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15.03.2026 | (rsn) - Wer Radsport liebt, für den war die gerade zu Ende gegangene 61. Ausgabe des 61. Tirreno-Adriatico (2.UWT) ein wahres Fest. Die Fernfahrt wurde mal nicht von Wetterkapriolen überlagert, die das italienische Frühjahr sonst gern bereithält. Diese Rolle übernahm in diesem Jahr das 84. Paris-Nizza (2.UWT), das früher einmal als “Rennen zur Sonne“ galt.
Nein, der Tirreno ging ohne größere Probleme über die Bühne. Und er bot Sport vom Feinsten. Zwar setzten sich die Favoriten durch. Spezialist Filippo Ganna (Ineos Grenadiers) gewann das Auftakt-Zeitfahren. Im finalen Sprint hatte der derzeit schnellste Mann der Welt, Jonathan Milan (Lidl – Trek), die Nase vorn. Und mit Isaac Del Toro (UAE – Emirates – XRG) holte der wohl beste Rundfahrer unter den jungen Talenten die Gesamtwertung. ___STEADY_PAYWALL___
Man musste kein Experte sein, um diese Ergebnisse vorauszusagen. Trotzdem herrschte die ganze Woche über Spannung. Das lag einerseits am faszinierenden Duell der Jugendfreunde mit Domizil San Marino. UAE-Mann Del Toro dominierte, Red-Bull-Youngster Giulio Pellizzari aber hielt tapfer dagegen. Und auch der eisenharte Matteo Jorgenson (Visma – Lease a Bike) wollte nicht zurückstehen. Auf der letzten Etappe holte er sich beim Zwischensprint dank eines mustergültigen Manövers seines Teams noch die Bonussekunden, die ihn im Klassement an Pellizzari vorbei auf Gesamtrang zwei führten.
Isaac Del Toro (UAE – Emirates – XRG) holte sich erstmals in seiner Karriere den Tirreno-Dreizack. | Foto: Cor Vos
Vor allem aber wurde das Rennen belebt durch Männer, die sich auf den giftigen Anstiegen von Apennin, Abbruzzen und Marken die nötige Härte für Mailand-Sanremo holten. Sei es Ganna, der nicht nur das Zeitfahren gewann, sondern Extrabelastung mal in der Fluchtgruppe, mal im Zurückholen der Fluchtgruppe suchte. Zwei Mal Zweiter wurde er in Sanremo, und will jetzt endlich die oberste Stufe erreichen. Sei es Wout Van Aert (Visma – Lease a Bike), der immer wieder im Finale für Attacken sorgte und der am Schlusstag auch Jorgenson beim taktisch schlauen Zwischensprint unterstützte.
Der Belgier, im Pandemiejahr 2020 San-Remo-Sieger, hob die Trainingsreize im Wettkampf im Hinblick auf das Klassikermonument als besonders wertvoll hervor. “Das kann man im Training nicht simulieren. Hier gibt jemand anderes das Tempo vor; hier muss man im Peloton fahren, auf Attacken reagieren. Man braucht einfach dieses Renngefühl“, kommentierte er seinen von den Ergebnissen her eher banalen, in Sachen Belastungssteuerung aber ziemlich erfolgreichen Tirreno-Auftritt.
Den Vogel allerdings schoss Mathieu van der Poel (Alpecin – Premier Tech) ab. Der bereits zweimalige San-Remo-Sieger gewann nicht nur zwei Etappen. Auch auf der vermeintlichen Sprintetappe zum Abschluss ließ er sich noch mal vorne sehen. Mindestens genauso wichtig wie die sportlichen Erfolge war ihm die Belastung, die ihm diese Fernfahrt mit den vielen Hügeln bot. “Diese Art von Intervallen brauche ich einfach, um meine beste Form zu finden“, meinte der Niederländer nach seinem zweiten Tagessieg in Martinsicuro.
In der Folge sahen sich die Profis wechselhafteren Bedingungen ausgesetzt und hatten auf den langen Etappen auch mit Regen und Kälte zu kämpfen. | Foto: Cor Vos
Und obwohl sich der Radsport in den letzten Jahren massiv verändert hat, gibt es zumindest in diesem Falle eine verblüffende Kontinuität: Wer beim Tirreno die richtige Belastung sucht, hat gute Aussichten, auch eine Woche später bei der “Classicissima“ zu brillieren. Die Sieger der letzten drei Ausgaben des Frühjahrsklassikers hatten allesamt zuvor den Tirreno absolviert. Zweimal war dies bereits van der Poel, einmal Teamkollege Jasper Philipsen. Auch die Sieger 2017 bis 2019, Michal Kwiatkowski (Ineos Grenadiers), Vincenzo Nibali und Julian Alaphilippe (Tudor), holten sich zuvor zwischen Tyrrhenischem Meer und Adria den letzten Schliff.
Das hat eine Tradition, die bis in die 1970er Jahre zurückreicht. Der Belgier Roger de Vlaeminck, dreimal San-Remo-Sieger und gar sieben Gesamtsiege beim Tirreno auf dem Konto, brachte sogar das Kunststück fertig, in einem Jahr die Vorbereitungsfernfahrt und das Monument zu gewinnen.
Dem Gesetz der Serie nach türmt sich vor Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) also ein echtes Hindernis beim Vorhaben auf, endlich seinen Siegerhaken an die “Classicissima“ zu machen. Trösten dürfte ihn dabei kaum, dass es in der Vergangenheit auch San-Remo-Sieger ohne Tirreno-Auftritt gab. Die brachten sich dann aber vor allem beim Parallelrennen Paris – Nizza in Form.
Auch John Degenkolb (Picnic – PostNL, vorn) holte sich beim Tirreno die nötige Rennhärte für Mailand-Sanremo. | Foto: Cor Vos
Eddy Merckx hielt das bei sechs seiner sieben Triumphe so. Nur beim letzten, 1976, zog auch er den Tirreno vor. Ohne eines der beiden Etappenrennen in den Beinen zu haben, ist ein Erfolg in San Remo statistisch eher selten. Auch bei den letzten deutschen Erfolgen – 2013 durch Gerald Ciolek und 2015 durch John Degenkolb – dienten entweder der Tirreno (bei Ciolek) oder Paris – Nizza als Vorbereitung.
Zur Abwechslung war der damalige Paris-Nizza-Starter Degenkolb dieses Jahr mal beim Tirreno. Dass ihn der Auftritt hier für eine Wiederholung seines Triumphs vor elf Jahren prädestiniert, glaubt der Frankfurter dennoch nicht. “Es ist immer toll, bei San Remo dabei zu sein, aber in der Entwicklung, die das Rennen in der letzten Zeit genommen hat, bin ich jetzt auch realistisch genug, dass da jetzt für mich kein Top Ergebnis rausspringen kann“, sagte der Road Captain von Picnic – PostNL zu RSN.
Die Freude auf das Rennen trübe das aber nicht, versicherte er. “Ich bin auf jeden Fall mit dabei und versuche dort, die Mannschaft so gut es geht zu unterstützen und das Rennen auf jeden Fall noch mal zu genießen. Ich weiß nicht, wie oft ich schon am Start war, aber es ist auf jeden Fall ein Rennen, an das ich tolle Erinnerungen habe.“
Tirreno-Adriatico jetzt war für viele im Peloton vor allem eine siebentägige Anfahrt auf die Anfahrt, die nächsten Samstag vor Cipressa und Poggio liegt. Das komplette Podium des Tirreno, von Del Toro über Jorgenson bis Pellizzari, hat in diesem Jahr übrigens auch die “Classicissima“ im Programm. Sollte Pogacar in diesem Jahr dort wieder nicht gewinnen, muss er wohl auch Tirreno-Adriatico wieder in die Saisonplanung einbauen. Den gewann er schon, zwei Mal sogar. In San Remo sprang danach aber lediglich ein fünfter Platz (2022) heraus.
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