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30.05.2026 | (rsn) – Am Freitag sah es noch so aus, als würde der Kampf um das Weiße Trikot die spannendste Entscheidung auf der letzten Bergetappe des Giro d’Italia werden, nachdem Afonso Eulalio (Bahrain Victorious), der aktuell führende der Nachwuchswertung, die Hälfte seines Vorsprungs auf Davide Piganzoli (Visma – Lease a Bike) eingebüßt hatte. Doch am Samstag in der letzten Bergankunft der Rundfahrt nach Piancavallo ließ der Portugiese nichts mehr anbrennen. So ganz sicher, wie es aussah, war Eulalio unterwegs aber nicht gewesen. Große Zweifel fuhren mit.
Im Interview nach der Podiumszeremonie zeigte er sich überglücklich. “Ich werde diesen Giro nie vergessen. Was hier passiert ist, bleibt für immer in meinem Kopf“, sagte er in der Mixed Zone. “Ich glaube, manchmal passiert etwas, das nicht von dieser Welt ist. Und genau das ist hier passiert. Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll.“
Nach seinem Zeitverlust auf der Königsetappe am Freitag war er noch sehr geknickt. “Es ist natürlich ein Tag weniger bis zum Ziel, an dem ich das Trikot noch verlieren kann. Aber sie rücken immer näher. Wir werden es morgen sehen“, hatte der Portugiese gesagt. Das klang nicht gerade zuversichtlich.
Als es dann tags darauf zum ersten Mal nach Piancavallo hinaufging, sah er sein Weißes Trikot endgültig verloren. Das erzählte Teamkollege Damiano Caruso nach dem Rennen: “Am vorletzten Anstieg hat Afonso zu mir gesagt, dass er sich nicht gut fühlt. Ich habe geantwortet, dass sich niemand gut fühlt, außer ein oder zwei Fahrern. Dann sagte ich: ‘Mach dir keine Sorgen! Ich bleibe bei dir. Wir werden zusammen kämpfen.‘“
Eulalio schaffte es in der Favoritengruppe den Anstieg hinauf. Am Schlussanstieg war es dann Piganzoli, der wirklich Probleme bekam und relativ früh zurückfiel. Zwar konnte der Italiener noch einmal zu Eulalio aufschließen, doch auch der ebenso zurückgefallene Caruso fand erneut den Anschluss zu seinem Kapitän. Der Altmeister spannte sich vor die beiden Nachwuchsfahrer und sorgte für Tempo.
Mit seiner Attacke etwas mehr als zwei Kilometer vor dem Ziel machte Eulalio dann alles klar. Er baute seinen Vorsprung in der Nachwuchswertung auf komfortable 1:13 Minuten aus.
Caruso fühlte sich in seiner Ansprache an seinen Teamkollegen bestätigt. “Am Ende war er richtig stark. Ich habe gesehen, dass Piganzoli Probleme hatte. Dann hatte Afonso auch noch die Energie, um zu attackieren“, sagte er bei Eurosport. “Es war unglaublich. Das war ein richtig toller Giro für uns.“
Caruso leistete nicht nur seinen Beitrag als Helfer für den manchmal etwas übermotivierten Eulalio. Vor der Schlussetappe in Rom liegt Caruso mit eineinhalb Minuten Vorsprung auf Egan Bernal (Netcompany – Ineos) als Gesamtneunter selbst in den Top Ten. So schaffte er es bei seinen letzten fünf Teilnahmen in seinem Heimrennen viermal unter die zehn besten Fahrer. Im Alter von 38 Jahren fährt Caruso 2026 seine wohl letzte Saison als Radprofi - sein Karriereende für nach dieser Saison hat er bereits angekündigt.
Doch nicht nur Teammanager Franco Pellizotti wünscht sich mindestens noch ein weiteres Jahr mit seinem Road-Captain. “Ohne Damiano wird es schwierig. Jeder weiß, was für ein guter Kerl er ist. Für die jungen Fahrer ist er wie ein Vater“, schwärmte er. “Wir versuchen es immer: ‘Damiano, ein Jahr noch! Warum nicht?‘ Aber es wird schwierig, ihn noch einmal zu überzeugen."
Caruso selbst scheint mit seiner Entscheidung im Reinen zu sein. “Ich habe den ganzen Winter über und im ersten Teil der Saison nur für das hier gearbeitet. Ich habe mein Ziel erreicht. Dann kann ich richtig glücklich in den Ruhestand gehen“, sagte er mit einem Lächeln. Nicht nur er hat sein Ziel erreicht.
Neben den zwei Top-Ten-Platzierungen von Eulalio und Caruso sowie dem Weißen Trikot und neun Tagen im Rosa Trikot gewann das Team mit Alec Segaert auch den zwölften Tagesabschnitt der Italien-Rundfahrt. “Es war ein Traum-Giro. Die Jungs sind unglaublich gut gefahren. Ich bin sehr stolz“, sagte Pellizotti bei Eurosport.
Trotz des schmerzhaften Abgangs von Caruso am Ende des Jahres scheint die Mannschaft auch für die Zukunft gut aufgestellt zu sein. Segaert fuhr eine starke Klassiker-Saison und Eulalio zeigte beim Giro d’Italia nun groß auf. Laut Pellizotti hat sich der Portugiese innerhalb eines Jahres stark verbessert. Damals war er noch relativ unbekannt. Jetzt scheint er endgültig in einer oberen Liga der Klassementfahrer angekommen zu sein.