Wahnsinns-Finale in der Wallonie

De Lie zündet den Turbo und fliegt zum Etappensieg

Von Sebastian Lindner

Foto zu dem Text "De Lie zündet den Turbo und fliegt zum Etappensieg"
Arnaud De Lie braucht schnelles Kraftfutter, um sich von seinem Raketensprint zu erholen. | Foto: Cor Vos

04.06.2026  |  (rsn) – Erst lag er minutenlang im Ziel am Boden, dann brauchte er Hilfe beim Aufstehen, bevor ihn jemand auf sein Rad hievte, damit er weiterrollen konnte. Arnaud De Lie (Lotto – Intermarché) hatte sich am Schlussanstieg der 4. Etappe der Tour de Wallonie (2.Pro) komplett verausgabt – doch es hatte sich gelohnt. Der 24-Jährige zündete auf den letzten 200 Metern den Turbo und war dabei gefühlt doppelt so schnell wie die vor ihm fahrenden Laurence Pithie (Red Bull – Bora – hansgrohe) und Riley Sheehan (NSN). Erst flog er am Neuseeländer vorbei, 20 Meter vor der Ziellinie auch noch am US-Amerikaner, der nicht wusste, wie ihm geschah.

Es war der 35. Sieg seiner Karriere und der zweite in diesem Jahr für den Wallonen, der unweit seiner Heimatstadt Libramont glänzte. In den vergangenen Tagen in den ungünstigsten Momenten noch vom Defektpech verfolgt, ließ er sich gestern unterwegs von seinem Fanclub abfeiern. Nun aber feierte ihn ganz Eupen, wo die das 167 Kilometer lange Teilstück, das in Dison seinen Ausgang nahm, auf einem Hügel endete.

Während Sheehan zeitgleich Zweiter wurde, fingen auch Ben Oliver (Modern Adventure) mit vier Sekunden Rückstand, Carlos Canal (Movistar, +7 Sekunden) und auch sein Teamkollege Adrien Bochis (+7) Pithie noch ab. Der Vortagessieger hatte auch am Schlussanstieg mit technischen Problemen zu kämpfen, musste sich, fast zum Stillstand gekommen, an der Band abstützen, um nicht umzufallen, und rettete sich dann mit 15 Sekunden Rückstand genau wie der Gesamtführende Kim Heiduk (Netcompany Ineos) ins Ziel.

Bevor De Lie seinen unglaublichen Bergaufsprint hinlegte, schien es so, als wäre es Pithie, der das Husarenstück des Tages hinlegte. Der 23-Jährige musste acht Kilometer vor dem Ziel in einer Steigung absteigen, weil die Schaltung klemmte. Gefühlt schon abgeschrieben, war es dann aber doch der sich in Topform befindliche Red-Bull-Profi, der ein paar Kurven später alleiniger Verfolger von Sheehan war, der sich am Anstieg vom Rest des Feldes abgesetzt hatte, als tragischer Held aber doch ohne Tagessieg hervorging.

Einen Trost gab es für den 25-Jährigen dann aber doch noch: Er übernimmt die Gesamtführung. Drei Sekunden Vorsprung hat Sheehan vor der letzten Etappe auf Oliver und De Lie. Heiduk ist auf Rang vier zurückgefallen, ihm fehlen 15 Sekunden auf den Spitzenreiter.

So lief die 4. Etappe der Tour de Wallonie

Acht Fahrer, keiner von ihnen aus der WorldTour, lösten sich kurz nach dem Feld, um den Großteil des Tages als Ausreißer zu bestimmen. Unter ihnen waren die beiden Bike-Aid-Männer Anton Lennemann und Kristians Belohvosciks, ebenso Robin Kull von Storck – MRW Bau. Maximal waren für die Ausreißer knapp vier Minuten Vorsprung drin. Doch als die erste Bergwertung des Tages 75 Kilometer vor dem Ziel bevorstand, hatte sich der Abstand bereits wieder halbiert.

Das Profil der 4. Etappe der Tour de Wallonie | Foto: Veranstalter

Über die weiteren Anstiege löste sich die Gruppe auf. Samuel Florez (Modern Adventure) und Crosser Pim Ronhaar (Baloise Verzekeringen - Het Poetsbureau Lions) waren 60 Kilometer vor dem Ziel die beiden Spitzenreiter, die ihren Vorsprung auf das Feld wieder auf drei Minuten ausgebaut hatte. Während es zu regnen begann, schafften auch Belohvosciks und Jonah Killy (Tarteletto – Isorex) wieder den Sprung nach vorne. Letztlich gelang das allen bis auf Lennemann, der gestürzt war und zurück ins Hauptfeld fiel.

Als 33 Kilometer vor dem Ende das erste Mal der Zielstrich überquert wurde – zwei weitere Runden standen aus – blieb den zu diesem Zeitpunkt noch fünf Männern an der Spitze wieder weniger als eine Minute. Zehn Kilometer später waren es dann um sie geschehen.

15 Kilometer vor dem Ziel setzte Yorben Lauryssen (Tarteletto – Isorex) zur Attacke an. Der Tageszweite vom zweiten Tag bekam aber kaum 200 Meter Vorsprung, schaffte es dennoch bis zur 8-Kilometer-Marke. In dem Moment ging es steil bergauf. Während Pithie mit einem Schaltungsproblem zurückfiel, fuhr sich Sheehan einen kleinen Vorsprung heraus.

Pithie wurde jedoch nur kurz aufgehalten, war vier Kilometer vor dem Ziel wieder an der Spitze der Verfolger und kurz darauf als erster Verfolger von Sheehan unterwegs, doch die Lücke zum Amerikaner konnte er nicht mehr schließen. Doch der sollte trotzdem nicht gewinnen. Denn De Lie kam von hinten an der Spitze des Hauptfeldes angeflogen, kassierte erst Pithie, der noch an der Bande hängenblieb, und dann 20 Meter vor der Ziellinie auch Sheehan.

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