RSNplusSchlafmangel, Teamwechsel und der Traumcoup

Roubaix-Siegerin Koch im ausführlichen Interview

Von Felix Mattis

Foto zu dem Text "Roubaix-Siegerin Koch im ausführlichen Interview"
Ab in die Luft mit dem 8-Kilo-Stein: Franziska Koch (FDJ United - Suez) bejubelt ihren Roubaix-Sieg. | Foto: Cor Vos

13.04.2026  |  (rsn) – Geschlafen hat Franziska Koch (FDJ United – Suez) nach ihrem Triumph bei Paris-Roubaix Femmes (1.WWT) wenig. "Um 4:30 Uhr", verriet sie radsport-news.com am Montagmittag in einem gemeinsam mit dem TOUR Magazin per Videoschalte geführten Interview, habe sie schließlich die Augen geschlossen. Allerdings war das nicht die Konsequenz einer betrunkenen Partynacht nach dem größten Karriereerfolg, sondern der direkten Heimreise ins Mettmanner Elternhaus und vor allem der privaten Auseinandersetzung mit den überwältigenden Erlebnissen des Tages geschuldet.

"Ich bin mit einer Teamkollegin bis an die Grenze gereist und dann haben mich meine Eltern dort abgeholt. Um Mitternacht war ich zuhause, aber dann lag ich die ganze Zeit wach im Bett – habe mir meinen Sprint angeguckt und so viele Nachrichten wie möglich beantwortet. Es ist unglaublich, wie viele ich bekommen habe", erzählte sie.

Wie geht es dem Körper, was tut weh?
Franziska Koch: "Eigentlich nicht so viel. Ich hab' keine Blasen an den Händen, das ist angenehm. Ich merke etwas die Unterarme und spüre meine Beine, wenn ich die Treppen hochlaufe – aber nicht anders, als nach anderen harten Rennen. Die Unterarme sind da eher das, was heraussticht."

Hilft da auch ein Sieg?
Koch (lacht): "Ja, ich glaube die Freude hemmt die Schmerzen." ___STEADY_PAYWALL___

Es sah im Finale alles nach einem sehr klaren Plan aus, nach sehr bewusstem Rennfahren. War das so?
Koch: "Mir war im Rennen alles sehr bewusst. Die Kommunikation mit dem Sportlichen Leiter im Auto war sehr gut, wir hatten aber auch die Tage vor dem Rennen schon über verschiedene Szenarien gesprochen - was meine Stärke ist und was ich brauche, um einen eventuellen Sprint im Velodrom zu gewinnen. Ich bin schon mit einem klaren Plan ins Rennen gegangen, aber man weiß nie, was die anderen machen und muss sie natürlich immer im Auge behalten und auch reagieren."

Auf dem Pflaster einfach stark: Franziska Koch führt die berühmte Konkurrenz von Visma durch den Carrefour de l'Arbre-Sektor. | Foto: Cor Vos

24 Kilometer vor dem Ziel haben Sie auf dem Kopfsteinpflaster-Sektor Nr. 6 von Wannehain aus einer Rechtskurve heraus eindrucksvoll attackiert und das Spitzenquartett gesprengt. Gerade in den technischen Abschnitten haben Sie gegen die drei Weltklasse-Crosserinnen Marianne Vos, Pauline Ferrand-Prévot und Blanka Vas beeindruckt. Verblüfft?
Koch: "Meine Mountainbike-Karriere ist lange her, aber was man einmal gelernt hat, das verlernt man nicht. Mein MTB-Herz schlägt immer noch sehr! Ich habe im Rennen gemerkt, dass ich mehr Schwung aus den Kurven mitnehmen kann als die anderen. Diese Stärke wollte ich nutzen und dachte: Es ist nicht mehr so weit, vielleicht kann ich jemanden abhängen – ich probiere es einfach mal."

"Hatte einfach noch mehr Kraft und habe die Bahn genutzt"

Nur Vos blieb dran, Ferrand-Prévot kam danach nochmal zurück und arbeitete dann viel für Vos, bevor Sie sie mit einer weiteren Attacke im Finale erneut abhängten. Der Zielsprint auf der Bahn gegen Vos war dann eng, sah aber gekonnt aus. Wie schlägt man eine Marianne Vos? Das gelingt ja nach einem so harten Rennen nicht vielen - und Bahn-Erfahrung hat Vos auch mehr als Sie.
Koch: "Meine Bahn-Erfahrungen beschränken sich auf die Zeit bis zu den Juniorinnen und kleinere Rennen oder Deutsche Meisterschaften – das ist seit neun Jahren vorbei. Aber ich hatte einfach noch ein bisschen mehr Kraft und habe die Bahn ausgenutzt: Ich habe sie oben gehalten, so dass ihr Sprint etwas länger war, als meiner. Und auf den letzten zehn Metern hatte ich noch etwas mehr Körner."

Im Sprint im Velodrome André Petrieux ringt Koch (rechts) Vos (links) nieder. | Foto: Cor Vos

Nach dem Rennen hat Titelverteidigerin, Ex-Weltmeisterin und Tour-de-France-Siegerin Ferrand-Prévot Sie lobend als sehr starkes 'Monster' beschrieben und Vos erklärte, dass sie alles andere als überrascht sei ob Ihres Sieges. Wie fühlt sich das an?
Koch (lacht): "Ich bin immer noch die liebe Franzi und kein Monster. Aber die Anerkennung von den anderen Fahrerinnen zu hören, ist schon schön."

Delcourt nach Flandern: "Nächste Woche gewinnst Du!"

Wirklich überrascht durfte man nach den vergangenen Wochen auch gar nicht sein: Fünfte beim Omloop Nieuwsblad, Dritte bei Strade Bianche, Zehnte bei der Flandern-Rundfahrt – alles nach getaner, starker Vorarbeit für Kapitänin Demi Vollering. Die stand jetzt in Denain nicht am Start. Wie war Ihr Standing im Team?
Koch: "Ich habe viel Vertrauen vom Team bekommen. Mein Sportlicher Leiter hat mir nach Flandern gesagt: 'Nächste Woche gewinnst Du!' Wenn Dir das jemand sagt und das auch wirklich aus tiefem Herzen glaubt, dann macht das etwas mit einem."

Sie sind in den vergangenen zwei Jahren schon immer stärker und zwei Mal Deutsche Meisterin geworden. 2026 aber ist jetzt nochmal ein großer Schritt gelungen, endgültig in die Weltspitze. Woran liegt das?
Koch: "Der Teamwechsel ist der Hauptunterschied. Ich habe andere Teamkolleginnen, ein anderes Umfeld, einen neuen Trainer – dieser frische Wind mit vielen neuen Sachen tut mir sehr, sehr gut. Ich bin jemand, der nicht immer dieselbe Runde im Training fahren kann. Anderen machen neue Dinge Angst, aber mir tut das sehr gut und gibt mir extra Motivation, extra Feuer."

Schon Anfang März bei Strade Bianche fuhr Koch als Drittplatzierte aufs Podium. | Foto: Cor Vos

Aber was macht das Team anders? Sie sitzen ja nicht einfach nur auf einem anderen Rad in einem anderen Trikot, oder?
Koch: "Also das Rad liebe ich jedenfalls schon mal – es ist mein Lieblingsfahrrad bis jetzt, gefällt mir supergut. Aber das Team denkt auch an viele Kleinigkeiten. Es wird dir zugehört, sie machen etwas mit deinem Feedback und es wird sozusagen versucht, wirklich jede Schraube richtig einzustellen. Ich habe vor jedem Rennen bis jetzt einen Osteopathen gesehen. Solche Dinge machen einfach auch einen Unterschied. Und es motiviert auch, wie wir als Team in die Rennen gehen."

"Es macht sehr viel Spaß, Rennen gestalten zu können"

Können Sie das genauer erklären?
Koch: "Es ist ja in Anführungszeichen 'einfach', wenn man mit der stärksten Fahrerin ins Rennen geht – und Demi sagt auch immer, dass sie ein starkes Team braucht. Wir pushen uns dann gegenseitig, um 110 Prozent zu geben. Und es macht mir sehr viel Spaß, ein Rennen gestalten zu können. Das ist wirklich sehr cool und motiviert immer weiter. Wenn ich Flandern von diesem und letztem Jahr vergleiche: Da, wo ich letztes Jahr abgefallen bin, habe ich dieses Jahr das Rennen auseinandergenommen. Das macht unheimlich viel Spaß, jetzt so Rennen fahren zu können."

Profi geworden sind Sie 2019 bei Sunweb, woraus dann DSM und schließlich Picnic – PostNL wurde, bevor Sie letzten Winter zu FDJ gewechselt sind. Der Ansatz bei ihrem alten Team war immer ein behutsamer, langsamer Aufbau von Talenten. War das richtig?
Koch: "Im Nachhinein ist man immer schlauer. Wer weiß: Wenn ich das Team früher gewechselt hätte, hätte ich auch diesen Schritt von diesem Jahr vielleicht schon früher machen können, vielleicht aber auch nicht. Manchmal denke ich mir, dass ich nicht schon mit 19 hätte zu einem Profiteam gehen sollen, um mir sogar noch etwas mehr Entwicklungszeit zu geben. Es ist aber auch schwer: Im Frauenradsport gibt es ja keine wirkliche U23. Damals hieß es: Profi werden oder nicht. Wenn es in Zukunft einen Zwischenschritt gibt, wird das sicher vielen Juniorinnen helfen. DSM hat jedenfalls einen langsamen Aufbau mit mir gemacht, was wahrscheinlich gut ist."

Franziska Koch auf dem Weg zum Roubaix-Sieg. | Foto: Cor Vos

Es ist nur eben auch mit viel Geduld verbunden?
Koch: "Ich fühle mich jetzt schon alt, muss mir aber immer vor Augen halten, dass 25 nicht alt ist. Ich bin in meinem achten Karrierejahr als Profi, aber es könnten auch noch acht weitere kommen. Daran muss ich mich immer wieder erinnern. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Uhr tickt, aber eigentlich tickt sie gar nicht."

"Man muss an die Träume glauben"

Die Geduld hat sich ausgezahlt, wie der Roubaix-Sieg jetzt zeigt. 2021 nach der Premiere der Frauen-Variante, bei der Sie Siebte waren, haben Sie gegenüber RSN von diesem Rennen geschwärmt und gesagt, dass das eins für Sie werden wird. Haben Sie damals wirklich schon an einen Sieg geglaubt?
Koch: "Ja! Man muss träumen können und ich habe von dem Sieg hier immer geträumt. Man muss an die Träume glauben und darf nie aufgeben. Die erste Ausgabe war ja 2021, das ist fünf Jahre her. Aber ich glaube es ist meine Qualität, ruhig zu bleiben in chaotischen Momenten und ich bin gut darin, mich im Feld zu bewegen. Dazu habe ich die richtige Power, um Entscheidungen herbeizuführen und angreifen zu können. Das alles braucht man hier und hat mich immer weiter an diesen Traum glauben lassen."

Franziska Koch im DSM-Trikot bei der Premiere von Paris-Roubaix Femmes 2021 – da wurde sie bereits Siebte. | Foto: Cor Vos

Was mögen Sie an Paris-Roubaix?
Koch: "Das Schöne an diesem Rennen ist, dass es unvorhersehbar ist. Man hat Favoriten, aber es müssen nicht immer die Favoritinnen gewinnen."

Ist der Parcours und das grobe Kopfsteinpflaster mit aller Sturzgefahr nicht auch beängstigend?
Koch: "Ich glaube, wenn man mit Angst in ein Rennen geht, funktioniert es nicht. Meine Mentalität für dieses Rennen ist: Vielleicht gewinne ich, vielleicht breche ich mir ein paar Knochen. Aber der Preis lohnt sich. Man darf sich nicht abschrecken lassen, denn wenn man das tut, sollte man kein Rennfahrer mehr sein."

"Flandern-Rundfahrt und WM-Titel sind auch auf der Liste"

"Die Königin der Klassiker" wird Paris-Roubaix auch genannt. Größer geht es in Sachen Eintagesrennen ja eigentlich nicht – aber haben Sie noch andere Träume?
Koch: "Ich hoffe auf jeden Fall, dass das nicht mein einziger großer Sieg in der Karriere bleibt. Irgendwann auch die Flandern-Rundfahrt zu gewinnen oder ein Weltmeistertitel, solche Sachen stehen auch noch auf meiner Liste."

Das Podium in Roubaix: Franziska Koch zwischen den Mehrfach-Weltmeisterinnen Marianne Vos (links) und Pauline Ferrand-Prévot (rechts). | Foto: Cor Vos

Bei den Männern wurde Paris-Roubaix am Sonntag zum 123. Mal ausgetragen, für die Frauen erst zum sechsten Mal – und erstmals am selben Tag. Wie hat Ihnen das gefallen?
Koch "Vor allem in den Sektoren zum Finale hin waren viel mehr Zuschauer – das hat man deutlich gemerkt. Auf den ersten paar Stücken nicht, aber am Ende oder auch auf Mons-en-Pevele schon, hat man eine deutliche Steigerung gesehen. Etwas schade ist, dass dafür die Fernsehübertragung so kurz war. Es wäre schon schön, wenn man das ganze Rennen sehen könnte. Für den Frauenradsport ist es besser, ein Rennen am Samstag und eins am Sonntag zu haben. Denn wie soll ein Mensch gleichzeitig Paris-Roubaix der Männer und Frauen wahrnehmen, wenn in beiden Rennen so viel passiert? Wenn es an zwei Tagen ist, wird beides mehr wertgeschätzt."

"Habe hart gearbeitet, jetzt ist Spielzeit"

Wie geht es jetzt weiter – ist Zeit, den Roubaix-Sieg richtig zu feiern?
Koch: "Im Radsport ist das nächste Rennen nie weit. Am Freitag kommt schon der Brabantse Pijl (17. April), dann das Amstel Gold Race (19. April) und dann fahre ich auch noch die Vuelta (3.-9. Mai). Danach habe ich eine Pause, aber jetzt erstmal geht es noch so weiter – und ganz ehrlich: Wenn man eine gute Form hat, will man nicht Party und Pause machen. Ich habe hart dafür gearbeitet für dieses Level und jetzt ist sozusagen Spielzeit."

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