Von Seefeld nach Erfurt

Chronik der Operation Aderlass

Von Peter Maurer

Foto zu dem Text "Chronik der Operation Aderlass"
Hinweisschild zur Doping-Kontrolle. | Foto: Cor Vos

14.01.2020  |  (rsn) - Vor elf Monaten wurden bei einer koordinierten Aktion der österreichischen und deutschen Ermittlungsbehörden bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften in Seefeld im Rahmen der "Operation Aderlass" die ersten Sportler des Dopingnetzwerkes rund um den Thüringer Sportarzt Mark Schmidt festgenommen. Gegen den deutschen Mediziner wurde nun Anklage erhoben, Schmidt wird sich in den kommenden Monaten in München vor Gericht verantworten müssen.

Die Münchner Staatsanwaltschaft bestätigte im Dezember, dass insgesamt 23 Sportler aus acht Nationen involviert sind:

Österreich: (7)
Dominik Baldauf, Johannes Dürr, Max Hauke (alle Langlauf), Stefan Denifl, Georg Preidler (Straßenrad), Christina Kollmann-Forster (Mountainbike), Gerhard Tritscher (Skibergsteigen)

Deutschland: (4)
Robert Lehmann-Dolle (Eisschnelllauf), Danilo Hondo (Straßenrad) sowie zwei weitere, noch nicht namentlich bekannte Radsportler

Estland: (3)
Algo Kärp, Karel Tammjärv, Andreas Veerpalu (alle Langlauf)

Slowenien: (3)
Kristijan Koren, Borut Bozic (beide Straßenrad) sowie ein/e namentlich noch nicht bekannte/r Sportler/in

Italien: (2)
Alessandro Petacchi (Straßenrad), Daniel Taschler (Biathlon)

Kroatien: (2)
Kristijan Durasek (Straßenrad) sowie ein/e namentlich noch nicht bekannte/r Sportler/in

Kasachstan: (1)
Alexei Poltaranin (Langlauf)

Schweiz: (1)
ein/e namentlich noch nicht bekannte/r Sportler/in

Die Chronik der Operation Aderlass:

27. Februar 2019

Bei den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Seefeld werden im Rahmen der "Operation Aderlass" sieben Personen verhaftet, darunter fünf Sportler: zwei Österreicher, zwei Esten und ein Kasache. In Erfurt werden ein Sportmediziner und ein Komplize in Gewahrsam genommen. Zwei österreichische Skilangläufer werden auf frischer Tat beim Blutdoping ertappt.

Laut Staatsanwaltschaft München waren die Aussagen des österreichischen Skilangläufers Johannes Dürr der Auslöser für die Dopingermittlungen und Razzien in Seefeld und Erfurt. Dürr hatte zuvor in einer ARD-Dokumentation umfassend über Dopingpraktiken im Leistungssport ausgepackt und den Ermittlern auch Namen genannt.

28. Februar 2019

Gegen den in Erfurt festgenommenen Sportmediziner Mark Schmidt wird Haftbefehl erlassen. Die Zollbeamten fanden bei der Hausdurchsuchung zahlreiche Blutbeutel sowie eine Zentrifuge. Schon in seiner Zeit als Teamarzt bei Gerolsteiner und Milram wurde Schmidt die Verwicklung in Dopingpraktiken vorgeworfen, was er stets bestritt.

1. März 2019

Der Internationale Skiweltverband (FIS) sperrt die fünf Langläufer Dominik Baldauf, Max Hauke, Alexei Poltoranin, Karel Tammjärv sowie Andreas Veerpalu vorläufig.

4. März 2019

Der Österreicher Georg Preidler erstattet Selbstanzeige. Er gibt zunächst an, dass er sich nur Blut habe abnehmen lassen, es aber nie zurückgeführt zu haben. Am Tag zuvor löschte der Steirer alle seine Social-Media-Kanäle und löste seinen Vertrag mit dem Team Groupama – FDJ.

5. März 2019

Der Este Algo Kärp räumt ein, die Dienste von Mark Schmidt in Anspruch genommen zu haben. In Österreich wird ein weiterer Langläufer festgenommen. Es ist Johannes Dürr, der mit seinen Angaben gegenüber des ARD die Ermittlungen in Deutschland gegen Schmidt vorangebracht hatte. Nach seiner Einvernahme erklärte die Staatsanwaltschaft Innsbruck, dass Dürr bis zuletzt Eigenblutdoping betrieben habe.

20. März 2019

Die Staatsanwaltschaft München nennt nach bisherigem Kenntnisstand 21 Athleten aus acht Nationen, die dem Dopingzirkel von Mark Schmidt angehört haben sollen. Von 2011 an bis zu der Razzia in Seefeld soll eine dreistellige Anzahl an Bluttransfusionen stattgefunden haben.

10. Mai 2019

Die Deutsche Antidopingagentur NADA nennt den ehemaligen Eisschnellläufer Robert Lehmann-Dolle als Dopingverdächtigen. Schon Wochen zuvor hatte die ARD-Dopingredaktion berichtet, dass sich unter den Verdächtigen ein Eisschnellläufer befinde, der an Olympischen Winterspielen teilgenommen hatte.

12. Mai 2019

In einem ARD-Interview gesteht der Schweizer Nationaltrainer und ehemalige Profi Danilo Hondo, gedopt zu haben. Er wurde in den Verhören von Mark Schmidt belastet. Vom Schweizer Verband wird Hondo, der seit 2015 als Nationaltrainer die U23 und die Elite betreute, sofort entlassen.

15. Mai 2019

Wenige Tage nach dem Deutschen gerät auch sein ehemaliger Teamkollege Alessandro Petacchi unter Verdacht, in den Dopingkreis rund um den deutschen Sportarzt involviert gewesen zu sein. Die französische Zeitung L’Equipe berichtete am Tag zuvor von Verbindungen des früheren Topsprinters mit dem deutschen Arzt. Der Italiener, der am Jahresanfang noch die Cape Epic, ein Mountainbikerennen bestritt, wurde von der UCI gesperrt. Petacchi wurden Vergehen in den Jahren 2012 und 2013 zur verbotenen Leistungssteigerung vorgeworfen. Er musste auch beim italienischen TV-Sender RAI seinen Expertenplatz beim damals noch laufenden Giro d’Italia räumen.

Ebenfalls aus dem Verkehr gezogen wurden von der UCI der Slowene Kristijan Koren (Bahrain – Merida), der zur 5. Etappe des Giro d’Italia 2019 nicht mehr gestartet war, sowie der Kroate Kristijan Durasek (UAE Team Emirates), der bei der Kalifornien-Rundfahrt im Einsatz war. Auch der ehemalige Profi Borut Bozic wird gesperrt. Der Slowene hatte seine Karriere schon 2018 beendet.

24. Mai 2019

Nur eine Woche, nachdem der Österreicher Emanuel Moser, früherer Servicemann des vierfachen Olympiasiegers Dario Cologna, verhaftet und verhört worden war, wird mit dem ehemaligen österreichischen Langlaufbundestrainer Gerald Heigl ein weiterer Funktionär verhaftet.

25. Juni 2019

Die Spuren führn auch nach Italien. Der Biathlet Daniel Taschler gerät in den Fokus der Ermittler. Er ist der ehemalige Schwager von Johannes Dürr. Taschler und dessen Vater Gottlieb, selbst ehemaliger Biathlet und langjähriger Sportfunktionär, gerieten bereits schon früher in Dopingverdacht. 2010 wurde ein Treffen zwischen den Taschlers und Michele Ferrari von der italienischen Polizei abgehört. Es kam zur Verurteilung, diese wurde jedoch im Juni 2019 nach einem neu aufgelegten Prozess in Trient aufgehoben.

27. Juni 2019

Georg Preidler und Stefan Denifl werden von der Österreichischen Anti-Doping-Rechtskommission für jeweils vier Jahre gesperrt. Denifl werden sein Gesamtsieg bei der Österreich Rundfahrt 2017 sowie sein Etappensieg bei der Vuelta a Espana aberkannt.

4. Juli 2019

Drei mutmaßliche Helfer von Schmidt werden aus der Untersuchungshaft entlassen. Darunter sind Schmidts Vater und der österreichische Langlauftrainer Gerald Heigl. Schmidt selbst und ein weiterer Helfer bleiben inhaftiert.

23. Juli 2019

Die beiden Langläufer Max Hauke und Dominik Baldauf werden ebenfalls für je vier Jahre gesperrt.

3. August 2019

Die steirische Mountainbikerin Christina Kollmann-Forstner wird nach ihrem im Zuge der "Operation Aderlass" nachgewiesenen Blutdoping nicht rechtskräftig zu acht Monaten Haft, bedingt auf drei Jahre, verurteilt. Ihr Lebensgefährte, der den Kontakt zum deutschen Sportarzt einfädelte, wurde zu fünf Monaten bedingt verurteilt.

10. Oktober 2019

Die Österreichische Anti-Doping Rechtskommission sperrt Langläufer Johannes Dürr lebenslang.

30. Oktober 2019

Der Skilangläufer Max Hauke wird zu fünf Monaten bedingter Haft in Innsbruck verurteilt. Der Steirer bekannte sich bei seiner Anklage wegen Betrugs teilweise für schuldig, kündigte jedoch Revision an. Hauke wiederholte vor Gericht seinen Vorwurf, dass Ex-Langläufer Johannes Dürr den Kontakt zum deutschen Sportarzt Schmidt, dem mutmaßlichen Drahtzieher des Dopingnetzwerks, hergestellt habe. Er selbst habe dem Arzt pro Saison 10.000 Euro für Doping in bar bei Treffen übergeben.

13. Dezember 2019

Die Staatsanwaltschaft München I, Schwerpunkt Doping, erhebt Anklage gegen Mark Schmidt sowie vier seiner Helfer. Die fünf Beschuldigten müssen sich vor Gericht wegen gewerbsmäßiger und teilweise bandenmäßiger Anwendung verbotener Dopingmethoden und der Beihilfe dazu vor Gericht verantworten. Zudem geht die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage noch vom vor Gericht zu beweisendem Tatverdacht aus, dass Schmidt seit Ende 2011 von Erfurt aus, ein insbesondere im Bereich des Rad- und Wintersports systematisches Blutdopingsystem betrieben hat und darüber hinaus Wachstumshormone missbräuchlich verordnete. Zusätzlich wird er wegen Verdachts der gefährlichen Körperverletzung angeklagt. Der Arzt sowie ein zweiter der fünf Beschuldigten befinden sich seit Februar 2019 in Untersuchungshaft.

Über einen Termin des Hauptprozesses hat das dafür zuständige Landgericht München II noch nicht entschieden. Bekannt ist, dass die Verfahrensakten insgesamt 54 Bände umfassen und in der Anklageschrift über 30 Zeugen, darunter zahlreiche betroffene Sportler, genannt sind.

22. Dezember 2019

Die ARD-Dopingredaktion berichtete, dass zwei weitere deutsche Sportler Teil des Doping-Netzwerks rund um Mark Schmidt waren. Neben dem ehemaligen Eisschnellläufer Robert Lehmann-Dolle sowie Danilo Hondo zählen zwei weitere Radprofis zu den insgesamt 23 aufgelisteten Dopingverdächtigen. Laut den Recherchen des Rechercheteams rund um Hajo Seppelt sollen beide an der Tour de France teilgenommen haben, einer davon sei sogar noch aktiv. Dies bestätigte dem ARD der Münchner Staatsanwalt Kai Gräber.

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