Kolleginnen kritisieren die Weltmeisterin

Fall Armitstead: "Wieso werden überhaupt Regeln gemacht?“

Foto zu dem Text "Fall Armitstead:
Elizabeth Armitstead muss sich wegen drei verpasster Dopingkontrollen Kritik von Kollegen und Kolleginnen gefallen lassen. | Foto: Cor Vos

03.08.2016  |  (rsn) - Elizabeth Armitstead mag vom Internationalen Sportgerichtshof CAS Grünes Licht für die Olympischen Spiele von Rio erhalten haben. Aber die Umstände, die dazu führten und die Tatsache, dass die Weltmeisterin innerhalb von nur zehn Monaten gleich drei Dopingkontrollen verpasste, sorgen in der Radsportwelt für Kopfschütteln.

Den Regeln gemäß hätten die sogenannten "missed tests“ eine Sperre von bis zu vier Jahren nach sich ziehen können. Doch Armitstead (Boels Dolmans) stieß bei der Verhandlung vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS mit ihrer Erklärung auf offene Ohren, so dass sie nun am Sonntag im Olympischen Straßenrennen von Rio antreten darf.

Gegenüber der Daily Mail schilderte die Britin, die seit dem 11. Juli suspendiert war, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr, nun die Umstände, die zu den drei verpassten Kontrollen führten. Von besonderem Interesse war die erste, die vom CAS schließlich für ungültig erklärt wurde. Dabei war Armitstead am frühen Morgen des 20. August 2015  - einen Tag vor dem Weltcup-Teamzeitfahren im schwedischen Vårgårda - im Hotel nicht zu erreichen gewesen.

Die 27-Jährige behauptete, dass der Kontrolleur um sechs Uhr morgens an der Rezeption ohne weitere Erläuterung nach ihrer Zimmernummer gefragt habe. "Verständlicherweise hat der Rezeptionist sie ihm nicht gegeben. Dann hat er (der Kontrolleur) mich auf meinem Handy angerufen, das auf lautlos gestellt war. Und dann hat er einen Bericht über einen missed test geschrieben“, so Armitstead.

Für die nächste verpasste Kontrolle vom 5. Oktober des vergangenen Jahres übernehme sie die Verantwortung, so die Weltmeisterin weiter. Nach ihrem WM-Sieg in Richmond habe sie sich bereits im "Urlaubsmodus“ befunden und zu viele andere Verpflichtungen gehabt.

Der dritte "missed test" am 9. Juni dieses Jahres schließlich - eine Woche vor der von ihr gewonnenen Aviva Women's Tour in Großbritannien - sei unter "außergewöhnlichen Umständen“ erfolgt. Sie sei an diesem Tag wegen eines "familiären Notfalls“ tatsächlich nicht an dem von ihr angegebenen Ort in ihrer Wahlheimat Monaco gewesen so Armitstead, ohne weiter ins Detail zu gehen.

Stattdessen betonte sie: "Ich bin einer der am meisten getesteten Athleten der Welt. Ich bin allein in diesem Jahr allein 16 Mal kontrolliert worden. Ich wurde vor zwei Tagen getestet. Das Schwierigste an dieser Situation ist, dass es immer Menschen geben wird, die an meiner Leistung zweifeln werden“, so Armitstead.

Wenn nicht an ihren Leistungen, dann zumindest an ihren Erklärungen zweifeln nämlich Armitsteads Kollegen und Kolleginnen, von denen sich einige in aller Deutlichkeit äußerten. "Einfach nur beschämend“, twitterte etwa die Französin Pauline Ferrand-Prévot, ihre Vorgängerin im Regenbogentrikot der Straßen-Weltmeisterin.

Dem kanadischen Mountainbiker Geoff Kabush etwa fehlte jedes Verständnis. "Ein erster (verpasster) Test ist noch zu verstehen, aber ich wäre hyper-vorsichtig, einen zweiten zu verpassen. Und wenn ich einen zweiten verpasst hätte, gäbe es keine Chance, dass ich einen dritten verpassen würde“, twitterte Kabush und setzte drei Fragezeichen ans Ende seines Tweets.

Darauf reagierte die Cross-Spezialistin Katie Compton ebenfalls auf Twitter mit dem Kommentar: “Stimme dem zu. Ich habe dreimal in 13 Jahren meinen Aufenthaltsort falsch angegeben. Zweimal in einem Jahr wird dich so stressen, dass du keinen dritten verpassen wirst!“

Unverständnis rief auch Armitsteads Tatenlosigkeit nach ihrem verpassten ersten Test aus dem August 2015 hervor. Die Britische Anti-Doping-Agentur UKAD bestätigte, dass die Athletin damals darauf verzichtet habe, gegen die ihrer Meinung nach nicht den Regeln entsprechende Vorgehensweise des Kontrolleurs vorzugehen, sondern den Eintrag als "missed test“ akzeptiert habe. "Ein guter Punkt. Die meisten Athleten wären deswegen bestürzt und sofort gegen den Verfahrensfehler vorgegangen. Ich hätte es sicher getan“, twitterte etwa Jenny Copnall und die Finnin Sari Saarelainen kommentierte den Fall Armitstead sarkastisch mit den Worten: "Das ist alles ein Witz. Wieso werden dann überhaupt Regeln gemacht?“

Valentina Scandolara äußerte indirekt den Verdacht, dass Armitstead aufgrund ihres Status als Weltmeisterin und aktuell bester Fahrerin der Welt eine Vorzugsbehandlung erfahren habe und fühlte sich an George Orwells Parabel "Animal Farm“ erinnert, in der es heißt: "All animals are equal, but some animals are more equal than others“ (Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind gleicher als andere). Darunter schrieb die Italienerin: "Enttäuschend. Der Sport sollte gute Werte vermitteln, nicht diese zerstören.“

Armitstead selber kommentierte ihren Fall mit den üblichen Beteuerungen, "eine saubere Athletin und eine ehrliche Person“ zu sein und gab einen Einblick in ihr Inneres. "Ich habe mich gefühlt, als ob ich an einer Klippe stehen und hinunterfallen würde. Es war mehr, als nur die Olympischen Spiele in Rio zu verpassen“, sagte sie. "Ich hätte gesperrt werden können. Dafür habe ich mich am meisten gefürchtet. Die ganze harte Arbeit wäre umsonst gewesen. Im Grunde wären mir meine ganze Existenz und mein Sport weggenommen worden. Es war alles. Eine schwarze Linie.“

Die hat nun der CAS mit seiner umstrittenen Entscheidung weggewischt und Armitstead den Weg zum Kampf um die Olympische Goldmedaille frei gemacht.

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