RSNplus2026 von einem “Knipps“ zum nächsten

Für Zemke rückt der Profitraum immer näher

Von Kevin Kempf

Foto zu dem Text "Für Zemke rückt der Profitraum immer näher"
Etappensieger bei der Tour du Rwanda: Jermaine Zemke (Rembe – rad-net) | Foto: Tour du Rwanda

21.05.2026  |  (rsn) – Was haben Jens Verbrugghe (NSN Development), Ashlin Barry (Visma - Lease a Bike Development) und Jermaine Zemke (Rembe – rad-net) gemeinsam? Der Deutsche wusste es nicht, freute sich aber sehr über die Antwort. Er ist der Shooting-Star der deutschen U23-Szene, liefert seit dem Februar konstant starke Ergebnisse, wurde zuletzt Achter bei Rund um Köln (1.1) und hat jetzt einen Profivertrag im Visier. RSN sprach mit dem 20-Jährigen, der bisher vor allem als Sohn des ehemaligen Collstrop- und Nürnberger-Profis sowie langjährigen Sportlichen Leiters und aktuellen Bundestrainers, Jens Zemke, bekannt war.

Diesem Bild ist er nun aber dank seiner Leistungen definitiv entwachsen. Doch wie kam es zu dem Sprung im Winter? ”Ich habe einfach mehr Spaß am Radsport. Früher war alles etwas verkrampft, denn ich habe mir selbst viel Druck gemacht und habe den jetzt – wie auch immer – losbekommen“, erzählte Zemke, der einen guten Einstand ins Jahr mit wenigen Krankheiten hatte. “Diesen Riesensprung habe ich im Kopf gemacht und jetzt kann ich zeigen, was ich letztes Jahr schon drauf hatte. Jetzt kann ich es im Rennen umsetzen.“

___STEADY_PAYWALL___

Mens sana in corpore sano

Und da Körper und Geist bekanntlich eine Einheit bilden, zeigte sich auch ein Fortschritt auf dem Wattmesser. “In kürzeren Efforts ist da etwas passiert. Und am Ende der Rennen kann ich noch meine Leistung abrufen. Aber auch das hat viel mit dem Kopf zu tun“, erklärte der Youngster.

Gerade die “kürzeren Efforts“ sind aber etwas, was die Älteren ganz sicher nicht mit dem Nachnamen Zemke verbinden. “Ich bin wirklich sehr gegensätzlich zum Rennfahrertypen meines Vaters. Der war wirklich ein reiner Bergfahrer; je länger der Anstieg, desto besser. Und wenn er im Sprint mit einer Fünfergruppe angekommen ist, wurde er meistens so Vierter“, beschrieb der spurtstarke Rembe-Fahrer eher schmeichelnd. Hat seine Mutter also schnelle Muskeln gehabt? “Sie war Turnerin und dadurch habe ich da vielleicht ein paar Gene abbekommen“, vermutete Zemke lachend.

Nature vs. nurture

Mit einer guten Mischung beider Elternteile hat er das genetische Allround-Wohlfühlpaket installiert. “Ich sehe mich als Rennfahrer, der in schweren Rennen ins Finale kommen und da durch den Sprint ein Topresultat einfahren kann. Wenn es mit 200 Mann auf die Zielgerade geht – da sehe ich mich nicht. Da kann ich zwar auch solide performen, aber für ganz vorn reicht es nicht. Und das gilt auch für Bergankünfte. In naher Zukunft werde ich wohl kein Bergfahrer werden“, analysierte er seinen eigenen Typus.

Als Jermaine 2005 geboren wurde, hatte Jens Zemke seine Karriere bereits seit vier Jahren beendet. Trotzdem ist der Sohn des Ex-Profis “in dieser Radsportbubble aufgewachsen“, wie er sich erinnert. “Ich war schon früh bei Eschborn-Frankfurt, das für mich emotional einen hohen Stellenwert hat. Es hatte immer etwas Magisches. Wenn ich da im Zielbereich gestanden habe, mit Mama. Wenn der Hubschrauber kommt. Man merkt bei den Leuten diese Energie. Für mich war es von Anfang an der Traum, Radsportprofi zu werden“, blickte er zurück.

Jens Zemke | Foto: 123 Media

Viele Jahre später muss sich Zemke beim Erreichen dieses Zieles aber nicht nur auf das verlassen, was ihm seine Eltern mitgegeben haben. “Was mir auch sehr liegt, sind technische Ankünfte. Ich war Mountainbiker und habe da auch an Weltmeisterschaften teilgenommen. Dadurch habe ich viel Selbstvertrauen auf dem Rad und das kommt mir sehr zugute. Auf einem Stadtkurs mit vielen Kurven fühle ich mich wohl“, nannte er eine weitere Stärke. Auch im Cross-Weltcup vertrat er im Winter 2024/2025 zweimal die deutschen Farben.

“Knipps“

Und auch wenn es im Offroad-Bereich nicht für ganz vorn gereicht hat, kommt der Traum von der Karriere als Berufsradfahrer auf der Straße immer näher. “Wenn es einmal ‘Knipps‘ macht und dieser Sieg dabei rausgesprungen ist, das ist ein unglaubliches Gefühl. Danach habe ich mir viel mehr zugetraut, das Team hat mir vertraut. Das war wirklich etwas ganz Besonderes“, beschrieb Zemke. Nach einer Verletzung vor zwei Jahren waren ihm Zweifel gekommen, da er “nur hinterherfuhr“. “Aber einmal platzt dann der Knoten und dann glaubt man wieder dran. Es ist ein realistisches Ziel.“

Und beim Erreichen dieses Ziels könnte auch der Vater wieder ins Spiel kommen, denn der ist aktuell Sportlicher Leiter bei Pinarello – Q36.5. Wie wäre es denn für den Filius, unter dem Papa zu fahren? Traum oder Albtraum? “Boah!“, rief Zemke zwischen Lachen und Verzweiflung. “Da möchte ich mir nichts verbauen oder so. Egal, was ich da jetzt sage, das wäre nicht gut für mich“, scherzte er weiter. Und klar ist nach den Ergebnissen des Frühjahrs auch, dass eine Profikarriere bei ihm nicht am Vitamin B hängen sollte.

Dreimal “Knipps“

Die Erfolgsstory des U23-Fahrers begann im Winter, als er “den Riesensprung im Kopf gemacht“ hatte. Das zweite “Knippserlebnis“ gab es dann im Trainingslager auf Mallorca. Im Rahmen dessen sollte Zemke nach den fünf UCI-Rennen der Mallorca Challenge noch an drei nationalen Rennen teilnehmen, für die er erst nach der Krankheit seines Teamkollegen Benjamin Boos nominiert wurde. “Das erste habe ich dann erst mal mit einem 23 Kilometer langen Solo gewonnen. Da habe ich gemerkt: Dieses Jahr geht was!“

Gehen sollte es anschließend eigentlich nach Kroatien, während ein anderer Teil der Rembe-Mannschaft nach Ruanda fliegen sollte. Doch dann kam die Überraschung: “Hast du morgen Bock nach Ruanda zu fliegen?“, lautete die Nachricht des Teamchefs. Nur zufällig hatte der Youngster auf der Balearen-Insel überhaupt seinen Reisepass dabei. Vorbereitet war er nicht. Im Gegensatz zu seinen Mannschaftskollegen hatte er kein Hitzetraining absolviert und sich nicht spezifisch auf die Tour du Rwanda (2.1) vorbereitet.

Zemke zweifelte, denn das war alles sehr plötzlich und spontan. Ein Telefonat mit seinem Vater brachte Klarheit. “Du hast mir am Anfang des Jahres gesagt, du willst da gern fahren. Jetzt hast du die Möglichkeit!“, zitierte er den 59-Jährigen. “Er hatte mir auch gesagt, ich sollte das mit Ruanda noch nicht abschließen, denn es könne immer noch jemand krank werden. Er ist einfach schon lange im Business und weiß, wie das läuft.“

Jermaine Zemke flog am nächsten Tag nach Kigali – wo seine Karriere direkt eine freudige Wendung nahm. Platz sieben auf der 1. Etappe, Rang acht auf dem zweiten Teilstück und nachdem er zweimal den Anschluss an die besten Kletterer verpasst hatte - der Fokus der Equipe lag sowieso auf Johannes Adamietz, der Gesamtzweiter wurde - kam er am fünften Tag mit 44 Kontrahenten auf die Zielgerade. Er ließ sie alle hinter sich. Knipps!

Zemke, Verbrugghe, Barry – und 25 andere

“Ab da hatte ich das Selbstvertrauen. Ich bin außerdem körperlich robuster geworden und stecke Rennen und Trainings besser weg, sodass ich konstant mein Level abrufen kann“, erläuterte er. An seinen 33 Renntagen auf allen Niveaus hat er 19 Mal die Top 15 erreicht, wie er aufzählte. Zweimal kam er als Erster über den Zielstrich, wobei der Erfolg in Rubavu sein erster und bislang einziger UCI-Sieg war.

Andere Zeiten - Jens Zemke am Tage seiner beiden Profisiege bei der Hessen-Rundfahrt 1999. | Foto: Cor Vos

Und damit schrieb er seinen Namen – und den seines Vaters – auf eine exklusive Liste. Sie waren das 26. Paar, bei dem Vater und der noch aktive Sohn mindestens je ein UCI-Rennen gewonnen haben. Jens Zemke entschied 1999 das Zeitfahren und das Klassement der Internationale Hessen Rundfahrt für sich. Im März zogen zunächst Jens Verbrugghe - Sohn von Rik Verbrugghe – und Ashlin Barry – Sohn von Michael Barry – nach. Da ist also die eingangs erwähnte Gemeinsamkeit.

Zurück zu den Wurzeln

Nach dem Auftritt in Köln gönnt der Rembe-Fahrer sich nun zunächst eine Pause. “Sieben Tage mache ich komplett frei. Dann baue ich für die nächste Saisonhälfte auf“, verriet er. Das geschieht auf sehr unkonventionelle Art und Weise: “Ab Montag bin ich für zweieinhalb Wochen in Ruanda im Höhentrainingslager. Back to the roots!“

Unterstützt von Bike4all, einer niederländischen Organisation, die Entwicklungsländern im Radsport beim Wachstum hilft, und Futurumshop geht der Deutsche mit seinem besten Freund, einem Niederländer, nach Afrika. “Wir sind da im African Cycling Centre und trainieren junge Kinder. Wir bringen ihnen Technik bei und zeigen ihnen, was Radsport eigentlich ist – und ich kann es mit einem Höhentrainingslager verbinden.“ Auch da sind Parallelen zum Papa zu erkennen, der einst das südafrikanische Team MTN – Qhubeka mit in den Profizirkus sowie schließlich zur Tour de France führte und damit in Afrika radsportliche Aufbauarbeit leistete.

Wenn er wieder in Europa ist, geht es für Zemke mit dem Bundesliga-Rennen in Gippingen am 13. Juni und dem GP Gippingen (1.1) einen Tag später weiter. “Ich hoffe jetzt auch von der Nationalmannschaft bei der EM und WM eingesetzt zu werden“, meinte er noch mit Blick auf die weiteren Monate.

RADRENNEN HEUTE

    WorldTour

  • Giro d`Italia (2.UWT, ITA)
  • Radrennen Männer

  • Grande Prémio Beiras e Serra (2.1, POR)
  • Ronde de l`Isard (2.2u, FRA)
  • Tour of Albania (2.2, ALB)
  • 4 Jourse de Dunkerque (2.Pro, FRA)