RSNplusDer Tech-Check des Giro-Zeitfahrens

Italienischer Maßanzug, Komfort statt Aero & freie Helmwahl

Von Christoph Matt

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Filippo Ganna (Netcompany - Ineos) fuhr sein bewährtes Pinarello Bolide F TT fast zwei Minuten schneller als der Zweite über den Parcours. | Foto: Cor Vos

20.05.2026  |  (rsn) - Das 42 Kilometer lange, flache und über weite Strecken geradeaus führende Zeitfahren war für die Profis nicht nur ein recht harter psychologischer und physischer Kampf gegen die Uhr, sondern ebenso ein Wettbewerb des besten Materials. Auch wenn keine neuen Rahmenmodelle oder noch ausgefallenere Helmformen gezeigt wurden, fielen doch einige interessante Details auf.

Bei Lidl - Trek wird das Thema Aerodynamik derzeit sehr akribisch angegangen. Da die Trek-Tochterfirma Bontrager aktuell keinen eigenen Zeitfahrhelm im Sortiment hat, müssen die Fahrer sich außerhalb des gesponserten Materials umschauen. Die Wahl fällt dabei sehr unterschiedlich aus und zeigt, dass jeder Fahrer aero-getestet oder zumindest individuell optimiert wurde. ___STEADY_PAYWALL___

So setzte sich Tim Torn Teutenberg ein Modell von Limar auf, Derek Gee-West vertraute auf MET und Max Walscheid trug einen Helm von Abus. Diese Vielfalt zeigt, dass es bezüglich der Aerodynamik nicht den einen besten Hersteller gibt, sondern jede Kopf- und Körperhaltung eine maßgeschneiderte Lösung verlangt.

Max Walscheid (Lidl – Trek) beendete das Zeitfahren auf einem sehr guten sechsten Platz. | Foto: Cor Vos

Auch beim Laufradsatz fehlt der seit dieser Saison mit deutscher Lizenz fahrenden Mannschaft im Zeitfahren das Material des Sponsors. Bontrager produziert aktuell keine Scheibe fürs Hinterrad. Nachdem die Fahrer in der Vergangenheit deswegen meist Scope fuhren, griff das Lidl - Trek für die erste Grand Tour des Jahres ganz oben ins Regal und war mit dem Scheibenrad von Princeton CarbonWorks unterwegs. Walscheid fuhr zudem mit dem markante Trispoke-Vorderrad des US - amerikanischen Herstellers auf den sechsten Platz.

Am Arbeitsgerät des Medizinstudenten fielen außerdem neue Powermeter-Pedalen von SRM auf. Diese bauen extrem flach und minimieren dadurch die Sitzhöhe um einige Millimeter, was die Stirnfläche verkleinert und das System etwas schneller macht.

Neues Colnago bisher nur für Pogacar

Nach dem neuen Colnago TT2 suchte man auf  der 10. Giro-Etappe vergebens. Die gesamte Mannschaft von UAE - Emirates - XRG bestritt das Rennen auf dem “alten” TT1. Bisher war lediglich Tadej Pogacar beim Prolog der Tour de Romandie auf dem neuen, leichteren und um zwei Watt schnelleren Boliden unterwegs. 

Wo normalerweise das Visier sitzt, klaffte bei Gall eine große, nicht sehr windschnittige Lücke. | Foto: Cor Vos

Neu war hingegen der Kopfschutz. Die Fahrer trugen einen noch unveröffentlichten MET-Zeitfahrhelm, der deutlich breiter als das Vorgängermodell baut. Besonders das am Ende abgewinkelte Visier fiel auf und soll wohl den Luftstrom gezielt an den Schultern des Fahrers vorbeileiten.

Ganz ohne Visier fuhr Felix Gall (Decathlon - CMA CGM). Der Österreicher bevorzugte, wie er im Interview nach dem Rennen erklärte, aus Komfortgründen eine normale Radbrille, was für mehr Fahrtwind und einen kühleren Kopf sorgen dürfte. Obwohl sein Helm grundsätzlich für ein sehr breites Visier optimiert ist und ohne dieses wohl mehr Windwiderstand bot, nahm er diesen Nachteil scheinbar bewusst in Kauf.

Vingegaards italienischer Maßanzug sitzt

Im Interview am Ruhetag betonte Gall jedoch, dass er nach einigen Optimierungen nun deutlich bequemer und schneller auf dem Zeitfahrrad sitze. Beim Zeitfahren der UAE Tour war seine Position noch deutlich anders. Auf der 10. Giro-Etappe verlor er rund 1:30 Minuten auf Jonas Vingegaard (Visma - Lease a Bike). Da das Zeitfahren nicht gerade Galls Spezialität ist, hielt sich der Schaden damit in Grenzen.

Vor dem Zeitfahren sorgte “das Anzug-Dilemma” von Giro-Favorit Vingegaard  für reichlich Gesprächsstoff. Ungeplant musste der Däne im Blauen Trikot des Führenden der Bergwertung antreten. Ein potenzieller Nachteil, da er somit nicht seinen eigenen, maßgeschneiderten und aerodynamisch optimierten Team-Anzug tragen durfte.

Deutlich besser als übliche Führungstrikots saß der Zeitfahranzug beim zweimaligen Tour Sieger. | Foto: Cor Vos

Castelli, der Trikotausstatter des Veranstalters, entkräftete diese Bedenken gegenüber cyclingnews.com jedoch  - wenig überraschend. Der Hersteller betonte, dass es sich um denselben Anzug handle, den auch Zeitfahrweltmeister Remco Evenepoel (Red Bull - Bora -hansgrohe) trägt. Am Montagnachmittag reiste außerdem extra eine Schneiderin in die Hotels der Fahrer in Führungstrikots, um per Nähmaschine das finale Fitting und letzte Anpassungen vorzunehmen.

Ob der Castelli-Anzug. wie vom Hersteller behauptet. tatsächlich schneller ist als Vingegaards eigener Team-Anzug, lässt sich kaum überprüfen. Tatsächlich saß dieser optisch aber sehr gut und nahezu faltenfrei.

Und der Sieger? Filippo Ganna (Netcompany - Ineos) zeigte der Konkurrenz eindrucksvoll, wer der Chef im Kampf gegen die Uhr ist. Am Setup des Italieners suchte man technische Neuerungen oder Experimente aber vergeblich. Einzig die Lackierung seines Pinarello-Bikes war neu. Form, Sitzposition und Material bedurften scheinbar keiner Änderung, der ehemalige Weltmeister fuhr die Konkurrenz auch ohne Anpassungen in Grund und Boden.

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