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25.06.2026 | (rsn) – Drei Jahre dauert der Qualifikationszyklus für die WorldTour. Und obwohl erst ungefähr ein Sechstel davon hinter den Teams liegt, ist die Lage für Picnic – PostNL schon fast aussichtslos. Gerade einmal 1713 Punkte (Stand 25. Juni) haben die Niederländer derzeit auf dem Konto.
Damit sind sie nicht nur das Erstligaschlusslicht, auch sieben der 16 ProTeams stehen im Tableau vor Picnic - PostNL. In der Einzel-Weltrangliste würde das Team mit seiner aktuellen Ausbeute Rang 14 zwischen Romain Grégoire (Groupama – FDJ United) und Benoit Cosnefroy (UAE – Emirates – XRG) belegen.
Kein einziger Picnic-Profi ist unter den besten 100 der Weltrangliste zu finden, Pavel Bittner wird auf dem 106. Platz geführt, Neuzugang Frits Biesterbos folgt auf Rang 130, dahinter klafft eine Lücke zu Bjorn Koerdt auf Position 379. Der Mannschaft fehlt es nicht nur in der Spitze, sondern auch in der Breite an Qualität. ___STEADY_PAYWALL___
Dazu muss gesagt werden, dass sowohl der Sprinter Bittner als auch der Klassementmann Max Poole längerfristig verletzt sind oder waren. Erschwerend kommt hinzu, dass Oscar Onley das Team trotz eines noch laufenden Vertrags verlassen und sich den Ineos Grenadiers angeschlossen hatte.
Kein anderes Team hat in den letzten zehn Jahren auch nur annähern so viele Spitzenfahrer frühzeitig abgeben müssen wie der Rennstall von General Manager Iwan Spekenbrink. Marcel Kittel machte 2015 den Anfang, als er zu Etixx – Quick-Step wechselte. Ihm folgten Warren Barguil, Edward Theuns, Tom Dumoulin, Michael Matthews, Marc Hirschi, Ilan van Wilder, Felix Gall, Tiesj Benoot und zuletzt eben Onley.
Picnic – PostNL ist so von einem Spitzenteam mit Monumenten- und Grand-Tour-Siegen wider Willen zu einer Ausbildungsmannschaft geworden. Ein Grund dafür ist sicher die finanzielle Situation. Unter den WorldTeams hat die Equipe von John Degenkolb und Niklas Märkl geschätzt – offizielle Angaben liegen dazu nicht vor – mit 22- 26 Millionen Euro eines der geringsten Budgets. Die ProTeams Tudor und Pinarello – Q36.5 etwa sollen mit je rund 30 Millionen darüber liegen.
Der letztjährige Tour-Vierte Oscar Onley ist der bisher letzte Top-Fahrer, der Picnic – PostNL vorzeitig verlassen hat. | Foto: Cor Vos
Ein zweiter Grund für den Exodus der Stars ist sicherlich die teaminterne Kultur, die in der Vergangenheit von transferwilligen Profis oft öffentlich angeprangert wurde. Matthews etwa warf seinem früheren Rennstall ein zu starres Regime vor und als Benoot seine Koffer packte, trat sein ehemaliger Arbeitgeber sogar noch mal öffentlich nach.
“Trust the process“ lautete damals der Leitspruch, der immer wieder von Fahrern und Offiziellen heruntergebetet wurde. Jeder Athlet hatte einen penibel ausgearbeiteten Plan, der wurde auch bei Rückschlägen verfolgt – und dann in Interviews rezitiert. Sportlich konnte man, trotz der immer wieder aufkommenden Kritik von unzufriedenen Fahrern, den Prozess tatsächlich erfolgreich fortführen.
Die Wechsel vom Nachwuchs- ins Profiteam klappten in den besten Jahren ausgezeichnet und auch bei den Berufsradfahrern entwickelten sie die Athleten meist gut. Inzwischen ist das allerdings schon einigen Jahre nicht mehr der Fall. Stellt sich die Frage, ob die Teamleitung diesem Prozess noch vertrauen kann oder soll?
Teams in vergleichbarer “Budgetklasse“ und darunter schlagen sich deutlich besser als Picnic, das mit Casper van Uden erst einen Saisonsieg feiern konnte. Der Niederländer steht exemplarisch für die Situation in der Mannschaft. Schon als er noch im hauseigenen Nachwuchs fuhr, wies er in mehreren Kategorien teamübergreifend spitzen Wattwerte auf. Seine Ergebnisse konnten sich ebenfalls sehen lassen. Beim Scheldeprijs (1.Pro) 2022 wurde van Uden in einer durch das Wetter extrem schweren Ausgabe Vierter, später im Jahr wurde er Profi.
Picnic – PostNL kommt auf bisher erst einen Saisonsieg – für den sorgte Casper van Uden bei der eher dünn besetzten Türkei-Rundfahrt. | Foto: Cor Vos
Als solcher feierte er einige Siege, unter anderem beim Giro d'Italia (2.UWT) und bei Rund um Köln (1.1), doch 2026 kommt der 24-Jährige an 55 Renntagen nur auf drei Top-Ten-Resultate. Eines davon holte er als Tageszehnter beim Giro, die zweitbeste Picnic-Etappenplatzierung nach einem neunten Platz von Warren Barguil. Öfter schaffte es das achtköpfige Giro-Aufgebot nicht unter die besten Zehn. Im Klassement landete Barguil als bester Picnic-Fahrer auf Position 57.
Für die anstehende Tour de France ist kaum Besserung in Sicht. Immerhin soll Bittner wieder dabei sein. Der Tscheche ist aber wegen eines Sturzes bei der Classique Dunkerque (1.Pro) seit fünf Wochen ohne Renneinsatz. Das letzte Mal ins Ziel kam er am 8. April als Zweiter beim Scheldeprijs (1.Pro). Im Aufgebot stehen auch Frank van den Broek und Barguil, die beide bereits beim Giro dabei waren. Punktegaranten gibt es bei Picnic selbst in den kleineren Rennen keine, bei der Tour wird es fast so etwas wie eine Garantie auf keine Punkte geben.
So ist weder kurz- noch langfristig Besserung auf große Sprünge in der Weltrangliste in Sicht. Wegen des schmalen Budgets wird Picnic sich in den nächsten beiden Transferperioden kaum mit Topstars verstärken können. Im vergangenen Winter wurden acht Fahrer verpflichtet. James Knox und Alexy Faure-Prost hatten bei ihren jeweiligen WorldTeams keine neuen Verträge mehr bekommen. Henri-Francois Renard-Haquin konnte nach einer durchgehend unauffälligen Saison beim mittlerweile aufgelösten Wagner-Rennstall bei keinem anderen Profiteam mehr Interesse wecken. Biesterbos, Timo de Jong, Mattia Gaffuri, Dillon Corkery sowie Oliver Peace schließlich kamen aus dem CT-Bereich, was die Transfer-Ambitionen deutlich macht.
Auch Routinier John Degenkolb kann nicht viel an der schwierigen Situation ändern: Der mittlerweile 37-jährige frühere Mailand-Sanremo und Paris-Roubaix-Gewinner hat seine besten Zeiten hinter sich. | Foto: Cor Vos
Peace war zugleich der einzige Fahrer, der den teaminternen Aufstieg geschafft hat – ohne dafür große Empfehlungsschreiben vorlegen zu können. Auch im Devo-Team ist seit einigen Jahren der Wurm drin. Picnic hat große Probleme, starke Fahrer aus der Juniorenszene an sich zu binden. Zuletzt gelang das am Ende der Saison 2022 mit den Verpflichtungen von Moritz Kärsten, Max van der Meulen, Vlad Van Mechelen und Frank Aron Ragilo. Seitdem muss das Team – in guten Jahren – mit einem starken Junior pro Transferperiode zufrieden sein.
Da auch aus dem Juniorenquartett um Kärsten alle Picnic - PostNL inzwischen verlassen haben, ist deutlich, dass die Kontinuität der Talententwicklung abgebrochen ist. Zur neuen Saison werden Milan De Ceuster und Mees Vlot zu den Profis aufsteigen – auch die haben aber in ihrer Kategorie keine Bäume ausgerissen. Am ehesten zur Weltspitze der U23 gehört im Devo-Team zurzeit Matteo Vanhuffel. Der Sohn des ehemaligen Lotto-Profis Wim Van Huffel wurde zuletzt Achter beim Giro Next Gen (2.2U) und überzeugte im Februar als Siebter der Tour du Rwanda (2.1). Auch er ist aber sicherlich nicht der Heilsbringer, der in der nahen Zukunft das Ruder bei Picnic wird rumreißen können.