Rennbericht Race around Austria - Philipp Kaider

Von Schildkröten, Comebacks und der Kaider-Position

Von Christian Troll

Foto zu dem Text "Von Schildkröten, Comebacks und der Kaider-Position"
Philipp Kaider in der von ihm entwickelten Kaider-Position, die dem bei Langstreckenrennen gefürchteten “Shermer´s Neck“ vorbeugen soll. | Foto: Martin Granadia

21.08.2022  |  In drei Tagen, 21 Stunden und 32 Minuten hat der Niederösterreicher Philipp Kaider am vergangenen Wochenende beim Race Around Austria (RAA) auf 2200 Kilometern Österreich umrundet. Nach einem abenteuerlichen Rennen entlang der Grenzen seines Heimatlands, bei dem er auch selbst an seine Grenzen kam. überquerte der Wolkersdorfer in "Kaider-Position" als Zweiter die Ziellinie. 

Schon die Vorbereitung auf das RAA 2022 lief für Philipp alles andere
als planmäßig: "Angefangen von einem Infekt Ende November 2021, der mich doch bis fast Jänner beschäftigte und einem Bandscheibenvorfall Ende März, der am Karsamstag operativ behandelt wurde, bis zu Zahnproblemen kurz vor dem Rennen war die Saison schwierig für mich." Mit einem Zahn weniger, aber mit einer um 2,4 Gramm besseren Weight-Power-Ratio startete er in das Race Around Austria, nachdem er im Mai auch seine Teilnahme am Race Around Niederösterreich rundum sein Heimat-Bundesland noch absagen musste.

Das Ziel für den 36-jährigen, der im Vorjahr auf der Strecke über 1500 km einen neuen Streckenrekord aufstellte, war durch die nicht optimale Vorbereitung daher vorgegeben: "Mir war von Anfang an klar, dass ich den Sebi (Anm.d.Red.: der spätere Sieger Sebastian Michetschläger) nur schwer schlagen kann. Somit galt es zu finishen - und den Sebi ein bissl nerven. Aber nach rund drei Stunden Rennzeit holte er mich auch schon ein. Egal, mein Betreuer Wolfgang hatte mir die Fabel von Schildkröte und Hasen eingetrichtert. Ich war natürlich die Schildkröte..."

Nach knapp sechs Stunden im Rennen
traten dann die ersten Probleme auf: "Übelkeit - egal! Starke Müdigkeit - nicht so gut! Kein Druck am Pedal - oh no! Und ich dachte mir 'durchtauchen, Schildkröte, es ist nur eine Phase'. Zehn Stunden später - die Phase hält an. Langsam nagte dieser Zustand an mir und meinem Selbstvertrauen", so Philipp nach dem Rennen. Doch dann: Team-Chef Bernhard wich zu stark einem entgegenkommenden Fahrzeug aus und zerstörte den Reifen mitsamt Felge. "Mercedes ist ja schon länger der Meinung, dass man ein Notrad nicht mehr braucht. Ich seh das anders", so Kaider dazu.

Unweit seines Heimatorts stopfte er dann alles nötige in seine Trikot-Taschen und fuhr alleine weiter. Unsupported war Philipp bis jetzt noch nie bei einem derartigen Rennen unterwegs: "Ich mag ja neue Erfahrungen". Unterwegs traf er einen ehemaligen Vereins-Kollegen, der ihm netterweise alle seine Gels gab. Um ein Ersatzauto und die Reparatur des Pacecars kümmerte sich zwischenzeitlich Kaiders Haupt-Sponsor druckmittel.at. Aber das wichtigste war: Von dem Moment an war Philipp nicht mehr müde und konnte wieder die gewohnte Leistung auf die Straße bringen.

80 Kilometer später holte ihn seine
sechsköpfige Crew wieder mit einem Ersatzwagen ein, und im Burgenland bekamen sie das Pacecar mit neuen Felgen und Reifen zurück. Nun könnte man meinen, dass damit genug für ein Rennen passiert ist. Aber nur wenig später verabschiedete sich die Schaltung von Kaiders Zeitfahrrad. Das Problem? Philipp: "Tolle Aerodynamik hat einen entscheidenden Nachteil. Alle Kabel sind schön innen verlegt und nur schwer zugänglich. Gut, dass mein Betreuer Dominik schon mal ein Modell meines Rads aufgebaut hatte, er konnte das daher schnell beheben."

Kurz vor Halbenrain holte Kaider kurzfristig Sebastian Michetschläger ein; der überholte ihn aber während einer kurzen Schlafpause von Philipp wieder. Dann eine weitere Schrecksekunde: "In Winklern in Kärnten wurde mir der Vorrang genommen, ich konnte gerade noch einem abbiegenden Auto ausweichen, sonst wäre ich mit rund 60 km/h frontal dagegen gekracht. Das Gute daran: Jetzt war ich wieder hellwach. Den Glockner rauf und runter ging gut, aber mein Nacken machte sich  nun bemerkbar." Kaider war da bereits zwei Tage auf seinem Rad unterwegs.

Am Silvretta wurde dann die Entscheidung getroffen,
mit einer Halskrause weiterzufahren. Das "Shermer's Neck", wenn die Hals-Muskulatur den Kopf nicht mehr halten kann, ist bei Ultra-Radrennen keine Seltenheit und würde das frühzeitige Aus bedeuten. "Endlich bekam ein Ultra-Radler mal die Aufmerksamkeit von Passanten, die er verdient - wenn auch nicht wegen der sportlichen Leistung", nahm Philipp das Ganze mit Humor.

Die Halskrause begann jedoch dann so zu drücken, dass er sie wieder abnehmen musste. Das war aber nicht sein größtes Problem, sondern der Schlafentzug: "Kurz vor Reutte war ich praktisch orientierungslos. Dann wurde ich für rund vier Stunden von meinem Team schlafen gelegt. Dann den Fernpass rauf und runter, in Telfs kam dann die Nachricht, dass ich mittlerweile auf Platz drei zurückgefallen war, mit mehr als 1:15 Stunden Rückstand auf den Zweiten. Mir war klar, dass ich das ohne die Aero-Position nicht mehr aufholen könnte", so Kaider.

In Innsbruck erinnerte sich Philipp dann an
einen Race Across America Finisher, der sich eine Chipsdose auf den Vorbau geklebt hatte, um den Kopf abzustützen: "Ich hatte zwar keine Chipsdose, aber zwei Hände - und so lümmelte ich abwechselnd mit der linken und der rechten Hand auf den Lenker, um in Aero-Position ins Ziel zu kommen. Das brachte mir ausreichend Motivation, um wieder gut Druck aufs Pedal zu bekommen, und fast so viel Aufmerksamkeit wie mit der Halskrause." Letztlich überquerte Philipp in der neuen "Kaider-Position" nach knapp 2200 Kilometern hinter Michetschläger auf Platz zwei die Ziellinie.

"Das Rennen war geprägt von Comebacks und verlangte sehr viel Geduld, um sehr unangenehme Situationen lange auszuhalten. Ich würde es als das beschissenste, lustigste - danke, danke, danke Crew - und lehrreichste Rennen bezeichnen, das ich jemals gefahren bin", freut sich Kaider über seinen Podiums-Platz: "Ein großer Dank auch den zahlreichen Fans an der Strecke, an den Bildschirmen und allen, die gedanklich bei mir waren. Die vielen Nachrichten haben mir jedes Mal Flügel verliehen. Und ein großes Danke an alle Sponsoren, ohne die der finanzielle Aufwand nur schwer zu stemmen wäre."

Philipp Kaider
Was 2012 als Hobby begann, steigert der Wolkersdorfer bis auf 20 000 Radkilometer im Jahr 2017. Philipps Motto: „Grenzen entstehen nur im Kopf“; seine Erfolge: Streckenrekordhalter beim Race Around Austria 1500 im Jahr 2021, zweimal Zweiter Race Around Niederösterreich, Dritter beim Race Around Slovenia 2021, im Jahr 2018 Podiums-Plätze bei den 24-h-Rennen in Grieskirchen, Kaindorf und Hitzendorf, und damit 1. Platz im 24-h-Cup. Anfang November will der Niederösterreicher bei der 24-Stunden-Zeitfahr-Weltmeisterschaft in Borrego Springs (USA) nochmal alles geben.

Christian Troll ist Pressesprecher von Philipp Kaider.

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