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21.05.2026 | (rsn) - Toller Tag für Bahrain Victorious. Das Rosa Trikot behalten und auch noch den Etappensieg geholt. Mechaniker und Physios, Rennfahrer und Sportliche Leiter lagen sich nach der Hitzeschlacht von Novi Ligure am Teambus in den Armen. “Ein perfekter, perfekter Tag“, sprudelte es auch aus dem Gesamtführenden Afonso Eulalio heraus.
Die euphorische Verdoppelung passte bestens zu den Ereignissen im Finale dieser 12. Etappe des Giro d‘Italia (2.UWT). Erst hatte der Portugiese die sechs Bonussekunden am Red Bull Kilometer abgegriffen. “Wenn niemand sie holen will, nehme ich sie mir“, sagte der Ex-Mountainbiker fröhlich. Und auf den letzten drei Kilometern startete Teamkollege Alec Segaert eine Attacke, die sich als die siegbringende erweisen sollte.
Für Radsporthistoriker: Segaert griff nur ein paar Hundert Meter von zwei Statuen der Radsporthelden Fausto Coppi und Constante Girardengo entfernt an, beide zusammen neun Grand-Tour-Gesamtsiege und 18 Klassikermonumente schwer. ___STEADY_PAYWALL___
Die Statuen stehen vor einem Radsportmuseum, das unzählige Räder enthält, von Coppi, von Marco Pantani, eines auch vom guten Rudi Altig. Mal sehen, vielleicht sichert sich die zum Museum gehörende Stiftung jetzt ja auch das Rad von Segaert.
Alec Segaert (Bahrain Victorious, re.) auf dem Weg zum größten Sieg seiner Karriere. | Foto: Cor Vos
Der junge Belgier war selbstverständlich überglücklich über seinen Erfolg. “Es ist fantastisch! Es ist mein erster Giro. Ich bin in den Nachwuchskategorien oft in Italien gefahren. Jetzt gewinne ich hier auf dem größten Podium“, meinte der 23-Jährige im Ziel-Interview. Vor allem war er glücklich darüber, dass er die Enttäuschung vom Zeitfahren nun mit einer derartigen Glanzleistung kompensieren konnte.
Unschlüssigkeit herrschte im Umfeld nur darüber, was wann geplant und was spontan entschieden worden war. Altmeister Damiano Caruso beteuerte gegenüber RSN, dass sowohl Eulalios Moment beim Red Bull Kilometer als auch der formidable Antritt von Segaert der Rennsituation geschuldet waren. “Es waren alle ziemlich müde aufgrund der Hitze, das hat er einfach gut gemacht“, sagte der Italiener über den Etappensieger. Der selbst hatte sich das allerdings schon am Abend zuvor beim Studium des Finales vorgenommen. “Ich hatte die Attacke immer im Hinterkopf. Ich wusste, dass das eine gute Stelle im Parcours ist“, stellte Segaert klar.
Im Ziel strahlte der Belgier mit der Sonne um die Wetter. | Foto: Cor Vos
Wer qua Amt wissen muss, was geplant war und was eine schöne Improvisation darstellte – das sind die Sportlichen Leiter. Und Gorazd Stangelj löste für RSN das Verwirrspiel auch auf. Die kleine Bravourtat von Eulalio entsprang laut dem Slowenen tatsächlich der Hitze des Gefechts. “Das war nicht im Programm. Als die Gruppe vorn aber gut unter Kontrolle war, haben wir gedacht, warum sollten wir das nicht versuchen? Er hat es dann prima gemacht, und es war gewissermaßen ein Gratisgeschenk. Wir wissen zwar nicht, was diese sechs Sekunden am Ende des Giros wert sind. Aber der Junge ist einfach mutig und will immer kämpfen“, lobte Stangelj den Mann im Rosa Trikot.
Segaerts Sieges-Move hingegen war fest im Tagesplan verankert. “Uns fehlte der Tagessieg ja seit der 5. Etappe, als Afonso zwar Rosa holte, aber den Etappenerfolg verpasste. Seitdem haben wir unsere Kräfte für die Verteidigung des Trikots einsetzen müssen. Das haben wir natürlich auch gern gemacht, aber einen Etappensieg wollten wir dennoch. Der Tag heute war perfekt für die Art von Attacken, die Alec machen kann. Er hat sich das vorgenommen. Und wir müssen uns auch bei den anderen Teams bedanken, dass sie das Rennen so schwer gemacht haben. Es war dann ein reduziertes Feld, und Alec konnte das durchziehen“, so der Sportliche Leiter.
Segaerts Teamkollege Afonso Eulalio holte sich unterwegs sechs Bonussekunden und festigte das Rosa Trikot auf seinen Schultern. | Foto: Cor Vos
Stangelj beschrieb seinen erfolgreichen Giro-Debütanten als eine Art Schweizer Messer: gut, kompakt und geeignet für viele Gelegenheiten: “Er ist ein guter Zeitfahrer. Er verteidigt sich auch gut über Anstiege wie den von heute und er ist auch ziemlich explosiv.“ Auf den Leib geschrieben seien ihm die heimischen Klassiker und Rennen, bei denen die Belastungen bei Anstiegen nicht über 15 Minuten hinausgingen. Bei mittelschweren Etappen wird man in Zukunft mit Segaert rechnen müssen. Und sein Klassikerprofil unterstrich er schon vor vier Jahren beim Gewinn der Nachwuchsversion der Lombardei-Rundfahrt und bestätigte das in dieser Saison mit dem Sieg beim GP de Denain.
Bei Eulalio hingegen will nicht einmal Stangelj sich festlegen, was der 24-Jährige draufhat. “Wir sind auf ihn aufmerksam geworden, als er das Gelbe Trikot der Portugal-Rundfahrt anhatte“, erzählte er. “Wir haben ihn dann eingeladen, haben Tests gemacht und gesehen, dass er wirklich ein guter Junge ist. Jetzt bauen wir ihn Schritt für Schritt auf.“
Gradmesser für des Potenzial des Portugiesen wird für seinen Sportlichen Leiter die Bergetappe am Samstag. Vielleicht geht das Staunen über diesen jungen Mann dann noch weiter. Inzwischen trägt Eulaio ohnehin schon länger Rosa als die meisten Experten ihm zugetraut hatten. Der Tag heute wird ihm und dem ganzen Team Rückenwind geben. Nur übermütig sollten sie nicht werden im Hause Bahrain. Ein Momentum kann auch schnell wieder verschwinden.