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02.05.2026 | (rsn) - Die vier bronzenen Frösche am Brunnen des Hauptplatzes von Bohumin staunen nicht schlecht. Denn dieser zentrale Ort der etwa 20.000 Einwohner zählenden Kleinstadt in Mähren, ist zugeparkt von Vans, bunten Pkws und Materialwagen. Die Etappe 3b der Gracia Orlova startet hier. Sie ist eine der traditionsreichsten Rundfahrten im Frauenradsport. Die erste Austragung fand 1987 statt.
"Es wurde damals als Rennen für Frauen und Juniorinnen ins Leben gerufen", erzählt Renndirektor Petr Kolá?ek RSN. Der Ursprungsname lautete noch hochsozialistisch "Frauenfreundschaft". Daraus wurde später die Gracia - und Grazien des Radsports prägten sie. Rekordsiegerin ist weiter Hanka Kupfernagel. Auch Judith Arndt und Trixi Worrack trugen sich in die Siegerinnenliste ein, wie auch Radsportqueen Marianne Vos und Ex-Zeitfahrweltmeisterin Ellen van Dijk.
Die Rundfahrt hat vor allem Sprungbrettfunktion. "Sie ist sehr gut geeignet für Nachwuchsfahrerinnen, um reinzukommen in den Sport. Sie ist auch gut besetzt. Aber dennoch haben auch die jungen Fahrerinnen die Chance, gut mitfahren zu können, nicht gleich abgehängt zu sein. Das ist wichtig für die Moral. Und auf der anderen Seite sind auch ein paar Top-Fahrerinnen da, von denen sie lernen können", meint Olaf Janson, seit mittlerweile 30 Jahren Stammgast bei dem Rennen - lange Zeit mit Team Stuttgart, jetzt mit dem 2025 neu gegründeten LKT Women Team. ___STEADY_PAYWALL___
Ein großes Peloton mit 152 Starterinnen ist bei der Gracia Orlova unterwegs. | Foto: Gracia Orlova
In Zeiten, in denen in Deutschland die Rennen immer mehr ausdünnen – die Thüringen Rundfahrt gibt es nicht mehr, einziges Etappenrennen ist die noch recht junge Frauenausgabe der Oderrundfahrt – werden Rennen in Tschechien wie die Gracia Orlova oder auch die Tour de Feminin in Krasna Lipa, Erstaustragung 1988, immer relevanter auch für die deutschen Teams. Gleich drei auf Kontinental-Niveau sind am Start. Neben Jansons LKT noch Rembe - rad-net - eine verkappte Nationalmannschaft von German Cycling, u.a. mit den Bahnolympiasiegerinnen Franziska Brauße und Lisa Klein – sowie das Berliner Aufsteigerteam Wheel Divas.
Letztere gewannen 2024 sogar die Rundfahrt, damals noch als Club-Team, zugleich der letzte deutsche Erfolg von insgesamt 13. Die damalige Siegerin Corinna Lechner ist wegen ihres Engagements als Tandempilotin im Paracycling dieses Mal allerdings nicht am Start. Siegpotential bringen die Wheel Divas trotzdem mit. Stephanie Meder entschied das Einzelzeitfahren der Etappe 3a für sich.
Ein Erfolg mit gleich mehreren Ausrufezeichen war das am Samstag. Denn Meder ist nicht nur eine Seiteneinsteigerin. "Ich fahre erst seit etwa viereinhalb Jahren überhaupt Rad", sagt sie radsport-news.com in Havirov. Im Peloton sticht sie mit ihrem Hauptjob in einer Investmentfirma in der Schweiz und Nebentätigkeit Radtraining auch spektakulär heraus. Das bedeutet lange Arbeitstage. "Drei bis vier Stunden auf dem Rad vor der Arbeit und dann um 9:00 Uhr im Büro. Abends wenn möglich um 9:00 schlafen gehen", beschreibt sie ihren Rhythmus.
Das Podium des Gracia-Zeitfahrens von links: Die Zweitplatzierte Jasmin Liechti (Nexetis) aus der Schweiz, die deutsche Siegerin Stephanie Meder (Wheel Divas) und die Drittplatzierte Silje Antvorskov (Friis) aus Dänemark. | Foto: Gracia Orlova
Noch viel krasser aber ist, dass das Einzelzeitfahren bei der Gracia Orlova ihr erster Wettkampf überhaupt auf der Zeitfahrmaschine ist. Und vorher hat sie nur fünfmal auf dem Gerät trainiert. Das Potential der 31-Jährigen, die im vergangenen Jahr Sechste der Deutschen Straßenmeisterschaften war, scheint also beachtlich.
Geschichten wie die ihre sind allerdings auch nur möglich, weil es ein Team wie die Wheel Divas gibt, das nicht nur ganz jungen Talenten eine Chance gibt, sondern auch an Jahren Älteren, die einen anderen Weg genommen haben.
Und wer weiß, vielleicht findet sie über ihren Job in der Investmentbranche ja sogar einen Geldgeber, der den Wheel Divas den Aufstieg in die nächste Kategorie erlaubt. "Ich bin nicht direkt im Kundengeschäft, sondern mehr auf der Technologie- und Strategieseite unterwegs. Aber ich müsste mal bei unseren Chefs anklopfen, ob sie vielleicht unterstützen wollen bei dieser Sache", meint sie zu RSN.
Die 19-jährige Emily Dixon vom Development-Team des deutschen WorldTour-Rennstalls Canyon – SRAM – zondacrypto gewann die ersten beiden Etappen und trägt vor der Schlussetappe Gelb. | Foto: Gracia Orlova
Im Gesamtklassement liegt Meder vor der abschließenden 4. Etappe auf Rang vier, mit 44 Sekunden hinter der erst 19-jährigen früheren Siegerin der Zwift Academy, Emily Dixon (Canyon – SRAM – zondacrypto Generation), und 36 Sekunden hinter dem Schweizer Talent Jasmin Liechti (Nexetis).
Diese beiden Namen unterstreichen schon den Stellenwert, den die Gracia Orlova hat. "Sie ist über die Jahre gewachsen, vom Teilnehmerfeld her, aber auch von der gesamten Organisation und Ausstattung", erzählt Pavla Pospisilova. Sie fuhr in den Nullerjahren selbst bei der Gracia Orlova. "Damals waren die Teams noch kleiner, wir kamen zu viert in einem kleinen Auto an, nicht mit den Vans, Bussen und Materialwagen wie jetzt", erinnert sie sich.
Trotz aller Entwicklung hat sich die familiäre Atmosphäre aber erhalten. Ex-Teilnehmerin Pospisilova fungiert nicht nur als Dolmetscherin bei dem Rennen. Sie macht auch die Durchsagen von Radio Tour. Renndirektor Kolacek ist seit der Gründung 1987 angefixt von dem Rennen. "Die erste Austragung fand direkt vor unserem Haus statt", meint er lachend. Den Job als Renndirektor übernahm er 1996 von seinem Vater.
Unfreiwilliger Zwangsstopp auf der 1. Etappe der Gracia Orlova - der Sicherheit zuliebe. | Foto: Gracia Orlova
Als Geheimnis für das Durchhalten auch in den schweren Jahren der Transformation nach 1990 nennt er den Zusammenhalt innerhalb der Organisation. Dazu gehören selbstverständlich gute Kontakte zu den jeweiligen Stadtverwaltungen. "Sie sind einfach stolz auf das Rennen", sagt er radsport-news.com.
Und ganz besonders ist das Verhältnis zur Polizei. "Die jetzigen Chefs der Polizei haben als einfache Polizisten bei der Gracia angefangen. Ihre Karrieren sind mit dem Rennen gewachsen", betont er.
Die Polizeieinheiten, die für Sicherheit bei der Gracia sorgen, sind übrigens auch bei den anderen Rennen in Tschechien wie etwa der Tour de Feminin im Einsatz. Das nennt man Spezialisierung – durchaus ein Lerneffekt auch für das flächenmäßig und wirtschaftlich große, in Sachen Straßenradsportinfrastraktur aber weiterhin erschreckend kleine Nachbarland Deutschland.