 2022, gab der gebürtigen Darmstädterin dann die Zuversicht, dass noch mehr an Radsportpotenzial in ihr schlummern könnte. Ihr Trainer spornte sie daraufhin an, mal an der Zwift-Academy teilzunehmen, über deren Umweg schon Radprofis wie Neve Bradbury (Canyon – SRAM – zondacrypto) und Jay Vine (UAE – Emirates – XRG) den Weg in den Profi-Radsport genommen haben.___STEADY_PAYWALL___

“Zu dem damaligen Zeitpunkt habe ich schon viel trainiert, aber nicht gezielt für die Acadermy und auch nicht auf der Plattform. Als ich dann auf einmal im Finale der besten Teilnehmerinnen in Spanien gelandet war, fühlte ich mich dort schon etwas verloren. Ich war die einzige der letzten drei Finalistinnen, die nicht regelmäßig auf Zwift trainierte und im Radsport so gut wie keine Vorerfahrungen hatte“, konnte Laing sich gut an die Tage erinnern, die ihren Entschluss reifen ließen, sich auf die Suche nach einem professionellen Straßenteam zu begeben.

Nele Laing (li.) noch im LKT-Trikot bei der Heja-Tour of Norway 2025 | Foto: Cor Vos

Was im Jahr 2024 mit einem Engagement beim Kontinental-Team Maxx-Solar Racing hoffnungsvoll begann, endete für die starke Bergfahrerin wenige Monate später mit einer Enttäuschung. Das Team musste die Pforten schließen und nach einem weiteren Jahr beim LKT-Team (ebenfalls auf Kontinental-Niveau) gab es in ihrem Kopf, laut eigener Aussage, danach nur noch zwei Optionen: “Ich wollte entweder höherklassig auf Pro- oder WorldTour Niveau fahren – dafür fehlten mir aber die Ergebnisse in meiner Vita – oder voll auf die Karte Gravel setzen."

Die “Radsport-Spätberufene“ hatte schon 2024 und 2025 bei einigen Schotterrennen mit dem Gravel kokettiert und als Ende 2025 von Canyon eine Anfrage kam, trafen die Wünsche zweier Parteien in einer “wunderbaren Fügung“ aufeinander. “Das war schon witzig, ich hatte vom neuen Canyon Projekt gehört und gerade Kontakt aufgenommen, da starteten die zeitgleich eine Anfrage an mich", erinnerte sich Laing.

Zweijahresvertrag mit Gehalt auf ProTeam-Niveau

Die Bedingungen bei Canyon x DT Swiss ATR seien deutlich professioneller als bei so manchem Straßen-KT-Team, gab Laing erste Einblicke, wie sie bei ihrem neuen Arbeitgeber von der fortschreitenden Professionalisierung im Gravelsport profitiere. “Ich befinde mich da bei einem monatlichen Einkommen, das sich auf dem Level von ProTeams auf der Straße einordnen lässt“, erklärte sie, ohne weitere Zahlen zu nennen. Laut den UCI-Regularien erhalten seit der Saison 2025 Fahrerinnen von UCI-ProTeams ein Mindestgehalt von € 20.000 brutto im Jahr..

Bei Santa Vall setzte Laing mit Platz 9 auf der schweren 1. Etappe eine erste Duftmarke | Foto: Canyon

Sie sei keine Einzelkämpferin, wie Laing betonte. Als ehemalige Mannschaftsportlerin scheint ihr das Agieren im Team Flügel zu verleihen, wie die Resultate zu Saisonbeginn eindrucksvoll untermauerten. Nicht, dass sie in der Vergangenheit bei ihren seltenen Ausflügen auf den Schotter schlecht abgeschnitten hätte – beim UCI Wörthersee Gravel belegte Laing 2024 Platz fünf und dem UCI Hegau Gravel im Jahr darauf einen vierten Rang – ihre Auftritte bei Santa Vall (10. im GC) und in Castellon (Platz 6) hingegen waren von einem anderen Kaliber. 

“Diesen Leistungssprung kann ich mir, ehrlich gesagt, auch nicht erklären“, musste die Deutsche Bergmeisterin von 2024 lachen. “Gerade auf dem technischen Kurs bei Santa Vall war ich von mir selbst überrascht, da ich mich mit meinen Fähigkeiten auf grobem Schotter und 'tricky' Abfahrten gegenüber der Konkurrenz noch im Nachteil sehe.“

“Enormer Boost für die kommenden Monate“

Zwar könne sie noch nicht ganz vorne mitfahren, aber in den Top Ten dabei zu sein, habe ihr nochmals "einen enormen Boost" für die kommenden Monate verliehen, meinte Laing. “Insbesondere, wenn es mir gelingt, den technischen Aspekt des Gravels zu verbessern, sehe ich keinen Grund, warum ich nicht ganz vorne in der Weltspitze ankommen sollte“, gab sie sich selbstbewusst für die kommenden Aufgaben.

Als nächste Highlights stehen am 28. März “The Hills”, ein Rennen der Gravel Earth Series, sowie die Sea Otter Classic in den USA (16. - 19. April), die zum Life Time Grand Prix zählt, an. Davor geht es aber erst noch einmal nach Girona, wo sie weiter an ihren "Gravel-Skills" arbeiten will.

Bei der Gravel-WM 2025 in Limburg hatte Laing nichts mit der Entscheidung zu tun und belegte Rang 50 | Foto: Nele Laing

Nele Laing: 3 Fragen - 3 Antworten

Wer ist für Sie aktuell der (die) beste Gravelfahrer (-in) auf dem Planeten?
Laing: ”Momentan sind das für mich Mads Würtz Schmidt (Specialized Off-Road Team) und Rosa Klöser (Canyon x SRAM x Maap). Obwohl ich da bei den Frauen schon zwischen Rosa und Sofia Gomez Villafane (Specialized Off-Road Team) schwanke, die ich für richtig, richtig stark halte.”

Welches würden Sie als das schönste Gravelrennen bezeichnen?
Laing: ”Schwierige Frage, da ich noch nicht so viele gefahren bin. Ich entscheide mich für das Rennen am Wörthersee - tolle Landschaft und Atmosphäre! Aber eventuell bin da auch etwas durch meine Kindheit beeinflusst, da wir dort immer im Familienurlaub waren. Das kann sich aber bis zum Saisonende auch noch ändern, wenn ich mehr Rennen gesehen habe.”

Wer könnte sich in den kommenden Monaten als neuer Star der Szene entpuppen?
Laing: ”Dazu habe ich keine wirkliche Antwort parat. Ich bin selbst noch zu neu in dem Sport, um die Newcomer einschätzen zu können und muss mich da auch überraschen lassen.”

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