RSNplusLiechti gewinnt die Gracia Orlova

Nexetis: Das Schweizer Multi-Disziplin-Ausbildungs-Nationalteam

Von Tom Mustroph aus Orlova

Foto zu dem Text "Nexetis: Das Schweizer Multi-Disziplin-Ausbildungs-Nationalteam"
Das Team Nexetis bei der Gracia Orlova 2026. | Foto: J. Vaishar / Gracia Orlova

04.05.2026  |  (rsn) - Den Versuch, eierlegende Wollmilchsäue zu züchten, also Tiere, die sowohl Fleisch und Milch als auch Wolle liefern und darüber hinaus noch Tag für Tag Eier – für die nicht-veganen Teile der Zweibeinergesellschaft – produzieren, haben zumindest metaphorisch schon viele gemacht. Im letzten Jahr gründete auch Swiss Cycling eine Art Schweizer Messer für den Frauenradsport.

Nexetis heißt es - ein Neuwort, das sich laut Auskunft des Schweizer Nationaltrainers Edi Telser auf das lateinische Wort Nexus für Verbindung, das englische Next und das griechische Wort Ethos beziehen soll. Telser ist in Doppelfunktion auch Sportlicher Leiter des Teams. Bei der Rundfahrt Gracia Orlová (2.2) betreut aber die ehemalige Mountainbikerin Linda Indergand die Sportlerinnen. Die Bronzemedaillengewinnerin von Olympia 2021 in Tokio – damals besetzten drei Schweizerinnen das Podium – soll eigentlich den Mountainbikebereich im Team stärken, ist aber eben auch auf der Straße präsent.

Den dualen Ansatz hält sie für perfekt. "Ich glaube, man profitiert extrem von beiden Seiten. Also auf dem Mountainbike musst du richtig spritzig sein, schnell, kräftig. Das bringt aber auch auf der Straße etwas für den Sprint oder den Zwischensprint. Und die langen Einheiten auf der Straße führen zu Ausdauer, die auch auf dem Bike hilft", sagte sie radsport-news.com nun in Tschechien. ___STEADY_PAYWALL___

Entscheidend sei natürlich immer der Zeitpunkt. "Im Januar ist eher Ausdauer gefragt. Da sind wir mit dem Rennrad im Trainingslager und spulen die Kilometer ab. Je näher die Wettkämpfe aber heranrücken, desto spezifischer wird das Training", sagte sie. Dann liege der Fokus mehr auf der Spritzigkeit. Und Techniktraining auf dem Moutainbike gab es bereits im Dezember.

Schweizer Mischung: Schnee, Straße, Bahn & Mountainbike

Klassisch für ein Schweizer Team gab es im Dezember den Saison-Kick Off im Schnee, auf Langlaufski in Davos. Zusätzlichen Input gibt es durch das Bahntraining, erläuterte Ingergand noch. "Es ist richtig und auch wichtig, dass man gerade in jungen Jahren mehrere Disziplinen fährt und das unterstützt. Auf der Bahn lernt man vielleicht ein bisschen mehr über Taktik, auf dem Bike hat man sicher viele technische Vorteile und auf der Straße braucht es das ganze Paket. Wir versuchen, auch in der U17-Nationalmannschaft wirklich alle Disziplinen abzudecken."

Das Team Nexetis führt das Peloton in Tschechien an. | Foto: J. Vaishar / Gracia Orlova

Rein personell wurde bei Nexetis die Bahnschiene im letzten Jahr allerdings vor allem durch zwei japanische Sportlerinnen abgebildet, die in der letzten Saison das Tableau füllten, um für das Team die Teilnahme an Rennen überhaupt möglich zu machen. In diesem Jahr sind sie nicht mehr dabei. Als Road Captain kam die erfahrene Niederländerin Nina Kessler neu hinzu.

Frontfrau des Teams ist allerdings Straßentalent Jasmin Liechti. Sie könnte längst bei größeren Teams fahren, bevorzugte aber das vertraute Umfeld. Bei der Gracia Orlova lieferte sie sich einen heißen Kampf mit der seit dem ersten Tag Gesamtführenden Emily Dixon (Canyon – SRAM – zondacrypto Generation). Am Ende gewann Liechti die Rundfahrt sogar, allerdings stieg Dixon wegen Magenproblemen auf der letzten Etappe auch vorzeitig vom Rad. "Natürlich ist es schade, so zu gewinnen. Es wäre cool gewesen, wenn wir diesen GC-Fight gegeneinander hätten austragen können“, meinte sie gegenüber RSN.

Aktuelle Gallionsfigur: Jasmin Liechti

Liechti betonte aber auch, dass sie und ihr Team heiß auf den Kampf waren: "Ich bin super stolz auf das Team, wie wir alle versucht haben, diesen Sieg zu beschützen." Ein paar taktische Umstellungen brachte der frühe Ausfall von Hauptkonkurrentin Dixon allerdings mit sich. "Wir mussten so nicht auf die Bonussekunden im Zwischensprint gehen und konnten etwas Kraft sparen", erklärte Indergand.

Im Etappenfinale mischte Liechti dann aber wieder mit und wurde Etappendritte. "Am Schluss, als dann klar war, dass das GC sicher war und ich doch noch ein bisschen Beine hatte, haben wir noch versucht, diesen Etappensieg zu holen. Es hat dann nicht mehr ganz gereicht. Aber es ist okay so“, bilanzierte sie ihren Auftritt bei der Gracia Orlova.

Jasmin Liechti (Nexetis) bejubelt ihren Gesamtsieg bei der Gracia Orlova 2026. | Foto: J. Vaishar / Gracia Orlova

Ihre größte Stärke sieht die 23-Jährige, die im vergangenen Jahr bereits Schweizer Vizemeisterin im Einzelzeitfahren war, Zweite der Gracia Orlova wurde und die Portugal-Rundfahrt gewann sowie zum Bronze-Team in der Mixed-Staffel bei der WM in Ruanda gehörte, in der Vielseitigkeit. "Zeitfahren ist sicher meine große Leidenschaft. Hügel mag ich am liebsten. Aber ich versuche, überall ein bisschen dabei zu sein."

Nexetis braucht für die Zukunft einen Sponsor

Indergand sieht Liechti nach der schon sehr beachtlichen Saison 2025 noch einmal weiterentwickelt. "Sie konnte in diesem Jahr nochmals einen Schritt machen. Sie ist wirklich sehr stark, lernt immer noch sehr viel dazu. Sie hat richtig viel Potenzial und ich bin gespannt, wie weit das noch geht", sagte die Sportliche Leiterin.

Damit scheint der Abschied vom Team schon vorprogrammiert. Für Indergand wäre das kein Grund zur Trauer, sondern eher Bestätigung der eigenen Arbeit. "Wir behalten sie natürlich gerne, aber irgendwann wird es schwierig. Da haben größere Teams auch mehr Budget. Und das sollte auch so sein, dass man eine Ausbildung hat und sich noch weiterentwickeln kann, wenn man in ein größeres Team geht."

Alles gegeben: Nexetis-Fahrerinnen im Etappenziel. | Foto: J. Vaishar / Gracia Orlova

Der Fokus Ausbildung bleibt also der vorherrschende. Allerdings ist in Sachen Zukunftsplanung auch bei dem Team, das die Zukunft im eigenen Namen trägt, noch einiges zu tun. Die Konti-Lizenz bekam der Rennstall, der eng verbandelt ist mit dem Verband, nur dank einer Ausnahmeregelung der UCI. Fürs nächste Jahr muss, Stand jetzt, ein Sponsor her, um größere finanzielle Unabhängigkeit vom Verband zu garantieren. Als privilegierten Zugang zum Nationalteam sieht Indergand ihren Arbeitgeber übrigens nicht. "Ja, es sind ein paar Fahrerinnen, die in der Nationalmannschaft sind. Aber es gibt auch andere Wege, für das Nationalteam berufen zu werden", betonte sie.

Ausnahmesituation Nationalteam als Konti-Rennstall

Es gibt allerdings einen Interessenskonflikt im Radsport. Junge Sportler aus Ländern, die keine starken national orientierten Profiteams haben, müssen sich schon früh gegen internationale Konkurrenz durchsetzen, um überhaupt in den U23-Bereich, geschweige denn ins Profi-Lager zu kommen.

"Es existiert derzeit kein Gefäß, in welchem sich unsere aufstrebenden Straßenfahrerinnen entwickeln können, kein Team, das Schweizerinnen fördert", beschrieb Nationalcoach Telser das Dilemma, das zur Gründung von Nexetis führte. Das Problem haben nicht nur Schweizerinnen und Schweizer, auch junge deutsche Talente müssen sich damit herumschlagen.

Auf der anderen Seite drohen verkappte Nationalteams den unabhängigen Kontinental-Rennställen die Talente abzusaugen, wenn denen vermittelt wird, der Weg zu Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen führe nur über bestimmte Teams. Ein Strukturproblem, das gelöst werden muss.

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