RSNplusWo lange kein Franzose mehr gewesen ist

Seixas trifft mit “Oldschool“-Radsport den Puls der Zeit

Von Sebastian Lindner

Foto zu dem Text "Seixas trifft mit “Oldschool“-Radsport den Puls der Zeit"
Paul Seixas hat die Baskenland-Rundfahrt gewonnen und damit nicht nur Frankreich verzückt. | Foto: Cor Vos

11.04.2026  |  (rsn) – In Frankreich ist die Hölle los. Mal wieder, könnte man meinen. Was das Befeuern von Heldenmythen angeht, ist die Grand Nation noch eine Nummer besser als ihr großer Nachbar im Osten. Und so waren Romain Gregoire und Lenny Martinez bislang die letzten Quasi-Sieger der Tour de France, nachdem sie schon zu Beginn ihrer Karrieren den einen oder anderen Erfolg verzeichnen konnten. Es wäre eine unglaubliche Sensation, sollte einer der beiden irgendwann mal eine Grand Tour gewinnen.

Nun haben die Franzosen einen neuen Helden gefunden, der das Erbe von Bernard Hinault antreten soll, der 1985 als bisher letzter heimischer Fahrer die Tour gewonnen hat: Paul Seixas, 19 Jahre alt. Der Junge aus Lyon hat gerade die Baskenland-Rundfahrt gewonnen. Damit ist er bereits jetzt in einer Sache weiter als Gregoire, Martinez, Thibaut Pinot, Romain Bardet oder auch Jerome Pineau: Seixas ist der erste Franzose seit Christophe Moreau, dem es gelang, eine der sieben großen einwöchigen Rundfahrten – neben der Baskenland-Rundfahrt zählen Paris-Nizza, Tirreno-Adriatico, die Katalonien-Rundfahrt, die Tour de Romandie, die Tour de Suisse und die Dauphiné-Rundfahrt dazu – im UCI-Kalender zu gewinnen. Moreau, immerhin auch mal Vierter der Tour, gewann 2007 die Dauphiné. Seixas war damals gerade Mal ein Jahr alt. ___STEADY_PAYWALL___

Neben dem vor allem aus französischer Sicht wertvollen Prädikat sicherte sich das Riesentalent aber auch zwei Rekorde. Mit genau 19 Jahren, 6 Monaten und 7 Tagen ist er nun der jüngste Gewinner der Baskenland-Rundfahrt überhaupt. Dazu löste er Remco Evenepoel als jüngsten Sieger einer WorldTour-Rundfahrt ab, seit es diese Rennkategorie gibt.

Bevor Paul Seixas die Baskeland-Rundfahrt gewann, war Christophe Moreau 2007 letzter französischer Sieger bei einer großen Rundfahrt. | Foto: Cor Vos

Seixas und Decathlon mit erfrischenden Renntaktiken

Im vergangenen Jahr hat Seixas noch die Tour de l`Avenir gewonnen – nun eine der anspruchsvollsten Rundfahrten bei der Elite, bei der an jedem ihrer sechs Etappen Klassement gemacht wurde. Seixas war an jedem da, immer bereit. “Diese Woche mit drei Etappensiegen und dem Gesamtsieg abzuschließen, ist unglaublich. Ich habe eines meiner Saisonziele erreicht“, so der Youngster.

“Mir ist diese Woche auch klar geworden, dass man ein wirklich starkes Team braucht, um zu gewinnen“, sagte er weiter. “Und ich hatte das Glück, Leute an meiner Seite zu haben, die alles gegeben haben. Ein Team, das alles akribisch vorbereitet hat.“ Ein Beispiel dafür ist sein zweiter Etappensieg, bei dem er und sein Team die wichtige letzte Abfahrt im Vorfeld besichtigt hatten, um aus dem Wagemut bergab, der Seixas ebenfalls auszeichnet, optimal ausnutzen zu können.

Beispielhaft ist aber auch die Taktik, die Decathlon an den Tag legt. Lange Zeit gab es im Radsport bei Etappenrennen keine Abstände zwischen dem Feld und den Gruppen des Tages wie bei dieser Baskenland-Rundfahrt. Vor allem nicht in dieser Regelmäßigkeit. Und schon gar nicht mit Gruppen in 30-Mann-Stärke, in denen Fahrer aus den Top 10 sitzen. Es mag eine durchaus riskante Taktik sein, doch im Norden Spanien ist sie eines ums andere Mal aufgegangen. Auch diese Form des “Oldschool“-Radsports macht Decathlon und seinen Kapitän gerade so erfrischend. Und attraktiv, für Fans wie für Sponsoren und das Fernsehen.

Seixas' letztes Zeugnis des Offensiv-Radsports hätte auch nach hinten losgehen können. Bei widrigen Bedingungen attackierte er übermütig und fuhr lange Zeit völlig allein im Wind - letztlich auch erfolglos. | Foto: Cor Vos

Mut und Übermut

Genau wie die gleichermaßen offensive Fahrweise von Seixas selbst. Obwohl er mit dem Gelben Trikot auf den Schultern abwarten könnte, was die Konkurrenz so anbietet, geht er in die Offensive. Völlig ohne Not. Und auch weit von der Ziellinie entfernt. Das macht nicht mal Tadej Pogacar in Etappenrennen. Selbst der Slowene wartet bei Rundfahrten mittlerweile bis auf die letzten Kilometer des Schlussanstieges, um weitere Zeit gutzumachen.

Höchstwahrscheinlich wird auch Seixas irgendwann dazu gebracht werden, es ruhiger angehen zu lassen. Oder er kommt selbst dahinter. Denn das so etwas nicht immer von Erfolg gekrönt sein muss und mitunter auch richtig schiefgehen kann, merkte er am eigenen Leib am Schusstag im Baskenland. Wieder eine Attacke ohne Not, dazu bei haarsträubenden äußeren Bedingungen im kalten Dauerregen. Doch Seixas attackierte die Favoritengruppe ein weiteres Mal mit einem Antritt, der über die Woche im Norden Spaniens seinesgleichen suchte. Die knapp zwei Minuten zur nächsten Gruppe konnte er damit allerdings nicht überbrücken. Nach vielen kräfteraubenden Kilometern ließ er sich schließlich in zu den Favoriten zurückfallen.

“Ich wollte bei diesen Bedingungen als Erster in die Abfahrt gehen“, sagte er später über diese Aktion, die wahrscheinlich eher mit etwas Übermut und Jugendlichem Leichtsinn zu erklären war. Um die Abfahrt allein zu nehmen, hätte es jedenfalls nicht dieser Energieleistung bedurft.

Bei Strade Bianche kam Seixas Tadej Pogacar bereits näher als jeder andere. Was kann er in den Ardennen und bei der Tour de France leisten? | Foto: Cor Vos

Seixas in Lauerstellung für die Ardennen

Sein Ritt blieb folgenlos, am Gesamtsieg hätte ohnehin nur noch ein Sturz oder ein totaler Einbruch etwas ändern können. Derart folgenreiche körperliche Fehleinschätzungen hat es bei einem Gesamtführenden aber genauso lange nicht mehr gegeben wie einen französischen Gesamtsieger bei einer großen Rundfahrt.

Nach dem Baskenland ist für Seixas vor den Ardennen. Der Flèche Wallonne und Lüttich-Bastogne-Lüttich sind die nächsten Rennen in seinem Kalender. Spätestens nach seiner Show in Spanien reist er dort als einer der Favoriten an. Für den Flèche vielleicht sogar als Top-Favorit, denn das Baskenland war keine Eintagsfliege. Schon die Algarve-Rundfahrt beendete er als Zweiter. Genau wie Strade Bianche. Dort überquerte er genau eine Minute hinter Pogacar den Zielstrich. Im Bergaufsprint um Rang zwei entschied er das Duell der – so heißt es bereits – künftigen Grand-Tour-Sieger mit Isaac del Toro für sich.

In Lüttich wartet dann aber erstmal wieder ein Duell mit dem aktuellen Meister aller Klassen auf ihn. Schon vor der Baskenland-Rundfahrt wurde gemutmaßt, ob Seixas nach Strade dort nicht der größte Konkurrent für Pogacar überhaupt sein könnte, ihn vielleicht sogar vom Sieg abhalten könnte. Nach dem Baskenland stellt sich die Frage nicht nur für Lüttich, sondern auch für die Tour. Mindestens mal in Frankreich.

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