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10.04.2026 | (rsn) – Das Warten auf eine weitere epische Ausgabe von Paris-Roubaix (1.UWT) mit unter Wasser stehenden Kopfsteinpflasterpassagen und schlammverschmierten, kaum noch erkennbaren Fahrern wird vermutlich noch andauern. Das Wetter dürfte am Sonntag bei der 123. Ausgabe der "Königin der Klassiker" keine entscheidende Rolle spielen.
Es stellt sich lediglich die Frage, ob der Wind stark genug sein wird, um für Turbulenzen zu sorgen. Laut den Prognosen kommt der Wind dafür zumindest aus der richtigen Richtung - nömlich aus Süd bis Südwest. Auch die Ausreißergruppe des Tages könnte davon profitieren.
Sonny Cobrelli als Überraschungssieger im Europameistertrikot bei Paris-Roubaix 2021 ist eines der Bilder, das auch fünf Jahre später noch Emotionen bei den Fans auslöst. Ähnliche Bilder wird es diesmal aller Voraussicht nach nicht geben.
Für das Wochenende ist zwar Regen angekündigt, allerdings nur wenige Stunden am Samstagnachmittag. Die nassen Kopfsteinpflaster sollten bis zum Sonntag auch durch den böigen Wind am Tag vor dem Rennen größtenteils abgetrocknet sein, von den Waldpassagen abgesehen. Hinzu kommen kühle Temperaturen zum Start. Im Tageserlauf steigen die Höchstwerte auf knapp unter 15 Grad an. Damit sind ähnliche Temperaturen wie im Vorjahr zu erwarten.
Die Windvorhersagen unterscheiden sich jedoch von den letztjährigen. Der Wind soll mittags aus südlicher Richtung kommen, am Nachmittag eventuell aus Südwesten. Gleichzeitig sind mit maximal 15 km/h geringere Windgeschwindigkeiten zu erwarten als in den letzten Jahren oder am vergangenen Sonntag bei der Flandern-Rundfahrt (1.UWT). Im Vorjahr wehte der Wind stärker aus Nordwesten, weshalb die Profis den ganzen Tag über, besonders im Finale, mit Gegenwind zu kämpfen hatten.
Der Rückenwind auf den ersten 95 Kilometern könnte der Ausreißergruppe des Tages helfen, bereits vor dem Beginn der Kopfsteinpflasterpassagen in Troisvilles eine größere Lücke zum Hauptfeld zu reißen. Die Chance, aus der Ausreißergruppe heraus in Roubaix ein Top-Ten-Ergebnis zu erzielen, hängt davon ab, ob die Gruppe den härtesten Sektor des Tages, die Trouée d’Arenberg, vor oder in einer Gruppe zusammen mit den Top-Favoriten passiert.
Danach können die Ausreißer entweder versuchen, zu einem günstigen Zeitpunkt von den Favoriten wegzuspringen oder sich im Windschatten diese Fahrer zu verstecken. Auch in dieser Phase des Rennens wäre Rückenwind von Vorteil. Jonas Rutsch (Lotto - Intermaché) erzielte mit dieser Taktik im Vorjahr einen hervorragenden 6. Platz. Auch in diesem Jahr könnte er eine ähnliche Strategie verfolgen, wenn beim Deutschen die Beine wieder mitspielen.
Die vorhergesagte Windrichtung macht ,neben der grundsätzlich offensiven Einstellung von Pogacar, van der Poel und Co., frühe Attacken der Favoriten wahrscheinlicher. Dies könnte wiederum einem großen Vorsprung der Ausreißergruppe entgegenwirken. Dabei könnte es helfen, dass die Top-Teams möglicherweise selbst Fahrer unter die ersten Ausreißer des Tages schicken oder sich vor dem Wald von Arenberg eine weitere Gruppe mit Helfern bildet.
Bei Wind aus Süden beziehungsweise Südwesten sind Windkanten normalerweise erst nach Beginn der Kopfsteinpflasterpassagen und dem Abbiegen der Strecke mehr in Richtung Nordwesten möglich. Dabei ist die Windgeschwindigkeit nicht immer ausschlaggebend. Bei hohem Tempo zieht sich das Fahrerfeld auf den Pavé-Abschnitten in die Länge. Kommt der Wind dann noch aus der idealen Richtung schräg von hinten, reicht oft schon ein leichter Windstoß, damit ein Fahrer das Hinterrad des Vordermanns verliert und im Feld kleine Lücken entsteht.
Diese können bei gleichzeitigen Tempoverschärfungen der Favoriten weiter vergrößert werden. Außerdem spielt es nicht immer eine Rolle, ob der Wind tatsächlich direkten Einfluss nimmt. Die Gefahr alleine sowie die dadurch steigende Nervosität verbunden mit intensiveren Positionskämpfen kann das Energielevel der Fahrer für den weiteren Rennverlauf beeinträchtigen.
Alpecin - Premier Tech, das Team des Titelverteidigers Mathieu van der Poel, hofft vermutlich auf stärkeren Wind. In den vergangenen Klassikersaisons erwies sich die Mannschaft der Roodhooft-Brüder besonders bei großen Rennen als Spezialist auf der Windkante. Beim zweiten Sieg van der Poels in Roubaix im Jahr 2024 machten er und seine Helfer das Rennen im Seitenwind früh sehr hart und dünnten das Feld zunehmend aus. Gleichzeitig waren fast alle Alpecin-Fahrer in der vorderen Windstaffel dabei, was die Kontrolle erleichterte. Der Kapitän krönte dies mit einem Solo über fast 60 Kilometer im Regenbogentrikot des Weltmeisters.
Auch van der Poels Taktik aus dem letzten Jahr, nach dem Arenberg-Sektor auf dem Asphalt aus den Kopfsteinpflasterpassagen heraus immer wieder hart zu attackieren und dadurch vor allem Pogacar zu ermüden, könnte durch den Wind erleichtert werden. Dank seiner Explosivität könnte es gelingen, immer wieder kleine Lücken zu Pogacar & Co. zu reißen. Diese sind bei Wind von hinten oder von der Seite auch für eine zusammenarbeitende Gruppe nicht leicht zu schließen.
Doch auch der Weltmeister aus Slowenien war in den letzten Jahren stets in passender Position, wenn der Wind das Rennen beeinflusste, und könnte selbst auf einer möglichen Solo-Fahrt vom Wind profitieren. Das Finale sollte sehr schnell werden und eine Durchschnittsgeschwindigkeit nahes des Rekords von 47,8 km/h, aufgestellt von van der Poel im Jahr 2024, ist bei gleicher Windrichtung durchaus denkbar.