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07.08.2026 | (rsn) – Am Ende musste sie fast machtlos mitanschauen, wie Kasia Niewiadoma (Canyon – SRAM) ihr das Gelbe Trikot in der Steinwüste des Mont Ventoux entriss. Für Marlen Reusser (Movistar) schien es im Schlussanstieg der 7. Etappe der Tour de France Femmes fast zu einer Bürde zu werden.
Die Schweizerin war in ein regelrechtes Taktikscharmützel mit Demi Vollering (FDJ United – Suez) verwickelt, die Europameisterin war vor der Königsetappe im Gesamtklassement ihre schärfste Konkurrentin. Davon profitierte Kasia Niewiadoma (Canyon – SRAM), die nicht nur die Etappe gewann, sondern am 1.910 Meter hohen "Riesen der Provence" auch in das Gelbe Trikot schlüpfte. Reusser hingegen rutschte noch hinter Vollerin auf den dritten Gesamtrang ab. ___STEADY_PAYWALL___
“Ehrlich gesagt bin ich einfach nur traurig“, sagte Reusser sichtlich niedergeschlagen bei einem Gespräch am Movistar-Begleitfahrzeug gegenüber dem Radsportjournalisten Daniel Benson und RSN. “Ich bin enttäuscht. Ich dachte, dass ich die Etappe gewinnen kann oder zumindest das Gelbe Trikot behalten kann. Das muss ich jetzt runterschlucken.“ Die 34-Jährige bewies aber auch in der Niederlage Größe. “Kasia hat es echt sehr, sehr gut gemacht. Gratulation an sie und Chapeau!“
Der entscheidende Antritt: Kasia Niewiadoma (Canyon – SRAM, vorn) zieht davon, weder Marlen Reusser (Movistar, in Gelb) noch Demi Vollering (FDJ United – Suez) reagieren. | Foto: Cor Vos
Reussers Rückstand auf Niewiadoma im Ziel betrug 1:46 Minuten. Die Polin hatte sich etwa zehn Kilometer vorher von Reusser und Vollering absetzen können. Das Duo kam jedoch fast noch einmal heran. “Das Problem war, dass Demi und ich zu viel markiert haben. Das war wirklich dumm von uns beiden“, erklärte die Schweizerin die Situation. “Demi hatte immer weiter hart attackiert. Ich habe ihr gesagt, dass sie das unterlassen soll und wir einfach zusammenarbeiten sollten. Wir hatten Kasia fest im Blick. Wir hätten die Lücke zu ihr mit Sicherheit noch einmal schließen können.“ Der Abstand betrug zwischendurch lediglich fünf Sekunden.
Das Duo pendelte wie ein Jojo mal näher, mal weiter hinter Niewiadoma. “Wir haben uns beiden schön immer mehr Laktat in die Beine gefahren. Dann wird es für uns beide natürlich immer schwerer“, sagte Reusser, der die Frustration deutlich anzumerken war. Der Abstand wurde dann immer größer, auch wegen der Wetterbedingungen, wie sie gegenüber RSN erklärte. “Mit dem Wind war es für Kasia ein noch größerer Vorteil, weil wir beide natürlich nicht voll fahren wollten mit der anderen am Hinterrad.“
Die Zeitfahrweltmeisterin versuchte dann noch, das Heft in die eigene Hand zu nehmen. “Ich dachte mir irgendwann, dass es um jede Sekunde geht, aber ich glaube, Demi hat noch etwas zurückgehalten“, erklärte Reusser. Die Vorahnung bestätigte sich, als Vollering auf dem letzten Kilometer attackierte und eine Lücke von 30 Sekunden auf Reusser herausfahren konnte. Auf Nachfrage von RSN, was ihr in diesem Moment durch den Kopf ging, antwortete die neue Gesamtdritte: “Scheiß drauf!“
In der Verfolgung waren sich Reusser (vorn) und Vollering nicht einig – Niewiadoma war die lachende Dritte. | Foto: Cor Vos
Eine ähnliche Situation zeigte sich bereits am Ende der 5. Etappe. Auch da war das Trio Reusser, Vollering und Niewiadoma allein an der Spitze. Auf der Zielgerade attackierte auch die Polin, die anderen beiden schauten sich gegenseitig an. Schließlich war es Vollering, die die Lücke schloss und den Tagessieg holte. Am Mont Ventoux waren die Auswirkungen der Taktikspielchen jedoch deutlich gravierender. “Ich glaube, ich hätte direkt auf Kasia reagieren sollen“, gab Reusser in der ARD zu, fügte dann aber zweifelnd an:“ Aber Kasia war auch so stark. Ich weiß nicht, ob ich hier hätte folgen können.“
Im Gesamtklassement hat die Schweizerin nun einen Rückstand von 39 Sekunden auf das Gelbe Trikot. Vollering liegt mit 15 Sekunden Rückstand auf dem zweiten Platz. Mit Blick auf die schwere Schlussetappe in Nizza scheint das Podium trotz der Enttäuschung von heute noch lange nicht ausgemacht. Auch wenn sie direkt nach dem Verlust des Gelben Trikots sich damit noch nicht beschäftigen wollte. “Ehrlicherweise denke ich gerade einfach nur an einen guten Schlaf. Dann werden wir sehen“, sagte sie zu Benson.
Am Ende verpasste Reusser als Vierte am Ventoux sogar noch vier wichtige Bonussekunden. | Foto: Cor Vos
Sicherer war sich da schon ihre Teamkollegin Liane Lippert, die schon vor dem Schlussanstieg ihre Arbeit erledigt hatte und in der ARD auf die Frage, ob Reusser nochmals zur Attacke auf Gelb blasen werde, unmissverständlich antwortete: "Sicherlich. Ich weiß nicht, wie das Rennen ausgegangen ist, woran es gelegen hat oder was passiert ist. Deswegen erstmal analysieren, aber mit Sicherheit noch einmal attackieren.“
Ins gleiche Horn stieß Movistar-Team-Manager Sebastian Unzue gegenüber RSN. "Alles ist möglich. Die Tour ist noch nicht vorbei, bis wir am Sonntag die Ziellinie in Nizza überqueren. Es kann Vieles passieren", sagte der Spanier im Ziel und fügte an, das Movistar das Ziel Toursieg noch nicht aufgegeben habe: "Wir werden es weiter versuchen und wissen, dass Marlen in einer guten Form ist. Heute hatte sie nicht die besten Beine, aber hoffentlich kommen diese am Sonntag wieder zurück. Wir werden es mit Sicherheit versuchen.“
Angesichts von nur 39 Sekunden Rückstand auf Gelb gibt es auch keinen Grund, es nicht zu versuchen.