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12.09.2026 | (rsn) - Die Glocken des Salzburger Doms läuten passend zur Siegerehrung des City Hill Climbs, einem innovativen Rennkonzept mitten im Zentrum der Mozartstadt. Herzstück ist der 900 Meter lange Aufstieg zur Festung Hohensalzburg. Dort wurde der erste Stein schon im Jahr 1077 bewegt. Wer jetzt hoch will, und dabei auf das bequeme Fortbewegungsmittel der Seilbahn verzichtet, muss auf dieser kurzen Strecke 120 Höhenmeter mit einer Spitzensteigung von 32 % überwinden.
Keine kleine Herausforderung. Aber Gerhard Schönbacher, Ex-Teilnehmer von Tour de France sowie Vuelta a Espana und nach seiner aktiven Karriere unter anderem Rennveranstalter des Mountainbike-Etappenrennens Crocodile Trophy in Australien, war fasziniert von der Vorstellung, hier ein Radrennen zu veranstalten.
"Ich war mit meiner Frau in Salzburg auf Urlaub. Am letzten Tag sind wir zur Festung raufgewandert. Als wir oben waren, habe ich zu meiner Frau gesagt: 'Ich glaube, ich mache hier ein Radrennen rauf.' Dann habe ich 24 Stunden überlegt, wie ich das machen könnte und schließlich mein ganzes Netzwerk aktiviert bis zum Bürgermeister von Salzburg", so Schönbacher.
Salzburg ist vor allem für Kunst und Kultur, für Mozart und die Salzburger Festspiele bekannt. Der Bürgermeister sagte aber zu Schönbacher: "Wir brauchen auch noch etwas anderes als Kultur und Kunst. Ein Radrennen könnte schon passen."
Der Vorschlag ging dann auch durch den Gemeinderat, 99 Stimmen dafür, eine dagegen. Die Stadt gibt auch finanzielle Zuschüsse, ebenso das Land. Sponsoren sind ebenfalls an Bord. Seit 2021 gibt es nun schon den City Hill Climb, in den letzten Jahren auch mit Profi-Größen wie Felix Gall. Der war diesmal allerdings bei der Vuelta a Espana beschäftigt. ___STEADY_PAYWALL___
Das Podium beim City Hill Climb 2026. | Foto: Marketa Navratilova / CHC
Das Spektakel, das Gall in seiner Salzburger Heimat dieses Jahr verpasst, hat sich im Laufe der Zeit zu einem fast ganztägigen Event ausgewachsen, jedenfalls wenn man Einschreiben und Trainingsrunden mitzählt. Denn in allen Altersklassen von der U9 bis zur Elite wird gestartet. Es gibt – je nach Größe der Starterfelder - Ausscheidungsrennen, Halbfinale und Finale.
Für Zuschauer ein ziemlich attraktives Konzept. "Wenn ich das jetzt vergleiche mit den klassischen Straßenrennen, dann wartet man vielleicht eine Stunde im Ziel, bis entweder der Massensprint beginnt oder Einzelfahrer ins Ziel kommen. Dann aber ist das Rennen vorbei. Bei uns geht es aber drei Stunden oder mehr", meinte Schönbacher gegenüber RSN.
Steil geht's hinauf zur Hohensalzburg. | Foto: Marketa Navratilova / CHC
Ein bisschen ist das Modell von Pferderennen oder auch dem japanischen Keirin abgeschaut. Bis zu zehn Fahrerinnen oder Fahrer nehmen in kleinen Boxen Platz und warten dort auf das Signal, bis zur Startlinie vorzufahren. Nach einer ersten Kurve weg vom Kapitelplatz geht es gleich relativ steil nach oben. Schon dort gibt es den ersten kleinen Wettkampf. Wer zuerst um die Kurve kommt, hat einen kleinen Vorteil.
Positionierung und Pacing sind das A und O auch bei diesem Ultrakurzrennen über gut drei Minuten für die Männer und gut vier Minuten für die Frauen. "Bei der letzten 180-Grad-Kurve habe ich schon vorher gedacht, wenn man da als Erster reinfährt, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass man gewinnt. Und so war's dann auch", erzählte der Sieger des U17-Rennens, Mathieu Czaika, RSN.
"Man muss sich aber auch noch genug Reserven aufsparen für den letzten Stich", warnte Elitefahrerin Elisa Winter, im Profialltag beim britischen Konti-Team Smurfit Westrock Cycling unterwegs. Sie gewann alle ihre drei Rennen, Ausscheidung, Halbfinale und Finale und wird tags darauf wieder in der österreichischen Radbundesliga an den Start gehen, wie sie RSN erzählte. Winter flog geradezu von ihren Rivalinnen weg.
Elisa Winter feiert ihren Sieg beim City Hill Climb. | Foto: Marketa Navratilova / CHC
Oft ereignen sich aber wahre Dramen. Denn nicht nur die Steigung ist recht anspruchsvoll, auch der Belag hat es an sich. Ist der Startbereich noch auf Asphalt, so beginnt kurz danach ein Kopfsteinpflasterabschnitt. Weiter oben wird es noch rauher mit rutschigem Schotterbelag. Immer wieder rutschten Fahrerinnen oder Fahrer in die gepflasterte Regenrinne gleich neben der Strecke. Oder sie scheiterten an den kleinen Steinstufen, die dem 'Gravel' Halt geben. Manche verhinderten Stürze nur, indem sie sich am Mauerwerk der Festung festhielten.
Ruhiger wurde es meist erst bei der Einfahrt in die dunklen Gewölbe der Burg. Da ging es über relativ glatten Beton. Die Einfahrt durch die dortige Roßpforte ist für die Männer und Frauen ein Zeichen der Erlösung. "Da weiß man, das Härteste ist vorbei", meinte Czaika.
Er wurde auf der Hohensalzburg sogar österreichischer Meister. "Eigentlich war ja geplant, dass die Meisterschaft erst nächste Woche stattfindet, bei einem anderen Rennen. Aber das wurde abgesagt", erzählte Czaika. Und so wurde der City Hill Climb auch noch zur Rettung der Österreichischen Nachwuchsmeisterschaften. Schönbacher machte sein Rennen ganz unbürokratisch für die Titelkämpfe auf.
Überhaupt hält er sein Konzept für sehr zukunftstüchtig. "Ich würde sehr gerne Straßenrennen organisieren, aber es ist fast unmöglich mit dem Verkehr. Auch die Kosten sind enorm für die Behörden und Sicherheit der Straße", fasst der Ex-Profi die gegenwärtige Lage nicht nur in Österreich zusammen. Sein Ansatz ist daher ein anderer. "Ich glaube, die Zukunft wird bei Innenstadtrennen sein, in Städten, die autofrei sind. Die haben die Möglichkeit, solche Veranstaltungen zu organisieren."
Filip Lepka auf dem Weg zu seinem Sieg in Salzburg. | Foto: Marketa Navratilova / CHC
Schönbacher optiert auch deshalb für Innenstädte, weil dort mehr Zuschauer zu erreichen sind. Und sind sind die Strecken kurz, wie etwa bei Kriterien, oder ganz kurz wie beim City Hill Climb, dann ist auch das Absperren kein großes Problem. "Das sind hier 900 Meter. Es behindert den Verkehr nicht, denn da oben wohnen fünf Leute. Die informieren wir jedes Jahr und laden sie ein ins Gästezelt. Die kommen mit zum Klatschen und zum Essen. Aber da haben wir eigentlich gar keine Probleme."
Für Klassikermonumente wie Flandern-Rundfahrt oder Paris-Roubaix sei das Ultra-Kurzkonzept natürlich keine Alternative, gab auch Schönbacher gegenüber RSN zu. "Aber wenn man neue Rennen organisieren will, wird man an kleinen Rundstreckenrennen nicht vorbeikommen", prognostizierte er. Angesichts der jüngsten Probleme mit Hitze und Kälte, mit Autos, die auf die Strecke fahren und Radsportler zu Tode bringen, könnte das tatsächlich ein Lösungsansatz auch für viele andere Veranstalter sein.
Das Eliterennen der Männer in Salzburg bot noch einen echten Krimi. Bei der letzten Haarnadelkurve kurz vor dem Ziel stürzten plötzlich die beiden Führenden, der Tscheche Filip Lepka und der einheimische Maks Alfred Barret Maunz. Barret Maunz stand zuerst wieder auf, sah schon wie der sichere Sieger aus. Er stieg aber erst nach einigen Schritten auf sein Rad. Lepka hingegen war sofort im Rennsattel und fuhr kurz vor der Ziellinie noch an seinem Konkurrenten vorbei.
Maks Alfred Barret Maunz steigt zu spät wieder auf und wird von Filip Lepka (hinten) noch überholt. | Foto: Marketa Navratilova / CHC
"Es war purer Instinkt, dass ich gleich aufs Rad gestiegen bin. Ich hatte eigentlich gedacht, dass es für mich schon vorbei ist", sagte der Sieger zu RSN. Und beim Anschauen der Bilder auf dem Videoscreen meinte er: "Ich wollte nicht unsportlich gewinnen. Es tut mir leid, dass der Kontakt da war. Aber ich konnte es nicht verhindern." Der Rennkommissär hatte nichts einzuwenden.
Und so wurde Lepka, Konti-Fahrer beim Rennstall Schwingshandl Intralogistics, unter den Klängen einer Blaskapelle zum Sieger gekürt. Es war ein dramatisches Finale, letztlich der passende Abschluss für ein ganz besonderes Rennformat.
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