Vorschau auf das EM-Rennen der Frauen

Reichen Vollering zwei Anstiege zur Titelverteidigung?

Von Paul Grosch

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Die drei Besten der WM, Elisa Longo Borghini, Demi Vollering und Kasia Niewiadoma-Phinney (von links), zählen auch beim Straßenrennen der Europameisterschaft in Slowenien zu den absoluten Top-Favoritinnen. | Foto: Cor Vos

02.10.2026  |  (rsn) – Genau eine Woche nach dem WM-Straßenrennen in Montréal finden sich viele der Protagonistinnen auf der Startliste der Europameisterschaft in Slowenien wieder. Die Liste der Favoritinnen am Samstag wird dabei von der neuen Weltmeisterin Demi Vollering (Niederlande) angeführt. Mit Kasia Niewiadoma-Phinney (Polen) und Elisa Longo Borghini (Italien) werden auch die Silber- beziehungsweise Bronzemedaillengewinnerin von Kanada an der Startlinie stehen. Auf dem Profil des deutlich einfacheren EM-Kurses mit lediglich zwei Runden auf dem lokalen Rundkurs um Sencur haben allerdings nicht nur die reinen Bergfahrerinnen eine Chance.

Als EM-Titelverteidigerin und mit dem WM-Titel im Rücken dürfte jedoch Vollering auch in Slowenien als Favoritin an den Start gehen. Wie schon in Kanada wird die FDJ-Fahrerin von einem starken Team um Femke de Vries, Riejanne Markus, Lieke Nooijen oder Puck Pieterse, die Vollerings Attacke in Montréal vorbereitet hatte, unterstützt. Sollte das Rennen extrem passiv ausgetragen werden, können die Niederländerinnen mit Lorena Wiebes auf die mit Abstand beste Sprinterin der Welt setzen. Die 27-Jährige könnte mit einem Sieg am Samstag ihren EM-Hattrick klarmachen.

Die Taktik scheint dabei klar zu sein. Antrittsstarken Fahrerinnen wie Markus und Pieterse werden wohl spätestens auf der zweiten Runde am 2,1 Kilometer langen und über zehn Prozent steilen Anstieg nach Mozjanca eine Attacke Vollerings vorbereiten. Die Distanz ins Ziel wäre dann deutlich kürzer als in Montréal, als die zweimalige Tour-Siegerin noch einmal eingeholt wurde.

Gleichzeitig bietet sich auf der praktisch flachen Anfahrt wenig Möglichkeiten, das Rennen hart zu gestalten. Ob Vollering sich mit einem Antritt allen anderen Favoritinnen entledigen kann, ist somit fraglich. Wiebes sollte dahinter ihre Kräfte sparen und könnte bei einem extrem taktischen Rennen für die Niederlande sprinten. Doch auch Vollering und Pieterse sind im Sprint einer Favoritinnengruppe aus bergstarken Fahrerinnen gute Optionen.

Auf einen Sprint wird es Kasia Niewiadoma-Phinney wohl nicht ankommen lassen wollen. Die Tour-Zweite war bei der WM die Einzige, die Vollering bis auf die Zielgerade folgen konnte. Im Zielsprint war die Polin dann wie so oft chancenlos. Ihre beste Chance ist es also, solo auf die Zielgerade in Sencur zu biegen. Die beste Möglichkeit bietet sich dafür am steilen Anstieg nach Mozjanca. Unterstützt wird die 32-Jährige von einem starken polnischen Team, besonders die WM-Achte Dominika Wlodarczyk könnte das Zünglein an der Waage zugunsten von Niewiadoma-Phinney sein.

Auf dem Plateau nach dem zweimal zu bewältigenden Anstieg bieten sich taktische Möglichkeiten, sollten sich mehrere Fahrerinnen der gleichen Nation in einer Spitzengruppe befinden – wie Niewiadoma-Phinney und Wlodarczyk. Mit Blick auf die breit aufgestellte Niederlande dürfte es für Polinnen, vor allem für eine viel beachtete Favoritin wie Niewiadoma-Phinney, schwierig werden. Also muss die Tour-Siegerin von 2024 es wohl bergauf regeln. Dass die Tour-Siegerin von 2024 kurze und steile Anstiege kann, bewies sie spätestens bei ihrem Triumph beim Flèche Wallonne (1. WWT) 2024, wo sie Vollering an der Mur de Huy im direkten Duell bezwang.

Longo Borghini und Reusser sind chancenreich

Auf dem dritten Platz landete damals Elisa Longo Borghini – genau wie beim WM-Straßenrennen am vergangenen Samstag. Die Italienerin schaffte es zusammen mit Niewiadoma-Phinney, Vollering nach deren früher Attacke wieder einzuholen. Am Ende konnte sie an der letzten Auffahrt der Voie Camillien-Houde nicht mehr ganz mithalten und musste sich nur vier Sekunden hinter Vollering mit der Bronzemedaille zufriedengeben. Ein Blick auf das Profil des EM-Straßenrennens dürfte Longo Borghini dennoch zuversichtlich stimmen.

Die 34-jährige Klassikerspezialistin sollte es auf den nur zwei harten Anstiegen deutlich leichter haben, mit den Bergfahrerinnen wie Vollering mitzugehen. Auf dem Plateau könnte die Italienische Meisterin zudem ihren starken Antritt nutzen, um selbst Attacken zu setzen. In einer reduzierten Spitzengruppe muss sich die zweimalige Giro-Gewinnerin nicht verstecken, solange keine reinen Sprinterinnen wie Wiebes anwesend sind. Das italienische Team ist möglicherweise nicht ganz so gut aufgestellt wie die Niederlande. Fahrerinnen wie Eleonora Gasparrini oder Monica Trinca Colonel könnten trotzdem eine wichtige Helferrolle in Bezug auf taktische Möglichkeiten für Longo Borghini spielen.

Etwaige Taktikspielchen könnten die große Chance für Marlen Reusser und ihr Schweizer Team sein. Auch der zweimaligen Weltmeisterin im Zeitfahren dürfte es entgegenkommen, dass es nur zweimal über den steilen Anstieg nach Mozjanca geht. Reusser dürfte versuchen, sich auf dem Plateau oder einem Flachstück abzusetzen. Auf dem ansonsten flachen Rundkurs ist die 35-Jährige praktisch nicht mehr einzuholen. Mit Noemi Rüegg haben die Schweizerinnen zudem ein weiteres Ass im Ärmel. Die 25-Jährige stellte bei den Frühjahrsklassikern und auf der 1. Etappe der Vuelta a Espana (2.WWT) ihre Sprintstärke unter Beweis und zeigte mit ihrer Helferarbeit am Mont Ventoux, wie gut sie bergauf mithalten kann. Bei einem etwas passiveren Rennen am Samstag ist mit Rüegg im Sprint einer reduzierten Spitzengruppe definitiv zu rechnen.

Auch die Spanierin Paula Blasi hätte zu den Favoritinnen gezählt. Doch die 23-jährige Vuelta-Siegerin stürzte in Montréal aus dem WM-Rennen und muss vorsichtshalber auf die Europameisterschaft verzichten. Als Kapitänin dürfte nun Mavi García auf eine Top-20-Platzierung schielen. Auch die Französinnen gehören in Slowenien nicht zu den absoluten Top-Favoritinnen, verfügen mit Juliette Berthet, Évita Muzic, Maeva Squiban oder Cédrine Kerbaol dennoch über ein breit aufgestelltes Team, das wohl auf Taktikspiele unter den Top-Favoritinnen hoffen wird. Belgien geht ohne seinen Top-Star Lotte Kopecky an den Start. Blanka Vas ist im Aufgebot von Ungarn größtenteils auf sich alleine gestellt.

Fünfköpfiges Deutsches Team mit unterschiedlichen Stärken

German Cycling geht mit einem von der Weltmeisterschaft unveränderten Aufgebot an den Start des EM-Straßenrennens. Franziska Koch, Ricarda Bauernfeind, Liane Lippert, Antonia Niedermaier und Linda Riedmann sollen in Slowenien für eine Medaille sorgen, die auch vor der WM in Kanada als Ziel ausgegeben wurde. In Slowenien sollten die Chancen darauf sogar noch größer sein. Bei nur zwei schweren Anstiegen wird es für die Kletterinnen wie Vollering oder Niewiadoma-Phinney schwer werden, Koch und Lippert komplett aus dem Rennen zu nehmen. Beide zählen im Sprint einer Spitzengruppe zu den Favoritinnen.

Niedermaier hingegen dürfte versuchen, den Attacken am Berg zu folgen. Mit Riedmann und Bauernfeind stehen zwei weitere starke Fahrerinnen am Start, die sowohl als Helferinnen oder weitere taktische Optionen eingesetzt werden können. Die beste Chance dürfte jedoch die Nationale Meisterin Koch sein, die bei der WM auf Rang zehn die beste Deutsche war und mit einem Top-Ergebnis in Slowenien ihrer großartigen Saison ein weiteres Highlight hinzufügen könnte.

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