RSNplusLetzter Start für letzten deutschen Monument-Sieger?

Degenkolb will bei Paris-Roubaix “nochmal voll angreifen“

Von Sebastian Lindner

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John Dgenekolb will - so wie zuletzt 2024 - bei Paris-Roubaix nochmal voll angreifen. | Foto: Cor Vos

10.04.2026  |  (rsn) - Yves Lampaert (Etixx – Quick-Step) fährt als Erster ins Vélodrome André Pétrieux. An seinem Hinterrad hängen sein Teamkollege Zdenek Stybar, Greg Van Avermaet (BMC), Lars Boom (Astana), Martin Elmiger (IAM), Jens Keukeleire (Orica – Greenedge) – und John Degenkolb (Giant – Alpecin). Auf den anderthalb Runden über das Betonoval ist der Deutsche immer wachsam, so wie schon den ganzen Tag.

In den entscheidenden Pflasterpassagen ist Degenkolb immer vorne präsent, auch in Carrefour de l’Arbre, 17 Kilometer vor dem Ziel als viertletzter Sektor der einzige noch wirklich gefährliche Abschnitt. Vorjahressieger Niki Terpstra (Etixx – Quick-Step) verliert er nie aus den Augen. Zwölf Kilometer vor dem Ziel aber setzen sich Lampaert und Van Avermaet ab, fahren sich einen soliden Abstand heraus. In der Gruppe der weiteren Favoriten reagiert zunächst niemand. ___STEADY_PAYWALL___

Langsam aber sicher schleicht sich Bert de Backer, Degenkolbs Teamkollege weg. Als das Loch groß genug ist, setzt der gebürtige Geraer nach, nutzt seinen Teamkollegen als kurze Relaisstation und ist sechs Kilometer vor dem Ziel an der Spitze, 25 Sekunden vor vier Verfolgern. Doch mit Degenkolb wollen die beiden Belgier nicht zusammenarbeiten, immerhin hat der drei Wochen zuvor Mailand-Sanremo im Sprint gegen Alexander Kristoff, Peter Sagan und Michael Matthews für sich entschieden.

Im Velodrom ganz vorne

So schrumpft der Abstand, auch wenn Degenkolb das Trio jetzt zieht. Drei Kilometer vor dem Ziel springt Stybar zur Gruppe, unter dem Teufelslappen auf dem letzten Sektor, Espace Charles Crupelandt, kommen auch Boom, Keukeleire und Elmiger zurück. Es soll ihnen aber nichts mehr bringen. In der letzten langgezogenen Kurve, 200 Meter vor dem Ziel, setzt Degenkolb zum Sprint an. Weder Stybar noch Van Avermaet können kontern, müssen sich mit den Plätzen zufriedengeben. Mit mehr als einer Radlänge Vorsprung gewinnt John Degenkolb Paris-Roubaix 2015.

Im Jahr 2014 wurde John Degenkolb (li.) beim Roubaix-Sieg von Niki Terpstra (Mi.) bereits Zweiter – es war nur ein Vorgeschmack auf das, was zwölf Monate später folgen sollte. | Foto: Cor Vos

Mit dem Sieg schreibt er Radsport-Geschichte. In der mehr als 100-jährigen Geschichte des Rennens ist Degenkolb erst der zweite deutsche Sieger. Der erste war Josef Fischer – bei der Premiere 1896. Dazu hatte es seit Sean Kelly 1986 keiner geschafft, Sanremo und Roubaix in einer Saison zu gewinnen. Überhaupt war Degenkolb erst der Dritte, dem das gelang - mittlerweile steht auch Mathieu van der Poel auf dieser Liste, und zwar gleich zweimal - , nicht mal Eddy Merckx hatte das geschafft.

Im Sommer desselben Jahres holen André Greipel, Tony Martin und Simon Geschke sechs Etappensiege bei der Tour de France. Der deutsche Radsport ist auf einem Höhepunkt. Ebenso wie Degenkolb, der im Jahr zuvor schon Zweiter in Roubaix geworden war. “Mailand-Sanremo war klasse, aber das hier ist etwas, was ich noch nicht fassen kann“, sagte er, nachdem er den Pflasterstein, die Siegertrophäe, überreicht bekam. “Paris-Roubaix ist das Rennen, von dem ich immer geträumt habe, es zu gewinnen.“

Nach dem großen Sieg kam der große Crash

Was sich damals noch nicht erahnen lässt: Es sollte der vorerste letzte Sieg eines Deutschen bei einem Monument gewesen sein. 2019 wird Nils Politt für Katusha Zweiter in Roubaix, 2024 für UAE Dritter bei der Flandern-Rundfahrt und nochmal Vierter in Roubaix. Doch seit Tadej Pogacar diese Rennen für sich entdeckt hat, ist der Kölner nur mehr Helfer. Auch Maximilian Schachmann schafft es einmal aufs Podium, er wird im Trikot von Bora – hansgrohe Dritter bei Lüttich-Bastogne-Lüttich. Bis heute gab es keinen weiteren Monument-Sieger aus Deutschland.

Auch Degenkolb kann nicht mehr an das Jahr 2015 anknüpfen. Grund dafür ist auch der folgende Winter. Im Januar wird er im Trainingslager im spanischen Calpe gemeinsam mit mehreren Teamkollegen von einer 73-jährigen Autofahrerin abgeräumt. Er bricht sich mehrere Knochen, verliert fast einen Finger. “Ich war in sehr guter Form, auf einem wirklich guten Weg. Und dann erlebt man, wie schnell das Leben am seidenen Faden hängt“, sagte er damals.

Jubel mit den Teamkollegen: John Degenkolb streckt im Ziel von Paris-Roubaix 2015 stolz den Pflasterstein in die Höhe. | Foto: Cor Vos

Die Klassikersaison ist gelaufen, die gesamte Saison geht nicht mehr allzu viel. Und auch die Karriere erlebt durch den Horrorunfall einen Knick, der unter anderen Umständen vielleicht nicht eingetreten wäre. Elf Siege kann Degenkolb bis 2020 noch einfahren. Und er gewinnt auch nochmal in Roubaix. Aber nicht im Velodrom, nicht das Monument, sondern 2018 eine Etappe der Tour, die die schwierigsten Sektoren meidet, aber doch zeigt, dass Degenkolb für dieses Rennen gemacht ist.

Botschafter, Retter, Sektor-Pate

10, 17, 28, 53 – bis 2021 drücken Degenkolbs Ergebnisse nicht mehr die Liebe aus, die der in der Zwischenzeit in Oberursel bei Frankfurt lebende Spezialist für das Rennen empfindet. Die Bindung bleibt aber bestehen. 2018 wird er Botschafter des Vereins Les Amis de Paris-Roubaix, einer Gruppe von Freiwilligen, die sich Jahr für Jahr um die Pflege der Pflastersektoren kümmern. Degenkolb ist der erste Profi, der eine Anfrage des Vereins annimmt. Er hilft durch seinen Namen, finanziell und durch Erinnerungsstücke für das vereinseigene Museum.

Im Jahr darauf steht das Juniorenrennen von Paris-Roubaix vor dem Aus, weil nicht ausreichend Sponsoren aufgetrieben werden konnten. Als Degenkolb über Twitter Wind davon bekommt, ruft er sofort eine Crowdfunding-Aktion ins Leben, die über Nacht alle Sorgen löst. Es kommt mehr Geld zusammen als notwendig ist, der Überschuss geht an die Pflaster-Pfleger.

Die Franzosen sind derartig gerührt, dass 2020 der nächste Schritt folgt: Als erstem noch aktiven Profi wird ein Pavé-Sektor nach Degenkolb benannt. Der Doppelabschnitt zwischen Hornaing und Wandignies-Hamage, mit 3,7 Kilometern einer der längsten, trägt seitdem seinen Namen.

Bei der Tour de France gelang Degenkolb sein einziger Etappensieg im Jahr 2018 – ausgerechnet in Roubaix | Foto: Cor Vos

Zudem war auch sportlich ein Aufwärtstrend erkennbar. 2022 belegte Degenkolb Platz 18 in Roubaix, 2023 wurde er dann sogar Siebter, fuhr in der Spitzengruppe als Erster in das Pflasterstück ein, das nach ihm benannt wurde. Doch mehr als dieses einmalige Gefühl, wäre in jenem Jahr vielleicht noch viel mehr drin gewesen. In Carrefour de l’Arbre war Degenkolb, der im Jahr zuvor zu dem Team (dsm – firmenich, jetzt Picnic - PostNL) zurückgekehrt war, mit dem er Roubaix gewonnen hatte, mit Mathieu van der Poel, Jasper Philipsen (beide Alpecin – Deceuninck), Wout van Aert (Visma – Lease a Biek) und Mads Pedersen (Lidl – Trek) unterwegs. 

Bis es zu einer Berührung zwischen dem Deutschen und dem späteren Sieger van der Poel kam, in dessen Folge Degenkolb stürzte. Seine Ankunft im Velodrom war tränenreich, sie zeigte aber auch: “Ich habe noch das Zeug, bei den großen Rennen vorne dabei zu sein”, wie Degenkolb sagte, wenngleich sich seine Rolle im Team doch mittlerweile deutlich gewandelt hat. Denn Ergebnislieferant ist er nur noch bei Klassikern, genau genommen sogar nur noch in Roubaix.

Die 13. Teilnahme könnte die letzte sein

Das bewies er auch 2024 als Elfter. 2025 verhinderte die zweite große Verletzung in seiner Karriere eine Teilnahme. Ein Sturz bei der Flandern-Rundfahrt, eine Woche vor seinem Lieblingsrennen, dem wichtigsten Rennen des Jahres, bei dem er sich mehrere Brüche zuzog, verhinderte seine Teilnahme. Doch 2026 kehrt Degenkolb zurück. Mit nun 37 Jahren geht er mit Pavel Bittner als Co-Kapitän für Picnic ins Rennen. Ein 14. Platz bei Middelkerke-Wevelgem deutete zuletzt zumindest an, dass es nochmal in die richtige Richtung gehen könnte.

Bei Paris-Roubaix 2023 präsentierte sich Degenkolb nochmals von seiner besten Seite. Trotz eines Sturzes im Finale kam er als Siebter ins Ziel. | Foto: Cor Vos

Es wird seine 13. Teilnahme an der "Königin der Klassiker"  – wenn das kein Glück bringt. Und ohne Glück geht es auf den Pavés nicht. Es könnte allerdings auch seine letzte Teilnahme werden. Degenkolbs Vertrag läuft Ende des Jahres aus. 2024 hatte er gleich zwei Mal verlängert. Anfang des Jahres um eine Saison, dann zum Ende um eine weitere. Doch unabhängig davon, was eventuell das Team denkt, müssen auch der eigene Körper und die Familie mitspielen. Gut möglich, dass Paris-Roubaix 2026 letzte Monument für den letzten Monument-Sieger aus Deutschland ist.

Vielleicht spielt auch sein Abschneiden am Sonntag, auf den Tag genau elf Jahre nach seinem Triumph, eine Rolle dabei. “Ich will nochmal voll angreifen“, hatte er mit Bezug auf Roubaix gesagt, als die Klassikersaison gerade vor der Tür stand. Und nur so zum Genießen fährt nicht mal einer wie John Degenkolb das härteste Rennen der Saison.

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