RSNplusFrühe Verfolgungsjagd das Zünglein an der Waage?

“Beine wie Spaghetti“ – Pogacar ging gegen Van Aert die Kraft aus

Von Felix Mattis

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Wout van Aert (Visma - Lease a Bike) schlägt Tadej Pogacar (UAE - Emirates - XRG) im Sprint im Velodrome und gewinnt Paris-Roubaix. | Foto: Cor Vos

13.04.2026  |  (rsn) – Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) hat alles probiert. Immer wieder versuchte der Slowene, mit harten Antritten Wout van Aert (Visma – Lease a Bike) zu distanzieren. Doch der Belgier ließ sich im 54 Kilometer langen Paarzeitfahren von Sektor 12 bei Bersée bis ins Velodrome von Roubaix einfach nicht abschütteln – und war dann am Ende im Sprintduell nach 258 Kilometern tatsächlich der Stärkere.

"Ich kann mir kein besseres Szenario vorstellen, um hier zu gewinnen, als gegen den Weltmeister", strahlte van Aert im Sieger-Interview, nachdem der 31-Jährige im Innenraum des berühmtesten Radstadions der Welt viele Freudentränen vergossen hatte. "Das Wort 'Weltmeister' sagt es ja schon: Er ist ein echter Champion und ihn hier Mann gegen Mann im Sprint zu schlagen, ist wirklich besonders für mich."

Klar: Auf dem Papier gilt van Aert als der bessere Sprinter, doch nach 258 Kilometern – davon 54 über Kopfsteinpfaster und die letzten 120 durchgehend bei Vollgas – kann man sich von Papierformen nur selten noch etwas kaufen. Es gab für den Sprint im Velodrome keinen klaren Favoriten, auch wenn Pogacar trotzdem betonte: "Er hat schon auf den Champs-Élysées gewonnen, also ist es recht hart, gegen ihn zu gewinnen." ___STEADY_PAYWALL___

"Hatte noch eine winzige Hoffnung auf den Sprint"

Viel entscheidender als die theoretische Sprintstärke waren in Roubaix an diesem 12. April aber die Kraftreserven. Das war am Ende deutlich zu sehen und für den Slowenen auch zu spüren: "Ich hatte noch eine winzige Hoffnung auf den Sprint", sagte Pogacar, der auf dem Oval von vorne fuhr. "Aber als ich angetreten habe, fühlten sich die Beine an wie Spaghetti."

Der Mann, dem nur der Sieg in Roubaix weiterhin fehlt, um in seiner Karriere alle fünf Monumente des Radsports gewonnen zu haben, konnte kaum mehr beschleunigen, während van Aert eingangs der letzten Kurve förmlich an ihm vorbeischoss und dann deutlich gewann.

Kleiner Stein, großer Stein: Pogacar und van Aert mit ihren Trophäen in Roubaix. | Foto: Cor Vos

"Der schwierigste Teil war es, ins Velodrom zu kommen", sagte van Aert selbst. "Tadej hat so oft attackiert und ich war am Limit, um an seinem Hinterrad zu bleiben. Aber als wir Carrefour de l'Arbre passiert haben, wusste ich, dass wir um den Sieg sprinten werden und ich eine gute Chance habe."

Für van Aert war dabei ausschlaggebend, dass er schon einige Jahre länger als sein Kontrahent vom Sieg in Roubaix träumt und eine mögliche Sprintankunft im Velodrome bereits unzählige Male visualisiert hat.

Van Aert: "Vielleicht habe ich den Rennverlauf heute gebraucht"

"Ich habe meinen Sprint hier in meinen Träumen und meiner Vorbereitung schon so oft gemacht und wusste genau, was ich zu tun habe: Ich wollte früh lossprinten und die kürzeste Linie wählen, das hat funktioniert", meinte der Belgier, sagte in seinen Ziel-Interviews aber auch folgenden Satz: "Vielleicht habe ich den Rennverlauf heute gebraucht, um diesen Sieg einzufahren."

Denn Pogacars zahlreiche Angriffsversuche auf flachem Terrain und Kopfsteinpflaster kosteten schließlich nicht nur den "am Limit" folgenden van Aert Kräfte, sondern auch dem Slowenen selbst – zumal der, das zeigte sich mehrmals, technisch nicht auf dem Level des Belgiers unterwegs war, mehr Fahrfehler machte und so zusätzlich Energie verbrauchte. Eingangs des Carrefour de l'Arbre wäre er, gerade als er noch einmal attackierte, beinahe gestürzt – Pogacar rutschte weg und schon war van Aert wieder direkt am Hinterrad.

Van Aert ließ sich von Pogacar einfach nicht abschütteln. | Foto: Cor Vos

Dazu kam, dass für Pogacar das Vollgas-Finale schon früher begann, als für van Aert: Denn als der Slowene 120 Kilometer vor dem Ziel wegen eines Defekts stoppte und auf eines der blauen Ersatz-Fahrräder vom neutralen Materialwagen wechseln musste, geriet der Slowene ins Hintertreffen. Ein weiterer Wechsel auf sein eigenes Ersatzrad folgte einige Kilometer später und insgesamt war der Slowene 21 Kilometer auf der Verfolgung des Hauptfeldes um van Aert und Co., in dem vor allem Alpecin – Premier Tech zu dieser Zeit aufs Tempo drückte. Pogacar dahinter musste viel selbst im Wind fahren, auch wenn ihn schließlich Mikkel Bjerg und Nils Politt stark unterstützten und noch rechtzeitig vor dem Wald von Arenberg zurückbrachten.

Pogacar schon vor Arenberg "gekocht"

"Die meisten hatten heute viele Probleme mit Platten", wollte Pogacar seine Niederlage nach dem Rennen nicht auf sein Pech schieben, erklärte aber auch, dass die Verfolgungsjagd vor der Schlüsselstelle Arenberg ihm sehr zugesetzt hatte. "Ich war dann schon etwas gekocht", meinte er. "Und als ich später mit Wout vorne war, hatte ich nicht mehr die Frische in den Beinen, um ihn auf den Kopfsteinpflaster abzuhängen. Ich habe recht schnell erkannt, dass das eine 'Mission Impossible' war."

Neben seiner 20-Kilometer-Verfolgungsjagd zwischen Querenaing und Arenberg musste Pogacar auch 72 Kilometer vor dem Ziel nach dem Pavé von Brillon nochmal unfreiwillig sein Arbeitsgerät wechseln. Da aber verlor er nur wenig Zeit und war drei Kilometer später wieder drin in der bereits auf sechs Mann geschrumpften Spitzengruppe um van Aert, Christophe Laporte (Visma – Lease a Bike), Jasper Stuyven (Soudal – Quick-Step), Mads Pedersen (Lidl – Trek) und Stefan Bissegger (Decathlon – CMA CGM).

Bitter: Nach seinem ersten Defekt war Pogacar auf dem blauen Rad vom neutralen Materialwagen unterwegs. | Foto: Cor Vos

Zur ganzen Wahrheit gehört aber, dass auch van Aert nicht verschont blieb. Denn rund einen Kilometer nach Pogacar musste auch van Aert auf Sektor 15 stoppen und Pogacar an sich vorbeirauschen sehen, während er auf einen Radwechsel wartete. Was folgte war auch für den Belgier eine zehn Kilometer lange Verfolgungsjagd gemeinsam mit Laurence Pithie und Jordi Meeus (beide Red Bull – Bora – hansgrohe) bis er wieder vorne dabei war.

Pogacar 2027 wieder in Roubaix? "Gebt mir noch Zeit"

Trotzdem hielt der 31-Jährige an seinem Plan fest und ritt sieben Kilometer später die Attacke, die er sich vor dem Rennen vorgenommen hatte: Ein Vollgas-Vorstoß auf Sektor 12, dem nur Pogacar und für einen kurzen Moment Pedersen folgen konnten, und der das Rennen schließlich vorentschied, so dass es nur noch das Duell zwischen dem Belgier und dem Slowenen gab.

Während im Lager der 'Killerbienen', so der selbstgegebene Spitzname der Visma-Mannen in Gelb-Schwarz, alle strahlten, stand Pogacar im Velodrome die schwere Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Es dauerte lang, bis er sich in der Mixed Zone den TV-Teams stellte, wo er auch gefragt wurde, ob nun also doch Roubaix das für ihn am schwersten zu gewinnende Rennen sei. "Aktuell schaut es danach aus. Vor ein paar Wochen hätte ich noch gesagt Sanremo. Es war aber auch erst mein zweites Mal heute", antwortete er. Kehrt er also 2027 zurück, um es ein drittes Mal zu versuchen? Bestätigen wollte Pogacar das noch nicht. "Gebt mir noch ein bisschen Zeit."

Nils Politt tröstet Tadej Pogacar im Ziel in Roubaix. | Foto: Cor Vos

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