RSNplusEin Bregenzer Radladen und die deutsche Radsportelite

Warum Lipowitz, Ackermann und Kämna im selben Verein fahren

Von Christoph Matt

Foto zu dem Text "Warum Lipowitz, Ackermann und Kämna im selben Verein fahren"
Christian “Paugi“ Pauger zu Besuch bei der Tour | Foto: Pro Cycle

15.06.2026  |  (rsn) - Wer bei Christian Pauger durch die Tür geht, ist erst einmal Urlauber, zumindest wird man so angesprochen. Unvertraute mag die Anrede irritieren, die Logik dahinter ist aber simpel. Wer den Laden betritt, hat ein Sportgerät dabei und damit Freizeit, also Urlauber.

Dass hingegen im Geschäft geschraubt, montiert und eingestellt wird, ist nicht schwer zu erkennen. Die Abteilung für hochpreisige Radkleidung in gedeckten Farben sucht man bei Paugi vergebens, dafür sieht man die Spuren eines geschäftigen Fahrradmechanikers in jedem Winkel.

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Neben bereits fertig aufgebauten Rennrädern stehen Fahrradkartons und halb zerlegte E-Bikes. An manchen Tagen hängt hier jedoch auch ein WorldTour-Teambike am Montageständer und der dazugehörige Fahrer neben der Espressomaschine an der Theke.

Pro Cycle Bregenz, wie das Geschäft heißt, ist nämlich Fahrradwerkstatt und gleichzeitig Startpunkt der Trainingsausfahrt gleich mehrerer deutschsprachiger Radprofis. Illustre Namen wie Pascal Ackermann (Jayco - AlUla), Lennard Kämna (Lidl - Trek), Georg Steinhauser (EF Education - EasyPost) oder Niklas Märkl (Picnic - PostNL) wohnen im Einzugsgebiet der kleinen Vorarlberger Hauptstadt und treffen sich regelmäßig um 10 Uhr bei Pro Cycle für ihren Dienstbeginn.

Bereits seit einigen Jahren siedeln sich am österreichischen Bodenseeufer immer mehr deutsche Radprofis an. Die Gegend rund ums schwäbische Meer bietet ideale Trainingsbedingungen: viele Anstiege im Voralpenland, flache Strecken im Rheintal und im nahe gelegenen Appenzell oder Allgäu ein dichtes, wenig befahrenes Wegenetz. Außerdem liegt Bregenz geografisch gut; vom Dreiländereck Deutschland, Österreich, Schweiz ist es auch nicht weit nach Italien oder Frankreich.

Recht unprätentiös führt Paugi seinen Radladen | Foto: Christoph Matt

Es gibt allerdings noch einen weiteren handfesten Grund für den Wohnort in Vorarlberg: steuerliche Privilegien. Auch wenn diese für den Großteil der Leserschaft kaum Anwendung finden, für manche Sportler lohnt sich aber der Blick ins österreichische Steuerrecht.

Selbstständige Profis mit Wohnsitz in Österreich können nämlich die sogenannte Sportlerpauschalierung in Anspruch nehmen. Dafür müssen mehr Renneinsätze im Ausland als im Inland stattfinden, für einen WorldTour-Profi eine reine Formsache. Nach österreichischen Steuerrecht fallen in diesem Fall nur für 33% der Einkünfte Steuern an, 67% des Einkommens bleibt steuerfrei.

Wie Paugi zu den Profis kam

Nun könnten Ackermann, Märkl und Co. für diese Vorteile auch nach Innsbruck oder Wien ziehen, die Wahl fiel aber auf Vorarlberg und daran ist Christian Pauger nicht ganz unschuldig.

In den frühen 2000er-Jahren betreute Paugi seine Frau bei einem Mountainbike-Rennen und wurde dort auf einen jungen Teilnehmer aufmerksam: “Das erste Mal fiel mir Matthias Brändle bei einem Rennen in St. Gallen auf. Ich kannte ihn damals nicht, wusste aber, dass er auch Vorarlberger ist und habe zu meiner Frau gesagt: Der kann mal gut werden. Als ich ihn dann bei einem Rennen in Österreich wieder sah, fragte ich ihn, ob er nicht auch Straßenrennen fahren will”, erzählte Paugi die Anekdote, wie er zu seinem Schützling kam.

Pro Cycle hat sich im Rennrad-Bereich vor allem auf Custom-Aufbauten spezialisiert. | Foto: Pro Cycle

Mit diesem Vorschlag handelte er sich schließlich ein jahrelanges Förderprojekt ein. Er kümmerte sich fortan um das Material des Nachwuchsfahrers und legte den Grundstein für Brändles erfolgreiche Profikarriere, die der Zeitfahrspezialist nach 15 Profi-Jahren und 18 Profi-Siegen 2022 beendete.

Dieser Matthias Brändle war es schließlich, der Ackermann davon überzeugte, in seine Heimat Vorarlberg zu ziehen und über die Jahre folgten weitere Profis diesem Ruf. “Sie fahren schon wirklich viel zusammen, alleine haben sie eigentlich gar keine Lust”, beschreibt Paugi die Trainingsgruppe.

Da einige der neuen “Bregenzer” aus dem deutschen Umland kommen, wird der Umzug ins Nachbarland keine große Hürde gewesen sein. Kämna könnte mit der Vorarlberger Mundart in den ersten Monaten im Ländle dafür seine Probleme gehabt haben. Eines eint aber alle Zugezogenen: die Lizenz.

Der Bregenzer Radladen hat einen hauseigenen Verein, der eine recht schlagkräftige Truppe mit einer Rennlizenz ausstattet. Pascal Ackermann, Rüdiger Selig, Michael Schwarzmann, Lennard Kämna, Florian Lipowitz (Red Bull - Bora - hansgrohe), Felix Engelhardt (Jayco - AlUla), Emil Herzog (Red Bull - Bora - hansgrohe) und Georg Steinhauser fahren offiziell für den Bregenzer Verein, der damit wohl die beste Leistungsdichte im deutschsprachigen Raum vorweisen kann. Ergebnisse der Vereinsmeisterschaft sind leider keine bekannt.

”Eigentlich ist es wie eine Familie”

Paugis Rolle geht im Alltagsleben der Radprofis weit über die des Mechanikers und Lizenzgebers hinaus. "Wenn Kämna vier Wochen auf Höhentrainingslager ist, schaue ich ihm halt auch mal in die Post oder zur Wohnung. Es ist eigentlich wie eine Familie, wir sind schon einfach gute Freunde“, beschreibt er sein Verhältnis zu seinen Schützlingen.

Um diesen Gefallen dürfte der Radladenbesitzer im Sommer öfter gebeten werden. Während der Sommermonate sind viele Bregenzer unterwegs auf Trainingslager oder im Renneinsatz. Ein Metier, das Paugi ebenfalls vertraut ist. In den 90er Jahren fuhr er selbst Radrennen im Kontinentalbereich und während Brändles Zeit in der WorldTour arbeitete er zeitweise als Mechaniker für Israel - Premier Tech. Im eigenen Laden zu schrauben war ihm dann aber doch deutlich lieber, auch wenn ihn ein Einsatz bei der Tour de France schon gereizt hätte.

Spätestens nach dem Tour-Abschluss Paris sollte die Truppe wieder halbwegs vollständig am See versammelt sein. Unabhängig von den Ergebnissen in Frankreich wird in Bregenz gefeiert werden. Pro Cycle Bregenz wird 30 Jahre alt und darf zur Jubiläumsfeier mit prominenten Gästen rechnen. Bei Paugi gilt aber auch für die: Zeawas Urlauber!

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