--> -->
27.03.2026 | (rsn) – Einen Kilometer vor dem Ziel in Harelbeke musste man nicht viel Radsport-Sachverstand mitbringen, um zu prognostizieren, dass Mathieu van der Poels Ausreißversuch 63 Kilometer vor Ende der E3 Saxo Classic (1.UWT) wohl doch etwas zu waghalsig gewesen war. Der Tritt des Titelverteidgers war schwer und als er sich umschaute, sah er vier seiner Konkurrenten unmittelbar hinter sich, die ihn wohl wenige Sekunden später übersprinten würden.
Doch das immer wiederkehrende Muster, dass ein mutiger Ausreißer wenige Meter vor der Ziellinie noch gestellt wird, sollte bei der 68. Ausgabe der "Mini-Ronde" nicht greifen. Inzwischen nur noch mit einer Lücke von drei Sekunden auf van der Poel, beschloss Verfolger Florian Vermeersch (UAE – Emirates – XRG), kurzfristig die Beine hochzunehmen – und seine drei Begleiter hinter ihm taten es ihm nach.
“Ich fragte sie nach einer weiteren Führung, aber sie entschieden sich, zu zocken. Und ich wollte nicht derjenige sein, der mit seiner letzten Anstrengung die Lücke schließt“, beschrieb der Belgier seine Sicht der Dinge im Ziel-Interview, kurz nachdem er - wie schon beim Omloop Nieuwsblad - Dritter geworden war.
Dieser Meinung schloss sich auch Per Strand Hagenes (Visma – Lease a Bike) ad hoc an, wie seinen Worten unmittelbar nach dem Rennen zu entnehmen war. “Auf dem letzten Kilometer haben wir nicht viel gesprochen, nur mit Jonas (Abrahamsen) habe ich mich kurz auf Norwegisch ausgetauscht. Vermeersch wollte, dass Abrahamsen noch eine Führung übernimmt. Der wollte nicht und ich wollte es auch nicht“, grinste Hagenes in die Kamera und fügte an: "Also blieb Vermeersch sitzen und so haben wir Mathieu unglücklicherweise nicht mehr eingeholt. Das ist Rennen fahren“, schloss der Norweger recht nüchtern sein Fazit zu dieser fast schon grotesken Situation.
Deutlich enttäuschter als der zweitplatzerte Hagenes zeigte sich Stan Dewulf (Decathlon - CMA CGM), der einen Großteil des Tages der Spitzengruppe angehörte und letztendlich auf dem undankbaren vierten Platz landete. “Van der Poel wollte es heute für sich auf die harte Art und als er zu uns aufschloss, dachte ich nur eines: möglichst lange an ihm dranbleiben, um mit einem guten Ergebnis zu finishen. Auch wenn das Rennen für mich fantastisch gelaufen ist, hätte ich heute sehr gerne auf dem Podium gestanden“, erklärte der Belgier im Ziel.
Im Gegensatz zu seinen Mitstreitern schätzte Dewulf den rennentscheidenden Moment aber offensichtlich anders ein, wie aus den Worten seiner Analyse im Ziel herauszuhören war. “Das war schon eine komische Situation auf dem letzten Kilometer. Es sah so aus, dass Florian weit vor dem Ziel einen Sprint lancieren wollte. Aber so nach einem harten Tag, wollte ich keinen langen Sprint mehr fahren und wartete kurz ab“, hatte er Vermeerschs Verhalten offenbar falsch interpretiert.
So blieb nach einem spannungsgeladenen Finale unterm Strich das übrig, was so häufig im professionellen Radsport zu beobachten ist. Frei nach dem Motto: “Bevor ich euch zur Linie fahre, schenke ich einen möglichen Sieg lieber her“, kann sich derjenige freuen, der alles in die Waagschale geworfen hat – in diesem Fall van der Poel, der in Harelbeke zum dritten Mal in Serie triumphierte.