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12.04.2026 | (rsn) - Wout Van Aert (Visma – Lease a Bike) hat den Bann gebrochen: Der Belgier gewann ein von Defekten geprägtes und hochdramatisches 123. Paris-Roubaix (1.UWT). Im Zweiersprint besiegte der Belgier nach 258,3 Kilometern den im Vorfeld als Topfavorit gehandelten Slowenen Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) deutlich und entschied somit endlich zum ersten Mal die “Königin der Klassiker“ für sich.
13 Sekunden hinter dem Duo, das sich 52 Kilometer vor dem Ziel abgesetzt hatte, komplettierte der Belgier Jasper Stuyven (Soudal – Quick Step) das Podium. Zwei weitere Sekunden später spurtete Titelverteidiger Mathieu van der Poel (Deceuninck – Premier Tech) aus einer vierköpfigen Gruppe als Vierter ins Ziel. Dabei verwies der Niederländer van Aerts französischen Teamkollegen Christophe Laporte auf Platz fünf.
Der Triumphator, der wie alle anderen Favoriten mit Defektpech zu kämpfen hatte, widmete den für ihn besonders emotionalen Sieg seinem früheren Teamkollegen Mike Goolaerts, der 2018 nach einem Sturz bei Paris-Roubaix verstorben war. “Es bedeutet mir alles! Es war ein Ziel von mir seit 2018, als ich das Rennen das erste Mal gefahren bin. Das war vor acht Jahren, und ich habe damals meinen Teamkollegen Mike Goolaerts verloren. Seit dem wollte ich hierherkommen und meinen Finger für ihn zum Himmel strecken“, sagte der sichtlich bewegte Van Aert, der mit eben jener Geste über den Zielstrich gefahren war.
Pogacar habe ihm alles abverlangt, doch im Finale habe er sich dann einfach an seinen Plan gehalten: “In meinen Träumen und in meiner Vorbereitung habe ich diesen Sprint schon so oft gemacht, also wusste ich genau, was ich zu tun hatte.“
Der geschlagene Weltmeister verwies auf gleich drei Defekte, die ihn zurückgeworfen und etwas müde gemacht hätten. Zwar habe ihn sein starkes Team noch vor dem Wald von Arenberg wieder in die erste Gruppe gebracht. Aber:“ Als ich dann mit Wout vorne war, hatte ich nicht mehr genug im Tank, um ihn auf den Kopfsteinpflaster abzuhängen“, erklärte Pogacar. Van Aert sei schlau gefahren und generell schwer zu besiegen.
Am heftigsten vom Pech betroffen war indes der dreimalige Roubaix-Sieger van der Poel, den es ausgerechnet im Wald von Arenberg erwischte, wo er erst spät ein Ersatzrad bekam und weit zurückfiel. “Ich hatte zwei Platten und war mehr als zwei Minuten hinten. Da wusste ich, dass das Rennen vorbei war“, konstatierte der Vorjahressieger, der zwischenzeitlich aufzustecken schien, dann aber noch einmal alles in die Waagschale warf und die erste Verfolgergruppe fast im Alleingang auf knapp 20 Sekunden an die Spitze heranfuhr.
Sechster in der “Hölle des Nordens“ wurde Mick van Dijke (Red Bull – Bora – hansgrohe) aus den Niederlanden vor dem Dänen Mads Pedersen (Lidl – Trek) und dem Schweizer Stefan Bissegger (Decathlon – CMA CGM / +0:20), der bis zum Velodrom zur Verfolgergruppe gehört hatte, dann aber abreißen lassen musste. Als bester Deutscher belegte Nils Politt (UAE – Emirates – XRG, +2:36) einen starken neunten Platz, nachdem er viel für Pogacar hatte arbeiten müssen. An seinem Hinterrad kam Mike Teunissen (XDS – Astana) auf der Zehn ins Ziel.
Als Elfter beendete Max Walscheid (Lidl – Trek / +3:46) das Rennen, das über 54,8 Kilometer Kopfsteinpflaster geführt hatte und bei dem der Deutsche bereits früh distanziert worden war. Kim Heiduk (Ineos Grenadiers), der Helferdienste für den rund 40 Kilometer vor dem Ende heftig gestürzten Filippo Ganna leisten musste, wurde 5:43 Minuten hinter dem Sieger 21.
John Degenkolb (Picnic – PostNL, +8:01) erreichte bei seiner wohl letzten Roubaix-Teilnahme das Velodrom auf Rang 31. Der Vorjahres-Sechste Jonas Rutsch (Lotto – Intermarché) wurde zeitgleich 50.
???? What a sprint in Roubaix!
— Paris-Roubaix Hauts-de-France (@parisroubaix) April 12, 2026
Quel duel sur le Vélodrome de Roubaix ! ??#ParisRoubaix ???? pic.twitter.com/nLBB7wyncO
Der erwartet zähe Kampf um die Gruppe des Tages endete damit, dass keine solche entstand. Trotz etlicher Attacken jagte ein geschlossenes Feld in den ersten Pavé-Sektor, Troivilles á Inchy, – angeführt von Ineos Grenadiers. Pedersen ereilte dort einer der zahllosen Reifenschäden, so dass der Däne solo hinterherfahren musste. Van Aert musste wenig später auch das Rad wechseln und wurde von einem Teamkollegen zurück ins Feld gebracht.
UAE übernahm während der ersten Sektoren die Kontrolle. Nach den ersten fünf Pavé-Abschnitten hatte das Pogacar-Team das Feld bereits auf gut 50 Fahrer dezimiert. In der zweiten großen Gruppe versuchte vor allem UNO-X Mobility die Lücke zu schließen. 120 Kilometer vor dem Ziel hatte dann Pogacar einen Defekt. Er musste auf ein Rad des neutralen Begleitwagens wechseln, da sein Teamfahrzeug hinter dem nur 30 Sekunden distanzierten zweiten Feld feststeckte.
Nach 5000 Metern konnte der Weltmeister auf sein offizielles Ersatzrad umsteigen. Seine Teamkollegen ließen sich zurückfallen und sorgten anschließend für hohes Tempo im zweiten Feld, um ihren Kapitän zurück zu ersten Gruppe zu bringen, wo vor allem Alpecin – Premier Tech von vorn fuhr. So gelangten auch eine ganze Reihe weiterer abgehängter Fahrer wieder ins Geschäft. In Sektor 20, Haveluy à Wallers, sorgte van er Poel mit einem Angriff für eine weitere Selektion. Weil sich die daraus resultierende, 30 Mann umfassende Gruppe nicht einig war, kam Pogacar zurück, der nun aber nur noch Florian Vermeersch als Helfer dabei hatte.
Van Aert führte die neu formierte 40-Mann-Gruppe in den Wald von Arenberg. In etwa nach der Hälfte dieses Sektors hatte dann mit van der Poel der vierte der großen Favoriten einen Defekt – und der ereilte ihn in einem denkbar schlechten Moment. Teamkollege Jasper Philipsen bot ihm sein Rad an, doch mit dem kam van der Poel nicht zurecht, so dass er nach wenigen Metern wieder abstieg. Ein von Tibor del Grosso in van der Poels Maschine eingespanntes Vorderrad war schnell ebenfalls platt. So verließ der Vorjahresieger den Wald von Arenberg mit zwei Minuten Rückstand.
Pogacar, Van Aert, Pedersen, Laporte, Bissegger, Stuyven und Laurence Pithie (Red Bull – Bora -hansgrohe) waren vorn beisammen, nachdem sie sich im Wald von Arenberg hatten absetzen können. 20 Sekunden dahinter hatte sich eine Gruppe um Ganna gebildet.
Der Italiener griff im nächsten Sektor an, brachte Jordi Meeus (Red Bull – Bora – hansgrohe) mit nach vorn, doch dann hatte der Ineos-Kapitän ebenfalls einen Plattfuß und war raus aus der Rechnung. Auf Pavé-Sektor 17 musste dann auch Meeus wieder abreißen lassen. Kurz darauf hatte sein Teamkollege Pithie Defekt. Pogacar musste 72 Kilometer vor dem Ziel nochmal das Rad wechseln. Und auch van Aert ereilte im Sektor 15 zum zweiten Mal das Pech. Pogacar kam schnell zur Spitze zurück, wo Laporte nicht mehr mitführte. So kamen auch die beiden Roten Bullen und der Belgier wieder nach vorn.
In dieser Phase reduzierte van der Poel den Rückstand seiner Gruppe, in der auch Ganna saß, auf unter 30 Sekunden. Kurz vor dem Sektor 12 griff van Aert an, Pogacar reagierte als erstes und kam mit Pedersen zurück zum Belgier. Als der Weltmeister kurz darauf forcierte, konnte nur noch van Aert folgen. Während van der Poel mit Mick van Dijke um den Anschluss kämpfte, stürzte Ganna schwer und war endgültig raus.
Ab Kilometer 40 vor Schluss begann der Abstand der Verfolger dann anzuwachsen, obwohl sich van Aert und Pogacar nicht hundertprozentig einig waren. Im Carrefour de l’Arbre probierte es Pogacar nochmal mit hohem Tempo, ohne van Aert in ernsthafte Schwierigkeiten zu bringen. Auch van der Poel forcierte und kam zwischenzeitlich auf 20 Sekunden an die Spitze heran. Doch zum Zusammenschluss kam es nicht mehr.
Kurz vorm Espace Charles Crupelandts setzte sich Styuven aus der Verfolgergruppe ab. In dieser Phase ging van Aert vorne nicht mehr in die Führung. Im Velodrom zog er in der letzten Kurve an und locker an seinem Widersacher vorbei – beim Jubel am Zielstrich war van Art anzumerken, wie riesengroß die Erleichterung war. Anschließend fiel er jedem Teammitglied um den Hals, der ihm über den Weg lief.