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18.04.2026 | (rsn) – Das Amstel Gold Race (1.UWT) ist immer mal wieder für eine Überraschung, auch wenn es überwiegend große Namen, die in den Siegerlisten stehen. Und doch ist das einzige niederländische WorldTour-Rennen dieser Tage auch irgendwie eine spezielle Nische. Enrico Gasparotto beispielsweise hat in seiner Karriere nicht allzu viel gewonnen – unter seinen Siegen befindet sich aber zweimal das Amstel (2012 und 2016). Dazu kommen zwei weitere dritte Plätze. Ähnliches Beispiel: Michael Valgren (2018), Amstel-Sieger und Vize der jüngeren Vergangenheit. Jelle Vanendert stand zwar nie ganz oben, doch das passierte ihm in seiner Laufbahn ohnehin fast nie. Aber auch er wurde zweimal Zweiter in Valkenburg.
Das gewisse Etwas beim Auftakt zur Ardennenwoche zeigte sich auch im vergangenen Jahr. Auf die Zielgerade gehen gemeinsam Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) und Remco Evenepoel (damals noch Soudal – Quick-Step); und Mattias Skjelmose (Lidl – Trek). Etwas ungläubig waren direkt nach dem Zielstrich alle drei. Doch der Däne deshalb, weil er die beiden Superstars geschlagen hatte und neben der Tour de Suisse (2.UWT) gerade den größten Erfolg seiner Karriere eingefahren hatte.
Pogacar fehlt in diesem Jahr, genau wie in Tom Pidcock (Pinarello – Q36.5) eine weitere siegerprobte Konstante auf dem Amstel-Podium der jüngeren Vergangenheit. Wer also gewinnt im Süden Limburgs? Titelverteidiger Skjelmose, einziger früherer Sieger des Rennens auf der Startliste, aber im bisherigen Saisonverlauf nicht mit der besten Form, zuletzt auch noch leicht kränklich und ohnehin nur so eine Art Not-Leader, weil Juan Ayuso ganz absagen musste?
Oder dann doch eher Evenepoel, der zwar an langen Anstiegen im Saisonverlauf so seine Probleme hatte, sich bei kürzeren Rampen aber recht gefällig zeigte und deshalb auch sein Debüt bei der Flandern-Rundfahrt (1.UWT) als Dritter beendete? Es spricht mehr für den Belgier als für den Skjelmose.
Allerdings wird es dem Amstel Gold Race und seinen Teilnehmern nicht gerecht, die Favoritenrolle auf diese zwei Profis zu beschränken. Im Gegenteil. Die Liste ist recht lang und vereint Fahrer, die durchaus unterschiedliche Stärken haben. Und genau das dürfte es für Evenepoel, der mit dem Stempel des Topfavoriten anreist, schwierig machen, alles zu kontrollieren.
Anders als in vielen Rennen der bisherigen Saison, in denen Red Bull häufig mit Doppelspitze unterwegs war, ist Evenepoel gegen seine vielleicht größten Konkurrenten in der Unterzahl. Ineos Grenadiers kommt mit dem kletterstarken Kevin Vauquelin sowie mit Dorian Godon und Axel Laurance gleich mit sprintstarken Männern, die in mittelschweren Finals zuletzt kaum abzuhängen waren und Siege feierten. Bringen sie ihre Beine aus den letzten Rennen mit, kommen sie in absoluter Topform. Die größte Aufgabe im britischen Team könnte es daher werden, drei potenzielle Siegfahrer unter einen Hut zu bringen.
Zwei Asse, die ebenso verschieden sind, hat Visma | Lease a Bike. Christophe Laporte war einer der formstärksten Profis auf Kopfsteinpflaster überhaupt und hat er trotz Helferrolle für Wout van Aert auch ergebnistechnisch seine beste Klassikersaison seit 2023 hingelegt. Gerade nach dem gesundheitlich schwierigen Jahr 2025 ist der Ex-Europameister wieder voll auf der Höhe. Sollte die Strecke für ihn doch eine Nummer zu schwierig werden – Amstel ist er erst einmal gefahren in seiner Karriere – kann Matteo Jorgenson einspringen. Der war hier ebenfalls erst einmal am Start und einen komplett anderen Saisonaufbau, war zuletzt bei Sanremo im Rennsattel. Mit viel Hoch und Runter kommt der US-Amerikaner aber eigentlich gut klar.
Bei UAE wird der Zweite von 2022, Benoit Cosnefroy, die Leaderrolle einnehmen. Bis zum Brabantse Pijl (1.Pro), den er als Dritter beendete, schien der Franzose noch nicht so richtig angekommen im Superteam. Die Chancen, auf eigene Kappe zu fahren, waren bislang allerdings auch übersichtlich. Doch weil Pogacar nur Lüttich-Bastogne-Lüttich (1.UWT) fährt und Tim Wellens zwar wieder dabei, aber nach seinem Schlüsselbeinbruch bei Kuurne-Brüssel-Kuurne (1.Pro) noch nicht wieder topfit ist, wartet die nächste Chance für den 30-Jährigen.
Während Romain Gregoire (Groupama – FDJ United) wie Cosnefroy, Jorgenson und Skjelmose eher zum Lager der kletterstarken Mitfavoriten gehört, ist sein Landsmann Paul Lapeira (Decathlon – CMA CGM) eher in die Sprinterfraktion um Godon, Laurance und Laporte zu packen. Gerade Gregoire hat im Saisonverlauf schon einige Energieleistungen abgerufen, die jedoch in den seltensten Fällen belohnt wurden. Es wäre eine Amstel-Geschichte. Das trifft auch auf Alex Aranburu (Cofidis) aus dem Sprinterlager zu. Der hat seine Story allerdings schon zu Hause im Baskenland geschrieben. Seit 2021 ist seine Amstel-Bilanz dazu auch konsequent schlechter geworden.
Kaum schlechter laufen kann es derweil für die beiden Tudor-Aushängeschilder Julian Alaphilippe und Marc Hirschi. Während der Franzose im Saisonverlauf immerhin schon durch die eine oder andere Ausreiß-Aktion auffällig wurde, blieb Hirschi wie schon 2025 bislang erneut ziemlich blass. Die Ardennenwoche zählt beim Cancellara-Team 2026 zu den wichtigsten Terminen im Kalender. Die erhofften Spitzenergebnisse kämen allerdings aus dem Nichts.
Anders bei Jayco – AlUla. Nach dem Pfeil von Brabant hat das Team mit Sieger Anders Foldager nun sogar ein zweites Eisen im Feuer. Option Nummer eins dürfte aber weiterhin Mauro Schmid sein, der grundsätzlich gut auf dem welligen Terrain zurechtkommt, der Kletterfraktion angehört und auch nicht ohne Form anreist. So richtig gezündet hat er in den Ardennen bisher aber nicht, dort war bislang immer noch etwas Luft nach oben. Ein Sieg wäre also schon eine Überraschung, doch die hat das Amstel Gold Race zuletzt immer mal wieder geliefert.