Teamkollegin Niedermaier verteidigt Weißes Trikot

Niewiadoma erobert Gelb mit Gala-Vorstellung am Ventoux

Von Matthias Seng

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Kasia Niewiadoma-Phinney (Canyon – SRAM) hat die Königsetappe der Tour de France Femmes gewonnen. | Foto: Cor Vos

07.08.2026  |  (rsn) – Kasia Niewiadoma-Phinney (Canyon – SRAM) hat mit einer grandiosen Vorstellung die Königsetappe der Tour de France Femmes 2026 für sich entschieden und mit ihrem ersten Tagessieg bei einer Frankreich-Rundfahrt auch das Gelbe Trikot der Gesamtführenden übernommen. Nach einer Attacke schon gut neun Kilometer vor dem Ziel erreichte die 31-jährige Polin den Gipfel des 1.910 Meter hohen “Riesen der Pyrenäen“ 1:16 Minuten vor der Niederländerin Demi Vollering (FDJ United – Suez).

Dritte wurde die Italienische Meisterin Elisa Longo Borghini (UAE – L’Imad / +1:42) vor Marlen Reusser (Movistar / +1:46), die vom ersten auf den dritten Platz der Gesamtwertung zurückfiel. Hier liegt die Schweizerin nun 39 Sekunden hinter der neuen Spitzenreiterin, die wiederum 15 Sekunden Vorsprung gegenüber Vollering aufweist.

“Ehrlich gesagt ist es schwierig, meine Gefühle zu beschreiben. Ich bin immer noch sprachlos. Ich fühle so viel Dankbarkeit. Dieser Sieg ist für so viele Leute, die an meiner Seite waren auf dieser langen Durststrecke ohne wirklich großen Sieg. Ich will einfach allen Danke sagen. Ich bin so müde und so überwältigt von dem, was gerade passiert ist“, kommentierte Niewiadoma im Flash-Interview ihren 22. Sieg ihrer Karriere, der nach dem Gewinn der Tour de France 2024 der größte ihrer Karriere ist und der mit vielen Emotionen verbunden ist.

Ein Sieg für “meine Familie, meine Freunde, mein Team“

“Als wir in den Anstieg zum Mont Ventoux reingefahren sind, habe ich nach rechts geschaut und meine Eltern gesehen. Das war eine Überraschung. Ich habe meinen Vater weinen sehen. Ich dachte mir einfach, ich muss sie stolz machen. Also ist dieser Sieg für meine Familie, meine Freunde, mein Team, meinen Mann Taylor und meinen Trainer. Speziell auch an meinen Teamchef Ronny (Lauke). Sie alle wissen, wie viel ich für diesen Sieg investiert habe. Sie sind immer an meiner Seite und hören sich auch meine Beschwerden an. Es ist eine lange Rede, aber ich bin einfach überwältigt“, sprudelte es aus ihr heraus.

“Ich glaube, ich hätte direkt auf Kasia reagieren sollen. Aber sie war auch so stark, dass ich nicht weiß, ob ich ihr hätte folgen können“, sagte Reusser in der Mixed Zone rückblickend auf Niewiadomas entscheidende frühe Attacke, auf die weder sie noch Vollering eine Antwort hatten. “Ich glaube, wir haben uns in diesem Moment zu lange angeschaut“, sagte sie selbstkritisch und fügte an: “Natürlich bin ich sehr enttäuscht. Es ist natürlich sehr ärgerlich.“

Während die Schweizerin im Ziel dennoch Rede und Antwort stand, rollte die offensichtlich ebenso enttäuschte Vollering kommentarlos an den Mikrofonen vorbei.

Eine starke Vorstellung lieferte auch Niewiadomas Teamkollegin Antonia Niedermaier ab, die nach 146,8 Kilometern von Voulte-sur-Rhone zum Ventoux zeitgleich hinter der Spanierin Paula Blasi (UAE – L’Imad) Tagessechste wurde und ihm Gesamtklassement ihren fünften Platz (+3:21) hinter Longo Borghini (+2:59) und auch das Weiße Trikot behauptete.

In der Nachwuchswertung liegt die 23-jährige Rosenheimerin nun 1:11 Minuten vor der gleichaltrigen Blasi, die Isabella Holmgren (Lidl – Trek / +2:48) auf Rang drei verdrängte. Die Kanadierin war als Tageszehnte (+4:11) noch hinter der Französin Cédrine Kerbaol (EF Education – Oatly / +2:01), der Polin Dominika Wlodarczyk (UAE – L’Imad / +3:26) und Kim Le Court (AG Insurance – Soudal / +3:58) ins Ziel gekommen.

Die Niederländerin Puck Pieterse (Fenix – Premier Tech) gewann die ersten beiden Bergpreise und festigte damit ihre Spitzenposition im Kampf um das Gepunktete Trikot. Ihre Landsfrau Lorena Wiebes (SD Worx – Protime) bleibt an der Spitze der Punktewertung. UAE – L’Imad behauptete die Führung in der Teamwertung.

So lief die 7. Etappe der Tour de France Femmes:

Ohne Anna van der Breggen (SD Worx – Protime) wurde die Königsetappe der 5. Tour de France Femmes gestartet. Die Giro-Dritte hatte sich nach Angaben ihres Teams seit dem Grand Départ bereits nicht wohl gefühlt und lag im Gesamtklassement bereits weit zurück. Da auch die Norwegerin Katrine Aalerud (Uno-X Mobility) und die Kanadierin Kiara Lylyk (Mayenne – Monbana - My Pie) nicht mehr antraten, nahmen am Mittag bei erneut großer Hitze mit Temperaturen jenseits der 30 Grad noch 128 Fahrerinnen das rund 3.500 Höhenmeter aufweisende Teilstück in Angriff.

Am gleich nach dem Start anstehenden Col de la Grande Limite (2. Kat.) blieb das Feld zusammen, so dass Pieterse nach rund 13 Kilometern am Gipfel die maximal möglichen fünf Punkte einfahren konnte. In der Abfahrt und dem folgenden Flachstück kam es zu einigen erfolglosen Attacken, so dass die Bergkönigin auch am Col du Colombier (3. Kat.) zuschlug und ihre Führung in der Sonderwertung weiter ausbaute.

Es dauerte bis etwa zur Rennhälfte, ehe sich auf flachem Terrain dann doch noch eine Fluchtgruppe bildete, die aus elf im Gesamtklassement ungefährlichen Fahrerinnen bestand und die sich einen Vorsprung von rund drei Minuten erarbeiten konnte. Zwischen Spitze und Feld fuhren noch Marianne Vos (Visma - Lease a Bike) und Sophie von Berswordt (Volker Wessels), ohne jedoch den Sprung nach vorn zu schaffen.

Das Streckenprofil der 7. Etappe der Tour de France Femmes | Foto: Veranstalter

Den Zwischensprint nach 98 Kilometern sicherte sich Ex-Weltmeisterin Amelie Dideriksen (Cofidis) als prominenteste der Ausreißerinnen vor Romina Hinojosa (Lotto - Intermarché) und Marte Berg (Uno-X Mobility). Wiebes ergatterte aus dem Feld heraus noch drei Zähler für ihr Grünes Trikot. Kurz darauf gewann Ruby Roseman-Gannon (Liv – AlUla – Jayco) den Bergpreis am Col de Suzette (2. Kat.), wo die ersten Fahrerinnen aus der Spitzengruppe herausfielen.

Das Feld lag rund 20 Kilometer vor dem Schlussanstieg nur noch eine Minute hinter den noch neun Ausreißerinnen, ehe Reussers in Bedoin rund 20 Kilometer vor dem Ziel bis auf Roseman-Gannon alle Ausreißerinnen zurückholte. Die routinierte Australierin hielt sich noch bis kurz vor Beginn des offiziell 15,7 Kilometer langen und 8,8 Prozent steilen Schlussanstiegs vor dem schnell kleiner werdenden Feld, in dem Movistar das Tempo hoch hielt.

Gleich zu Beginn des Ventoux fielen Pauline Ferrand-Prévot (Visma – Lease a Bike) und die gestrige Etappensiegerin Le Court zurück. Die Schweizerin Noemi Rüegg (EF Education – Oatly) holte im unteren Teil des Anstiegs nicht nur einige Ausreißerinnen zurück, sondern dünnte mit ihrem Tempo die Spitzengruppe aus, die zwölf Kilometer vor dem Ziel aus nur noch zehn Fahrerinnen bestand. Reusser und Vollering waren hier schon isoliert, wogegen mit Longo Borghini, Wlodarczyk und Blasi gleich drei UAE-Fahrerinnen dabei waren. Neben dem Canyon-Duo Niewiadoma und Niedermaier hielten sich auch noch Holmgren und Kerbaol vorne.

Niewiadoma geht schon früh in die Offensive

Einen Kilometer später sprengte Vollering mit einem trockenen Antritt die Gruppe, zu der neben ihr nur noch Reusser und Niewiadoma gehörten. Lange blieben die Tour-Favoritinnen aber nicht beisammen, denn als die Polin gut neun Kilometer vor dem Ziel attackierte, reagierten weder Reusser noch Vollering. Als Niewiadoma sich 20 Sekunden Vorsprung herausgefahren hatte, fuhr die Europameisterin mit dem Gelben Trikot am Hinterrad dann doch hinter der Spitzenreiterin her.

Die baute ihren Vorsprung, der zwischenzeitlich nur noch fünf Sekunden betragen hatte, mit gleichmäßig hohem Tempo dann aber bis auf über 40 Sekunden aus. Mit mehr als einer Minute Rückstand bildeten Niedermaier, Kerbaol, Longo Borghini und Blasi eine vierköpfige Verfolgerinnengruppe. Am Chalet Reynard sechs Kilometer vor dem Ziel betrug der Vorsprung der Ausreißerin gegenüber Vollering und Reusser schon eine Minute und wuchs danach sogar noch weiter an – bis auf rund 1:50 Minuten.

Obwohl sich Vollering und Reusser in der Verfolgung abwechselten, kamen sie Niewiadoma im Gegenwind nicht nur nicht näher, sondern mussten sich gegen das Quartett um Niedermaier wehren. Erst 500 Meter vor dem Ziel attackierte Vollering und schüttelte Reusser ab, um sich 1:16 Minuten hinter der überragenden Niewiadoma zumindest noch den zweiten Platz und sechs Bonussekunden zu sichern. Die verpasste jedoch die Schweizerin, die auf den letzten Metern noch Longo Borghini an sich vorbeiziehen lassen musste. Hinter Blasi kam Niedermaier als Sechste an, womit ihr Weißes Trikot souverän verteidigte.

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