In der Hölle in den Himmel

Emotionaler van Aert gewinnt für sich, seine Familie und Michael Goolaerts

Von Sebastian Lindner

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“Papa hat gewonnen!“ Wout van Aert nach dem Roubaix-Sieg im Kreise seiner Familie | Foto: Cor Vos

13.04.2026  |  (rsn) – Es gibt sie doch noch, die kleinen Wunder im Radsport. Und so klein ist das, was Wout van Aert (Visma – Lease a Bike) am Sonntag im Velodrom von Roubaix geschafft hat, eigentlich gar nicht. Ihm gelang, was im Saisonverlauf noch keiner schaffte: Er hat Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) bezwungen. Das war im Vorfeld der Königin der Klassiker allenfalls Mathieu van der Poel (Alpecin – Deceuninck) bei normalem Rennverlauf wirklich zugetraut worden.

Allerdings lässt sich der Rennverlauf der 123. Auflage auch kaum als normal verbuchen. Zwar gab es kaum Stürze, aber keiner der Top-Fahrer kam ohne Defekte durch den Tag. Und auch wenn van Aert durch seine technischen Probleme in Summe vielleicht weniger Zeit verlor als Pogacar oder van der Poel, schmälert das nicht im Geringsten seinen Sieg.

Es war ein Erfolg, ein Triumph, der in jüngerer Vergangenheit hinsichtlich der Emotionen, die er hervorrief, keine Vergleiche scheuen muss. Van Aert selbst, sein Umfeld, das Peloton, Belgien, die ganze Radsport-Welt, alle waren aus dem Häuschen. Videos in den Sozialen Medien zeigen die Ekstase, die der Sieg des 31-Jährigen vor Großbildschirmen an der Strecke im Wald von Arenberg hervorrief. In Mechelen, 30 Kilometer von van Aerts Heimatstadt Herentals entfernt, jubelte ein Fußballstadion, als es den Sprint gegen Pogacar auf einer Leinwand verfolgte.

Familie kommt zu spät, um Sieg live zu sehen

Im Velodrom selbst kam es zu tumultartigen Zuständen. Der Innenraum des Betonovals ist ohnehin immer brechend voll, schien dieses Mal aber noch überlaufener als sonst. Auch Sarah De Bie bekam das zu spüren. Die Ehefrau von van Aert schaffte es durch das Gedränge nicht rechtzeitig zur Ziellinie und verpasste mit ihren beiden Jungs Georges und Jerome nicht rechtzeitig zur Ziellinie, um ihrem Mann live zuzusehen, wie der den größten Erfolg seiner Karriere feierte – trotz dem Gewinn von Mailand-Sanremo, zehn Etappensiegen bei der Tour de France oder dem Grünen Trikot.

Mit kleiner Verzögerung erreichte sie ihn dann doch. Vor Glück weinend fiel van Aert seiner Frau in die Arme. “Papa hat gewonnen“, rief er seinen Jungs zu. Und nicht nur das: Er hat sich von einer Last befreit, die sich über die Jahre aufgebaut hatte. “Es war manchmal schwierig, zu Hause wieder positive Stimmung aufkommen zu lassen“, sagte De Bie bei Wielerflits. Zu oft hatte van Aert im Frühling seine großen Ziele und die Erwartungen ganz Belgiens nicht umsetzen können. “Aber die Kinder helfen dabei.“ Und bei Familienmensch van Aert noch viel mehr.

Zu Beginn der Saison hatte er sich bei ihnen zu Hause angesteckt, musste den Omloop kurzfristig ausfallen lassen. Mal wieder startete eine Klassikersaison alles andere als optimal. Zweite Plätze, dritte Plätze, vierte Plätze in den folgenden Wochen. Aber nicht der erlösende Sieg. Dass es nun ausgerechnet beim wichtigsten Rennen des Frühjahrs gelang, wieder ganz oben auf dem Podium zu stehen, entschädigt für vieles. Wenn nicht gar für alles. “Es macht all‘ die Opfer lohnenswert“, formulierte es De Bie, die schilderte, dass van Aert zuletzt manchmal “ziemliche tiefe Tiefen“ erlebt habe. “Doch die sind jetzt vergessen.“

Unvergessen bleibt dagegen Michael Goolaerts. Der Belgier war van Aerts Teamkollege bei Vérandas Willems-Crelan, als der 2018 erstmals bei Paris-Roubaix am Start stand und 13. wurde. Er war aber auch ein Freund. Die Hilfe Goolaerts konnte er damals jedoch nicht lange in Anspruch nehmen. Goolaerts stürzte auf einem Kopfsteinpflaster-Sektor. Wie sich später herausstellte, hatte er einen Herzstillstand erlitten. Trotz einer Wiederbelebung starb er am Abend des Rennens in einem Krankenhaus in Lille. Der Pavé-Sektor zwischen Viesly und Briastre trägt seither den Namen Goolaerts. Auch 2026 war er Teil des Rennens.

“Michael hat mit ein wenig extra Kraft gegeben“

Van Aert gedachte seinem früheren Teamkollegen mit dem erhobenen Zeigefinger, während er als Erster die Ziellinie im Velodrom überquerte. “Seit 2018 war es ein Ziel von mir, hierherzukommen und meinen Finger für ihn in den Himmel zu strecken“, sagte van Aert in seinem ersten Siegerstatement. “Ich glaube, dass mir Michael ein wenig extra Kraft gegeben hat. Ich bin froh, dass ich ihm und seiner Familie den Sieg widmen kann. Wir werden ihnen die Blumen bringen. Seine Familie kann entscheiden, wo sie dann platziert werden sollen“, sagte er später. Sichtlich bewegt und übermannt von seinen Gefühlen, die nicht nur Familie und Freunde, sondern auch sein Team teilte.

“Man merkt, dass alle Sportdirektoren und Kollegen sich das wirklich für Wout wünschten“, sagte De Bie. Christophe Laporte, der lange Zeit mit van Aert in der Spitzengruppe war, bevor der Sieger und Pogacar sich lösen konnten, bestätigte das: “Für mich als Franzosen ist es etwas Besonderes, meinen Kapitän hier in Frankreich bei Paris-Roubaix gewinnen zu sehen. Das macht mich wirklich stolz und ich bin sehr glücklich. Wout war heute sehr stark und er hat es tausendfach verdient“, sagte der Roubaix-Fünfte in der Mixed-Zone. “Ich bin ins Team gekommen, um Wout zu helfen, ein Monument zu gewinnen. Dieses Ziel haben wir erreicht. Ich bin super stolz und froh über den Tag.”

Neben weiteren Familien- und Teammitgliedern war auch van der Poel einer der ersten Gratulanten. Die Rivalität, die beide schon seit Beginn ihrer Karrieren als Crosser verbindet, zeugt auch immer wieder von tiefem Respekt. Diesen Respekt hat sich van Aert als unnachgiebiger Kämpfer erarbeitet. Nicht nur, bei van der Poel, sondern in der ganzen Radsport-Welt. Der Makel des ewigen Zweiten, der ihm trotz seiner überragenden Jahre 2020 und 2021 anheftete, weil es danach – für seine Verhältnisse – nicht mehr rund lief, vor allem auf Kopfsteinpflaster, ist verschwunden. Die Hölle des Nordens hat Wout van Aert in seinen persönlichen Radsport-Himmel verwandelt.

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