RSNplusInterview mit dem Gravel-Dominator

Würtz Schmidt: “Gravel-Rennen sind vergleichbar mit Ausreißergruppen“

Von Jens Claussen

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Mads Würtz Schmidt (Dänemark) gilt nach seinem EM-Titel auch als der haushohe Favorit für die Gravel-WM in Australien | Foto: Cor Vos

01.10.2026  |  (rsn) Ähnlich dominant wie Tadej Pogacar (UAE - Emirates - XRG) im Straßenrennsport bestimmte Mads Würtz Schmidt (PAS Racing) in der bisherigen Saison die Rennen im Gravel. Ob bei Etappenrennen (Santa Vall), auf Langdistanzen (Unbound) oder aber bei UCI-Rennen (Gravel-EM), der Däne trat bei zwölf Renneinsätzen lediglich viermal die Heimreise nicht als Sieger an.

Vor den Gravel-Weltmeisterschaften in Nannup (Australien) am 10. und 11. Oktober sprach Würtz Schmidt mit RSN über seine “surreale Situation" und das bei weitem noch nicht ausgeschöpfte Verbesserungspotenzial in diesem jungen Sport – sowie darüber, warum das Specialized Off-Road Team seiner Meinung nach die professionellsten Strukturen in der Szene habe.

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Mads, hätten Sie erwartet, dass Sie nach Ihrer ersten kompletten Gravel-Saison im Jahr 2025 in diesem Jahr zum weltbesten Gravel-Profi aufsteigen würden?
Mads Würtz Schmidt: “Ich hatte erwartet, zu den Besten zu gehören. Aber dass ich praktisch alles gewinnen würde, woran ich teilgenommen habe, hätte ich nie gedacht. Die gesamte erste Saisonhälfte lief extrem gut, ich konnte mich im Vergleich zum letzten Jahr steigern und ein besserer Athlet werden. Meine Ziele waren Traka und Unbound, und ich bin extrem stolz auf das Erreichte. Es ist irgendwie surreal, als bester Gravel-Fahrer der Welt gehandelt zu werden. Ich versuche, bescheiden zu bleiben, auf dem Boden zu bleiben und hart zu arbeiten. Nichts kommt von allein und ich bin extrem fokussiert in meinem Training und allem, was mit dem Profi-Radsport zu tun hat.“

In Ihren letzten Jahren als Straßenprofi konnten Sie nicht mehr an Erfolge wie den Etappensieg bei Tirreno-Adriatico 2021 anknüpfen. Nun diese Dominanz auf Schotter. Liegen Ihnen Rennen dieser Art deutlich besser als die Charakteristika des Straßenrennsports?
Würtz Schmidt: “Ich glaube, dass mir Gravel-Rennen besser liegen. Auf der Straße hatte ich meine besten Rennen und Leistungen, wenn ich früh in einer Ausreißergruppe war. Ein Gravel-Rennen ist vergleichbar mit einer Ausreißergruppe auf der Straße. Es ist ein ständiges 'Pushen' und es gibt nie einen ruhigen Moment. Das passt mir hervorragend."

In seiner Karriere als Straßenprofi war Würtz Schmidt ein starker Zeitfahrer. | Foto: Cor Vos

Nun haben Sie einen Großteil Ihrer Erfolge in diesem Jahr außerhalb der UCI Gravel World Series erzielt. Ist die Gravel-Rennserie des Radsportweltverbandes Ihrer Meinung nach weniger attraktiv als andere Formate wie die Gravel Earth- oder Life Time Series?
Würtz Schmidt: “Ich wollte dieses Jahr an der Gravel Earth Series teilnehmen und versuchen, sie zu gewinnen (Würtz Schmidt hat die Rennserie mit großem Abstand gewonnen, d. Red.). Ich habe mir über meinen Rennkalender noch nicht viele Gedanken gemacht. Ich wäre gerne mehr UCI-Rennen gefahren, wenn es logistisch möglich gewesen wäre und in meinen Zeitplan gepasst hätte. Es besteht aber die Gefahr, sich durch zu viele Rennen zu überlasten. Außerdem fanden die meisten Rennen der Gravel Earth Series in der Nähe meines Wohnortes statt, sodass die Anreise nicht allzu umfangreich war. Auch den UCI-Kalender finde ansprechend, aber er hat dieses Jahr einfach nicht so gut in meinen Kalender gepasst.“

Sie haben nach Ihrem frühen Ausscheiden beim 3Rides in Winterberg bis zur EM an keinem Rennen mehr teilgenommen. Wie haben Sie diese Wochen verbracht und welche Ziele verfolgen Sie nach Ihrem EM-Titel noch für 2026?
Würtz Schmidt: “Seit Mitte Juni habe ich mich zu Hause auf meine Ziele vorbereitet. Ich hatte in Winterberg angefangen, weil ich Rennen fahren und meinen Fitnessstand überprüfen wollte. Leider hatte ich einen Defekt und musste das Rennen abbrechen. Also bin ich nach Hause gefahren und habe weiter trainiert. Mein letztes Ziel für den Rest der Saison ist die Weltmeisterschaft. Das Training im Sommer war sehr erfolgreich und ich glaube, dass mein Trainer und ich mein Leistungsvermögen weiter ausgebaut haben.“

Bei den Gravel-Europameisterschaften in Houffalize ging Würtz Schmidt früh im Rennen in die Offensive. | Foto: Cor Vos

Letztes Jahr waren Sie bei PAS Racing schon in recht professionelle Strukturen eingebunden. Warum wechselten Sie nach nur einem Jahr zum Specialized Off-Road Team?
Würtz Schmidt: “Specialized machte mir ein unwiderstehliches Angebot. Dabei geht es nicht nur ums Geld. Sie stiegen mit einem großen Team und einer hervorragenden Struktur in den Gravel-Rennsport ein – etwas, das anderen Gravel-Teams noch fehlt. Professioneller Gravel-Rennsport steckt zwar noch in den Kinderschuhen, aber Specialized gehört zu den Pionieren, die ihn wirklich professionalisieren. Wir haben Mechaniker, Betreuer, einen Performance Manager, einen Geschäftsführer und großartige Ressourcen, um die besten Fahrer im Gravel-Rennsport zu sein. Das sprach mich sofort an, denn mir fehlte etwas Vergleichbares zu dem, was ich vom Rennradfahren kenne.“

Wo sehen Sie den professionellen Gravel-Rennsport in den nächsten drei bis fünf Jahren?
Würtz Schmidt: “Es ist schwer vorherzusagen, wohin sich Gravel entwickelt. Der Sport professionalisiert sich immer mehr und das Niveau steigt von Jahr zu Jahr. Aktuell bräuchte er meiner Meinung nach mehr Struktur im Rennkalender. Die Rennveranstalter müssen sich austauschen und sich gegenseitig unterstützen, um den Sport zu verbessern. Ich weiß, dass alle ihr Bestes geben. Und wir müssen Geduld haben, denn im Gravel-Radsport sind die finanziellen Mittel nicht so hoch wie in anderen Disziplinen. Ein großer Schritt in die Zukunft ist meiner Ansicht nach eine angemessene Fernsehberichterstattung. Wenn das der Fall ist, sind dem Sport keine Grenzen gesetzt. Bis dahin müssen wir das Beste aus den gegebenen Möglichkeiten machen. Das könnte eine lange Diskussion werden, deshalb beende ich es so: Gravel ist auf einem guten Weg, aber aufgrund des jungen Alters des Sports gibt es noch Verbesserungspotenzial. Die Organisatoren arbeiten mit Hochdruck daran und ich bin sicher, dass Gravel sich weiterhin positiv entwickeln wird.“

Nach diesem Traumjahr, wie geht es in Ihrer sportlichen Zukunft weiter?
Würtz Schmidt: “Ich selbst habe mir kein Datum gesetzt, wann ich mit dem Rennen fahren aufhören möchte. Solange ich motiviert bin, die nötige Arbeit zu leisten, um zu den Besten zu gehören, werde ich weitermachen. Ich habe definitiv noch einige Jahre vor mir, bevor ich aufhöre und mich zurückziehe.“

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