Jumbo-Devo-Duo geht künftig unterschiedliche Wege

Ballerstedt und Heßmann: Im selben Boot gegenseitig gepusht

Von Christoph Adamietz

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Maurice Ballerstedt, Michel Heßmann und Coach Robert Wagner | Foto: Cor Vos

17.09.2021  |  (rsn) – Im Winter 2019/20 wagten Michel Heßmann und Maurice Ballerstedt im zarten Alter von 18 Jahren den Wechsel in die Niederlande, um sich dem neu gegründeten Development-Team von Jumbo - Visma anzuschließen und später den Sprung ins Profilager zu schaffen. Zwei Jahre später ist den beiden jungen Deutschen das geglückt. Während Heßmann zur Saison 2022 bei Jumbo – Visma ins WorldTour-Team aufsteigt, wird Ballerstedt künftig bei Alpecin – Fenix Teamkollege von Mathieu van der Poel. radsport-news.com sprach mit den beiden Nachwuchshoffnungen und Coach Robert Wagner über ihren gemeinsamen Weg.

“Beide sind im Sommer 2019 in Sittard Tests gefahren. Da haben wir gesehen: Mit den physischen Werten kann man was anfangen. Zum Glück haben sie sich für uns entschieden“, erinnerte sich Ex-Profi Wagner. Heßmann und Ballerstedt war schnell klar, dass sie die Offerte annehmen würden. “Sie hatten das Projekt frisch gestartet und das Team war schon damals eines der besten der World Tour. Es ist, wie wenn ein Fußballspieler die Option hat, zum FC Bayern zu gehen“, sagte Ballerstedt.

Schon in der Juniorenklasse machte das Duo von sich reden. Heßmann gewann 2019 die französische Nationscup-Rundfahrt Trophée Centre Morbihan und wurde Fünfter bei der WM im Einzelzeitfahren. Ballerstedt sicherte sich EM-Silber im Straßenrennen, gewann den GP Luxemburg und schloss die Friedensfahrt auf Rang zwei ab.

Corona überschattet die erste Saison bei Jumbo - Visma

Der Großteil ihrer ersten Saison bei Jumbo – Visma fiel dann aber der Corona-Pandemie zum Opfer. Heßmann brachte es auf 14 Renntage mit dem Gewinn der Goldmedaille im Mixed-Teamzeitfahren der Europameisterschaften, wo er gemeinsam mit Justin Wolf, Miguel Heidemann, Lisa Klein, Lisa Brennauer und Mieke Kröger antrat. Ballerstedt kam auf fünf Renntage mehr und zeigte sein Potenzial als Zehnter der Deutschen Straßenmeisterschaften auf dem Sachsenring sowie dem achten Gesamtrang bei der polnischen Nationscup-Rundfahrt Orlen Nations Grand Prix.

Einen großen Schritt nach vorne machten die beiden Talente schließlich in ihrer zweiten Saison. Ballerstedt holte einen zweiten Etappenplatz bei der Tour of Malopolska (2.2) wurde Zweiter im Zeitfahren der U23-DM, fuhr auf Rang acht beim Egmont Cycling Race (1.1) und holte sich einer fulminanten Leistung am Schlusstag der Tour du Pays de Montbéliard (2.2u) den Etappen- und den Gesamtsieg. Heßmann wurde bei der U23-DM Zweiter im Straßenrennen und holte sich im Kampf gegen die Uhr die Goldmedaille. Dazu kamen der Gewinn der Bergwertung der Friedensfahrt sowie Platz drei bei der französischen Rundfahrt Kreiz Breizh Elites (2.2). Bei der Straßen-EM verpasste er zudem im Zeitfahren der Klasse U23 als Vierter knapp die Medaillenränge.

Auch wenn beide das große Ziel “Profi“ verfolgten, betrachteten sie sich nicht als Kontrahenten. “Konkurrenten um einen Profivertrag waren wir nie, weil ein Profiteam aus 30 Leuten besteht, da ist immer Platz für zwei Leute“, betonte Ballerstedt. “Natürlich haben wir jeden Tag gekämpft, um unsere Potenziale voll auszuschöpfen. Das hat super harmoniert, wir haben uns ergänzt, super geholfen, da pusht jeder den anderen“, fügte er an. Heßmann stimmte zu, sprach von einem “sich gegenseitig pushen“, sah aber auch eine unterschwellige Konkurrenzsituation. “Wir sitzen im selben Boot, aber waren teilweise auch wie zwei Brüder, die um denselben Ball streiten und sich messen, wer der bessere ist.“

Beide haben sich im Devo-Team nicht nur sportlich weiterentwickelt

Rückblickend schätzen beide ihre Zeit beim Jumbo-Devo-Team nicht nur im engeren sportlichen Sinn als gewinnbringend ein. “Physis ist nicht alles. Ich habe auch mentale Stärke und Führungsqualitäten entwickelt, habe Zuversicht und Vertrauen in mich und andere gewonnen. Auch verlieren ist okay, das muss man erstmal lernen“, so Heßmann. Ballerstedt ergänzte: "Ich habe mich eigentlich überall verbessert, aber habe auch noch überall Potenzial. Was ich gelernt habe ist, dass ich kein Bergfahrer mehr werde. Ich habe mich aber im Sprint und im Zeitfahren verbessert, bin ein Mann für harte Rennen, Klassiker-Windkante. Da sehe ich mein Potenzial, was ich weiter ausschöpfen will.“

Wagner, der seine beiden Landsleute in den letzten beiden Jahren intensiv betreute, schätzte Heßmann “schon von Anfang an als zwei, drei PS stärker“ ein. “Und das hat sich durch die letzten beiden Jahre wie ein roter Faden gezogen. Dass Michel der physisch etwas Stärkere war, spiegelte sich auch in den Rennen wider, auch wenn sich das jetzt nicht an den reinen Ergebnissen ablesen ließ“, fügte der 38-Jährige an. In Stein gemeißelt sieht der Jumbo-Coach diese Hierarchie allerdings nicht. “Vielleicht macht Maurice jetzt auch noch einen Sprung. Beide sind ja noch sehr jung und in ihrer Entwicklung noch lange nicht fertig“, fügte er an.

An Heßmann schätzt Wagner, dass sich dieser "gut coachen“ lasse. "Wenn er ein Problem hat, dann meldet er sich von selbst und möchte wissen, wie er das Problem lösen kann“, berichtete der Deutsche Meister von 2011, der seit der Gründung des Devo-Teams 2020 die sportliche Verantwortung trägt. Bei Ballerstedt sieht Wagner dagegen noch Verbesserungspotenzial, weshalb er mit dem 20-Jährigen gern noch ein weiteres Jahr im Development-Team gearbeitet hätte.

Wagner: “Ballerstedt hat den absoluten Killerinstinkt“

Doch Ballerstedt zog das Angebot von Alpecin – Fenix vor und unterschrieb beim Zweitdivisionär einen Dreijahresvertrag. Wagner zeigte aber auch dafür Verständnis. "Maurice wird seinen Weg gehen. Er hat etwas Spezielles, den absoluten Killerinstinkt“, lobte er den Berliner. "Ich bin froh, dass er den Schritt zum Profi macht. Nur schade, dass das nicht bei uns geschieht. Da hinterfragt man sich dann auch als Coach, was nicht geklappt hat“, so der gebürtige Magdeburger.

Ballerstedt zeigte sich selbstkritisch und übernahm auch die Verantwortung dafür, dass es noch nicht für das Jumbo-Profiteam reichte. "Es lief nicht alles optimal, ich habe viele Fehler gemacht. Wobei es vielleicht auch wichtig war, diese Fehler zu machen um zu sehen, wo die Reise hingeht. Bis zur U19, muss ich sagen, habe ich immer hart gearbeitet, aber es lief auch immer alles gut. In der U23 änderte sich dann mehr als erwartet. Da musste ich auch mal bittere Erfahrungen sammeln, was aber nicht am Team lag. Sie haben mir immer zur Seite gestanden, haben mir alle Möglichkeiten gegeben, mich zu entwickeln. Ich bin auf tolles Team gestoßen mit innovativen Trainingsmethoden und habe super Menschen kennen gelernt. Dass der Sprung zu den Profis jetzt schon geklappt hat, liegt auch am Team“, lobte er seinen Arbeitgeber.

So sei es auch keine Entscheidung gegen Jumbo – Visma, sondern eine für Alpecin – Fenix gewesen. "Einfach fiel mir das nicht. Als Alpecin mit gleich einem so guten Angebot anfragte und langfristige Perspektiven bot, konnte ich aber nicht mehr nein sagen“, so Ballerstedt. Bei seinem neuen Team freue er sich auf ein "perfekt auf mich zugeschnittenes Rennprogramm sowie neue Erfahrungen, Methoden und Impulse.“

Heßmann erhält im ersten Profijahr einen Platz im Übergangsteam

Heßmann erhielt wie Ballerstedt auch zunächst ein neues Angebot für das Devo-Team, das er auch annahm. Doch dann offerierte das Management ihm einen langfristigen WorldTour-Vertrag bis Ende 2024, auch um ihn nicht an die Konkurrenz zu verlieren. Damit reagierte Jumbo - Visma augenscheinlich auf den Abgang von Finn Fisher-Black, der von UAE Team Emirates noch während seiner Zeit beim Devo-Team mit viel Geld abgeworben wurde.

Auch wenn Heßmann einen WorldTour-Vertag in der Tasche hat, so wird er zunächst noch mit dem Development-Team die Wintervorbereitung in Angriff nehmen und dort auch noch einige Rennen absolvieren. "Das ist ein super Kompromiss“ urteilte er.

Für Fahrer wie Heßmann oder Mick van Dijke, der ebenfalls vom Devo- ins WorldTour-Team wechselt, gründet Jumbo – Visma ein internes Übergangsteam. Hier sollen die jungen Fahrer der WorldTour-Mannschaft und die schon reiferen Fahrer des Development-Teams gemeinsam bei UCI-Rennen zum Einsatz kommen. Dadurch will Jumbo – Visma seine jungen Talente behutsam an die WorldTour heranführen und ihnen jenseits der WorldTour-Rennen die Möglichkeit geben, weiter an sich zu arbeiten. "Auch Michel hat noch viel zu lernen, gerade im taktischen Bereich“, meinte Wagner, wobei ihm Heßmann zustimmte. "Im Finale Ruhe zu bewahren, das muss ich noch mehr lernen“, erklärte der Münsteraner.

Wagner betonte, dass es auch in Zukunft Härtefallentscheidungen darüber geben werde, wer aus dem Development-Team zu den Profis wechseln werde. "Wir stehen im engen Austausch mit dem WorldTour-Team. Es gibt Tagesberichte der Coaches zu allen Rennen, so dass jeder weiß, was wo gerade los ist. Wir haben nur starke Fahrer im Devo-Team, aber nicht alle können es bei uns zu den Profis schaffen“, so Wagner, der aber für alle Fahrer den Wechsel zum Devo-Team als gewinnbringend sieht. “Wenn man bei Jumbo - Visma fährt, ist man automatisch auch für andere Teams interessant.“ So war es auch bei Ballerstedt, der zwar künftig nicht mehr in Schwarz-Gelb unterwegs sein wird. "Aber ich werde ihn genau verfolgen“, kündigte sein Coach an.

Bewährungsproben an der Seite von Roglic, Van Aert und van der Poel

Mit Heßmann hingegen wird Wagner als für das Übergangsteam Verantwortlicher auch künftig täglich zusammenarbeiten. Auf die weitere Zusammenarbeit mit seinem Coach freut sich Heßmann sehr. "Robert Wagner ist für mich als Bezugsperson sehr wichtig. Als Maurice und ich etwa noch keinen Führerschein hatten, hat er uns immer in Aachen vom Bahnhof abgeholt. Er war immer für uns da. Er verfügt über so viel Erfahrung, kann so viele Tipps geben. Er hat großen Anteil an unserem Entwicklungserfolg“, lobte Heßmann, der bei Jumbo – Visma vor allem die Art der Rennanalysen schätzt. "Es gibt bei Rennen immer ausführliche Nachbesprechungen, wo jeder zu Wort kommt. Dabei geht es auch darum, Kritik zu äußern und Kritik anzunehmen. Man darf Fehler machen, aber nicht immer die gleichen“, so Heßmann.

Bei der Straßen-WM in Flandern wird das Duo seinen letzten Einsatz in der U23 haben. Wie es danach weiter geht, bleibt eine spannende Frage: Werden sie gute Helfer oder sogar Teamkapitäne? Während Ballerstedt für sich bereits die Klassiker als sein Terrain ausgemacht hat, ist sich Heßmann noch nicht sicher, welche Richtung seine Entwicklung nehmen wird. “Wir trainieren noch auf Breite. Und nur weil ich jetzt gut im Zeitfahren bin, heißt das nicht, dass das in fünf Jahren auch noch so ist. Ich bin noch dabei herauszufinden, wohin es geht“, so Heßmann, der sich etwa bei der Tour de l`Avenir auch in den Bergen erstaunlich gut präsentierte. "Mein Kindheitstraum war es, Rundfahrer zu werden, aber das ist nicht realistisch, da ich zu groß und zu schwer bin“, so der 1,90 Meter große Hüne. Die Klassiker und die Gesamtwertung kleinerer Rundfahrten kann er sich als Ziele allerdings durchaus vorstellen.

Erst einmal geht es für beide darum, sich an der Seite von Stars wie Primoz Roglic und Wout Van Aert (Heßmann) oder van der Poel (Ballerstedt) im Profizirkus zu akklimatisieren. Beide haben noch in Erinnerung, wie groß schon der Sprung von der U19 zur U23 war. Aber sehen es als neue Meilensteine ihrer Karrieren. Heßmann freut sich schon darauf, “ins kalte Wasser mit den Topstars“ geworfen zu werden, auch Ballerstedt ist schon auf seine ersten Rennen an der Seite von van der Poel gespannt. "Mit so einem Fahrer zusammenzufahren ist unbezahlbar. Ich glaube, dass das Team in den nächsten Jahren noch stärker werden kann und dabei möchte ich gerne mithelfen“, kündigte er selbstbewusst an.

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