Mit Jung und Alt: Bahrain mit “Traum-Giro“

“Zweifelnder“ Eulalio verteidigt sein Weißes Trikot souverän

Von Paul Grosch

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Afonso Eulalio (rechts) trägt sein Weißes Trikot am Sonntag bis nach Rom. | Foto: Cor Vos

30.05.2026  |  (rsn) – Am Freitag sah es noch so aus, als würde der Kampf um das Weiße Trikot die spannendste Entscheidung auf der letzten Bergetappe des Giro d’Italia bringen. Doch nachdem Eulalio (Bahrain Victorious) am Vortag die Hälfte seines Vorsprungs auf Davide Piganzoli (Visma – Lease a Bike) eingebüßt hatte, ließ der Portugiese am Samstag auf dem Weg nach Piancavallo nichts mehr anbrennen. Später stellte sich jedoch heraus, dass Eulalio unterwegs zu zweifeln begann.

Bahrain Victorious verlor bereits beim Massensturz auf der 2. Etappe seinen vorgesehenen GC-Kapitän Santiago Buitrago. Dennoch ließ die Mannschaft sich nicht entmutigen und kann neben dem Gewinn der Nachwuchswertung neun Tage im Rosa Trikot, zwei Plätze in den Top Ten des Gesamtklassements sowie einen Etappensieg vorweisen. Eulalio zeigte, dass man in Zukunft auch in den Grand Tours mit ihm rechnen muss.

Im Interview nach der Podiumszeremonie zeigte er sich überglücklich. “Ich werde diesen Giro nie vergessen. Was hier passiert ist, bleibt für immer in meinem Kopf“, sagte er in der Mixed Zone. “Ich glaube, manchmal passiert etwas, das nicht von dieser Welt ist. Und genau das ist hier passiert. Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll.“

Eulalio unterwegs mit Zweifeln

Dabei wirkte Eulalio nach seinem Zeitverlust auf der Königsetappe am Freitag etwas geknickt. “Es ist natürlich ein Tag weniger bis zum Ziel, an dem ich das Trikot noch verlieren kann. Aber sie rücken immer näher. Wir werden es morgen sehen“, sagte der Portugiese. Das klang nicht gerade zuversichtlich.

Als es dann tag darauf zum ersten Mal nach Piancavallo hinaufging, sah er sein Weißes Trikot endgültig verloren. Das erzählte Teamkollege Damiano Caruso nach dem Rennen: “Am vorletzten Anstieg hat Afonso zu mir gesagt, dass er sich nicht gut fühlt. Ich habe geantwortet, dass sich niemand gut fühlt, außer ein oder zwei Fahrern. Dann sagte ich: ‘Mach dir keine Sorgen! Ich bleibe bei dir. Wir werden zusammen kämpfen.‘“

Eulalio schaffte es in der Favoritengruppe den Anstieg hinauf. Am Schlussanstieg war es dann Piganzoli, der wirklich Probleme bekam und relativ früh zurückfiel. Zwar konnte der Italiener noch einmal zu Eulalio aufschließen, doch auch Caruso fand erneut den Anschluss. Der Altmeister spannte sich vor die beiden Nachwuchsfahrer und machte das Tempo. Mit seiner Attacke etwas mehr als zwei Kilometer vor dem Ziel machte Eulalio alles klar und baute seinen Vorsprung in der Nachwuchswertung auf komfortable 1:13 Minuten aus.

Mit 38 Jahren wieder in den Top Ten

Caruso fühlte sich in seiner Ansprache an seinen Teamkollegen bestätigt. “Am Ende war er richtig stark. Ich habe gesehen, dass Piganzoli Probleme hatte. Dann hatte Afonso auch noch die Energie, um zu attackieren“, sagte er bei Eurosport. “Es war unglaublich. Das war ein richtig toller Giro für uns.“

Caruso leistete nicht nur seinen Beitrag als Helfer für den manchmal etwas übermotivierten Eulalio. Vor der Schlussetappe in Rom liegt Caruso mit eineinhalb Minuten Vorsprung auf Egan Bernal (Netcompany – Ineos) als Gesamtneunter selbst in den Top Ten. So schaffte er es bei seinen letzten fünf Teilnahmen in seinem Heimrennen viermal unter die zehn besten Fahrer. Im Alter von 38 Jahren fährt Caruso 2026 seine letzte Saison als Radprofi.

Nicht nur Teammanager Franco Pellizotti wünscht sich mindestens noch ein weiteres Jahr von seinem Road-Captain. “Ohne Damiano wird es schwierig. Jeder weiß, was für ein guter Kerl er ist. Für die jungen Fahrer ist er wie ein Vater“, schwärmte er. “Wir versuchen es immer: ‘Damiano, ein Jahr noch! Warum nicht?‘ Aber es wird schwierig, ihn noch einmal zu überzeugen."

Zukunft des Teams scheint gesichert – trotz Carusos Abgang

Caruso selbst scheint mit seiner Entscheidung im Reinen zu sein. “Ich habe den ganzen Winter über und im ersten Teil der Saison nur für das hier gearbeitet. Ich habe mein Ziel erreicht. Dann kann ich richtig glücklich in den Ruhestand gehen“, sagte er mit einem Lächeln. Nicht nur er hat sein Ziel erreicht.

Neben den zwei Top-Ten-Platzierungen von Eulalio und Caruso sowie dem Weißen Trikot und neun Tagen im Rosa Trikot gewann das Team mit Alec Segaert auch den zwölften Tagesabschnitt der Italien-Rundfahrt. “Es war ein Traum-Giro. Die Jungs sind unglaublich gut gefahren. Ich bin sehr stolz“, sagte Pellizotti bei Eurosport.

Trotz des schmerzhaften Abgangs von Caruso am Ende des Jahres scheint die Mannschaft auch für die Zukunft gut aufgestellt zu sein. Segaert fuhr eine starke Klassiker-Saison und Eulalio zeigte beim Giro d’Italia nun groß auf. Laut Pellizotti hat sich der Portugiese innerhalb eines Jahres stark verbessert. Damals war er noch relativ unbekannt. Jetzt scheint er endgültig in einer oberen Liga der Klassementfahrer angekommen zu sein. Und unbekannt kann er nicht länger bleiben.

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