Ciccone nimmt Vingegaard Bergtrikot ab

Kuss belohnt sich auf Königsetappe für seine Helferdienste selbst

Von Felix Mattis und Marc Zeiringer

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Sepp Kuss (Visma - Lease a Bike) | Foto: Cor Vos

29.05.2026  |  (rsn) - Sepp Kuss (Visma – Lease a Bike) hat in Piani di Pezzè oberhalb von Alleghe die Königsetappe des Giro d'Italia (2.UWT) gewonnen. Der US-Amerikaner bekam auf dem 19. Teilstück dieser 109. Italien-Rundfahrt freie Fahrt von seinem Kapitän Jonas Vingegaard, sprang am ersten von sechs Dolomiten-Anstiegen in die Spitzengruppe des Tages und kletterte aus der heraus im Schlussanstieg zum Sieg.

"Der Etappensieg war nie das Hauptziel bei diesem Giro d’Italia: Wir wollten das Rosa Trikot mit Jonas gewinnen und das sieht bis jetzt ganz gut aus. Aber als sie mir letzte Nacht gesagt haben, dass ich die Möglichkeit bekomme, in die Ausreißergruppe zu gehen, wusste ich, dass ich meine Chance nutzen musste", sagte der überglückliche Kuss im Sieger-Interview mit Freudentränen in den Augen.

Mit dem Erfolg am Freitag stieg er auch in den Kreis jener Fahrer auf, die bei allen drei Grand Tours je mindestens eine Etappe gewonnen haben. "Ehrlicherweise war das etwas, von dem ich seit Jahren geträumt habe. Aber jedes Jahr wird es immer schwieriger", so der 31-Jährige. "Ich kann es nicht ganz glauben."

13 Sekunden hinter dem Vuelta-Sieger von 2023 wurde der Kanadier Derek Gee-West (Lidl – Trek) Etappenzweiter, dessen Teamkollege Giulio Ciccone (+ 0:36) kam auf Rang drei über den Zielstrich – seinerseits nur drei Sekunden vor dem Favoritenduo Felix Gall (Decathlon – CMA CGM) und Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike) sowie sieben Sekunden vor Jai Hindley (Red Bull – Bora – hansgrohe).

In der Gesamtwertung führt Vingegaard weiterhin mit 4:03 Minuten Vorsprung auf Gall, neuer Gesamtdritter ist mit 5:04 Minuten Rückstand nun Hindley, der Thymen Arensman (Netcompany – Ineos) auf den vierten Rang (+ 5:33) verdrängte. Der Niederländer konnte hinauf nach Piani di Pezzè seinen Kontrahenten ums Podium nicht folgen, wurde Tageszwölfter (+ 1:45) und hat nun 29 Sekunden Rückstand auf Hindley. Gee-West (+ 6:31) schob sich an Afonso Eulalio (Bahrain Victorious / + 7:26) vorbei auf den fünften Platz.

Ciccone, der unterwegs in der Ausreißergruppe vier von fünf Bergpreisen gewann, nahm Vingegaard die Führung in der Bergwertung ab und hat dank des dritten Ranges im Etappenziel nun 57 Punkte Vorsprung auf den Dänen.

Das Weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers behielt der Portugiese Eulalio, der nun aber nur noch 1:03 Minuten Vorsprung auf Vingegaard-Teamkollege Davide Piganzoli hat. In der Punktewertung um das Maglia Ciclamino führt weiterhin der Franzose Paul Magnier (Soudal – Quick-Step), dessen ärgster Verfolger Jhonatan Narvaez (UAE – Emirates – XRG) den Giro am Freitag überraschend aufgab.

So lief die 19. Etappe des Giro d’Italia:

Auf den ersten zehn Kilometern gab es keine große Attacke, doch dann ging es richtig zu Sache. Auf hügeligem Terrain während der nächsten knapp 40 Kilometer bis zum Beginn der ersten Passstraße wurden die verschiedensten Tempoverschärfungen lanciert. Eine etwa zwölf Mann große Gruppe mit Jan Christen, Mikkel Bjerg (UAE – Emirates – XRG), Florian Stork (Tudor) und Nico Denz (Red Bull – Bora – hansgrohe) konnte sich um ein paar Sekunden vom Feld absetzen.

Im Anstieg zum Passo Duran (1. Kat.) veränderte sich die Konstellation aber nochmals, da viele Fahrer - unter anderem Ciccone, Enric Mas (Movistar), Giulio Pellizzari (Red Bull – Bora – hansgrohe) und Damiano Caruso (Bahrain Victorious) heranfuhren. Nach 50 Kilometern lagen schließlich 23 Fahrer mit einem Vorsprung von 45 Sekunden in Front.

Dahinter bildeten sich einige unterschiedliche Gruppen. Das Team Tudor hatte sich durch Mathys Rondel, Will Barta und Michael Storer mit gleich drei Mann abgesetzt und Gee-West im Schlepptau. An der Bergwertung gab es vorne noch immer zwei Gruppen, keine hatte aber mehr als anderthalb Minuten Vorsprung auf das Favoritenfeld um Vingegaard, Gall, Arensman, Hindley und Co.. Ciccone sicherte sich die 40 Bergpunkte am Duran vor Jardi Christiaan Van der Lee (EF Education – EasyPost), der noch 18 Zähler sammelte.

Das Streckenprofil der 19. Etappe beim Giro d'Italia. | Grafik: Veranstalter

Am nächsten Anstieg zur Bergwertung am Coi (2. Kat.) schloss die Tudor-Gruppe zur Spitze auf und gemeinsam vergrößerte man den Vorsprung auf 2:30 Minuten. Zwei Kilometer vor dem Gipfel zog Ciccone das Tempo an und nahm Einer Rubio (Movistar) mit. Der Italiener holte sich im Sprint weitere 18 Zähler und rückte damit Vingegaard im Kletter-Klassement immer näher.

Er gewann anschließend am Forcella Staulanza (2. Kat.) 18 weitere Zähler und lag damit nur noch fünf Punkte hinter Vingegaard, bevor es in die Abfahrt an den Fuß des Passo Giau ging. Dort schafften Chris Harper (Pinarello – Q36.5) und Ludovico Crescioli (Polti – VisitMalta) den Anschluss zu Ciccone und Rubio, doch schon zu Beginn des Anstiegs zum höchsten Punkt dieses Giros am Passo Giau auf 2.233 Metern, wurde das Quartett von den Verfolgern gestellt.

Die Gruppe schmolz jenseits der 2.000-Meter-Marke bis auf elf Mann zusammen und lag noch rund zwei Minuten vor der ebenfalls nur noch rund 15 Fahrer starken Favoritengruppe, die mittlerweile von Red Bull – Bora – hansgrohe angeführt wurde. Einer der bekanntesten abgehängten Fahrer zu diesem Zeitpunkt war Ben O’Connor (Jayco – AlUla).

Ciccone versucht es mit Solo

Drei Kilometer vor dem Gipfel setzte Pellizzari eine Tempoverschärfung, der zunächst nur Ciccone und Rubio folgten. Nach und nach kamen aber auch Kuss, Storer, Gee-West, Caruso und Jan Hirt (NSN) wieder hinzu und zu acht kam man mit nun wieder 2:30 Minuten Vorsprung oben an. Die 50 Punkte am Passo Giau (Kat. HC) gingen an Ciccone, womit er nun das Bergtrikot, das er stellvertretend ohnehin schon trug, auch rechnerisch übernahm.

Der vorletzte Anstieg des Tages zum Passo Falzarego (2. Kat.) begann für die Spitzenfahrer mit nun sogar drei Minuten Vorsprung auf die Favoritengruppe, wo inzwischen Decathlon – CMA CGM die Führungsarbeit übernommen hatte, da sowohl Gee-West als auch Storer nun zu einer Gefahr für Galls zweiten Gesamtrang wurden.

Am Red-Bull-Kilometer vier Kilometer vor der Abnahme der Bergwertung holte sich Gee-West vor Storer sechs Bonussekunde. Rubio war als Dritter nicht glücklich, denn er wollte in der gesonderten Red-Bull-Kilometer-Wertung gerne die volle Punktzahl mitnehmen. Daraufhin zahlte er es dem Lidl-Team kurz darauf an der Passhöhe heim und nahm dort Ciccone mit einem Vollgas-Sprint die 18 Punkte für Rang eins weg – sehr zum Ärger des Italieners, dem nur acht Zähler für Rang zwei blieben. Ciccone ging nach der Kuppe sofort in die Offensive und setzte sich in der langen Abfahrt hinunter nach Alleghe bis auf eine Minute von seinen Fluchtgefährten ab.

Kuss klettert an Ciccone vorbei zum Sieg

Die Favoritengruppe hatte am Fuß des nur fünf Kilometer langen, aber fast zehn Prozent steilen Schlussanstiegs von Piani di Pezzè nur noch 2:15 Minuten Rückstand auf Ciccone und damit nur etwas mehr als eine Minute auf Kuss, Gee-West und Co., bei denen nun Pellizzari versuchte, sich abzusetzen. Das gelang dem Italiener aber nicht und nachdem dann Kuss konterte und seinerseits davonfuhr, nahm der Red-Bull-Profi raus, wartete auf das Favoritenfeld, wo er später noch für Hindley Vollgas gab.

An der Spitze kletterte Kuss immer näher an Ciccone heran, holte ihn rund zwei Kilometer vor dem Ziel ein und ließ ihn mit einer weiteren Beschleunigung sofort stehen. Kurz darauf fuhr auch Gee-West an seinem Lidl-Teamkollegen vorbei und versuchte, Kuss nochmal einzuholen, was ihm aber nicht mehr gelang.

Dahinter setzte Gall etwa drei Kilometer vor Schluss die erste Attacke und nahm zunächst nur Vingegaard, dann aber auch Hindley mit. Arensman dagegen musste bei Galls Antritt passen und verlor bis ins Ziel gut eine Minute sowie vorläufig seinen Podestplatz – auch weil Gall, Vingegaard und Hindley Pellizzari einholten, der noch einige hundert Meter Vollgas für sie gab, um den Niederländer weiter zu distanzieren.

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