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22.04.2026 | (rsn) – Eine erste Entwarnung ließ nicht lange auf sich warten. "Ich bin nicht gestürzt", erklärte Paul Seixas (Decathlon - CMA CGM Team) auf der Pressekonferenz nach seinem historischen Triumph bei der 90. Ausgabe von La Flèche Wallone. Als das 19-jährige Wunderkind die Ziellinie in Huy überquerte, stach zahlreichen Beobachtern der blutüberströmte, rechte Ellbogen des Franzosen ins Auge. Doch alles halb so wild: "Das ist eine alte Verletzung. Es gab nur ein starkes Gedränge im Peloton, ich bin leicht mit jemandem zusammengestoßen und die Wunde ist wieder aufgegangen."
"Der Auserwählte", so wird Seixas mittlerweile in seiner Heimat genannt, hat für seinen Premierensieg bei einem der großen Klassiker also kein schmerzhaftes Opfer bringen müssen. Vielmehr bewies der jüngste Sieger in der Geschichte von La Flèche Wallonne dadurch, dass er selbst auf engstem Raum nicht zurückschreckt und sein Ding durchzieht. Oder, um es mit den Worten seines Landsmanns Benoît Cosnefroy (UAE Team Emirates – XRG) zu formulieren: "Paul fuhr wie ein Boss. Er hat gezeigt, dass er der Stärkste ist."
___STEADY_PAYWALL___Tolle Worte des Vierten von Huy, der ganz genau weiß, wovon er spricht: Immerhin fährt Cosnefroy bei UAE an der Seite von Tadej Pogacar, der am kommenden Sonntag bei der 112. Ausgabe von Liège-Bastogne-Liège der größtmögliche Gegner von Seixas sein wird. Eine Parallele sei zwischen den beiden jedenfalls festzustellen. "Im Grunde ist es bei ihm wie bei Tadej: Wer körperlich stark ist, kann auf jedem Terrain gewinnen."
Das hat Seixas am Mittwoch einmal mehr unterstrichen. Der Gesamtsieger der Baskenland-Rundfahrt ließ seine Konkurrenz auf den letzten 200 Metern mit einem eindrucksvollen Sprint nur noch Staub schlucken, kurz zuvor schrammte er an der Mur de Huy nur knapp am Rekord vorbei. 2:43 Minuten benötigte der Jungspund für den Anstieg und war damit nur zwei Sekunden langsamer als die Rekordhalter Alejandro Valverde (2014) und Julian Alaphilippe (2021).
Tatsächlich zeigte sich Seixas anschließend selbst von sich überrascht. "Ich war mir nicht sicher, wie ich auf eine so ungewohnte Belastung reagieren würde", wurde er von "Le Parisien" zitiert. "Es war aber eine sehr angenehme Überraschung. Das gibt auf jeden Fall Selbstvertrauen."
Seine Konkurrenz ließ Paul Seixas Staub schlucken. | Foto: Cor Vos
Ebenso beeindruckend: Pogacar war bei seinem Triumph vor drei Jahren an der Mur de Huy drei Sekunden langsamer als Seixas. Unbedingt einfacher war sein Sieg beim Flèche aufgrund der Abwesenheit des slowenischen Superstars aber nicht. "Es ist immer schwierig", unterstrich Seixas und legte auf seine gewohnt direkte Art nach: "Klar, auf dem Sofa denkt man: 'Ach, ohne Pogi ist es einfach.' Aber nein – man muss immer an seine Grenzen gehen."
Letztere muss er am Sonntag möglichst verschieben, wenn er bei Lüttich-Bastogne-Lüttich den Coup anpeilt. Doch Pogacar hier, Pogacar da – eines ist klar: Die ständigen Vergleiche sagen Seixas nicht unbedingt zu. "Auf 250 Kilometern kann alles passieren", blickte der Youngster selbstbewusst voraus. "Ich gehe nie in ein Rennen und denke mir, dass ich um Platz zwei fahre. Ich werde versuchen, ihn anzugreifen. Wenn ich ihn beim Start sehe, werde ich nicht nach unten schauen. Das ist unmöglich und liegt nicht in meiner Natur."
Wenn Seixas in Lüttich an den Start rollt, dürfen gerne seine Sätze von Ende Februar in Erinnerung gerufen werden. "Man muss gewinnen, wenn alle da sind – das ist das Wichtigste und auch das Befriedigendste für einen Sportler", meinte er damals in einem Interview mit Cyclismactu. "Das Ziel ist nicht, zu übernehmen, wenn Tadej nicht mehr da ist. Mein Ziel ist es, ihn eines Tages schlagen zu können, wenn er noch in Bestform ist."
Das Podium des 90. Flèche Wallonne, v.l.: Mauro Schmid, Paul Seixas, Ben Tulett | Foto: Cor Vos
Für Seixas gibt es spätestens nach seinem Sieg bei La Flèche Wallone also nur ein Ziel: Bei Lüttich-Bastogne-Lüttich nachlegen. "Es wird definitiv anders sein", gab er mit Blick auf das Finale der Ardennen-Trilogie zu Protokoll. "Es wir eine ganz andere Geschichte. Aber ich bin mir sicher, dass ich kämpfen und mein Bestes geben werde."
Hinter Seixas steht eine ganze Nation, die beim Showdown mit Pogacar an ihn glaubt. Doch viel wichtiger ist: Das Wunderkind glaubt selbst daran. Wozu er fähig ist, beweist er von Rennen zu Rennen.