--> -->
08.07.2026 | (rsn) - Die Hitze hat die Tour im Schwitzgriff. Vor der 4. Etappe fuhr das Team Visma – Lease a Bike um Jonas Vingegaard mit den Rädern zum Start in Carcassonne, weil die Klimaanlage im Mannschaftsbus ihren Geist aufgegeben hatte. Eine Anfahrt bei 43 Grad im Schatten war unmöglich gewesen, da sich das Gefährt locker auf 60 Grad hätte aufheizen können.
Wenn schon die Anreise solche Probleme bereitet, haben es die Fahrer unterwegs noch viel schwerer. “Es gibt den Punkt, da muss man einfach damit leben und dann tun, was man kann, um sich runterzukühlen“, nahm Mads Pedersen (Lidl – Trek) in der Sieger-Pressekonferenz die Herausforderung recht locker, nachdem er den Tagesabschnitt gewonnen hatte. Unterwegs hatte der Däne sich mit mehreren Litern Wasser, die getrunken oder über den Kopf geschüttet wurden, sowie Eisstrümpfen (kurze Nylonsocken, die mit Eiswürfeln gefüllt werden) im Nacken gekühlt. Das sind inzwischen die gebräuchlichsten Methoden, die Körpertemperatur etwas in Schach zu halten. ___STEADY_PAYWALL___
Viele Profis kommen mit den tropischen Temperaturen weniger gut zurecht, so etwa auch die deutsche Tourhoffnung Florian Lipowitz (Red Bull – Bora – hansgrohe) oder dessen Teamkollege Nico Denz, der während der 4. Etappe eine starke Leistung in der Fluchtgruppe ablieferte. "Es ist echt brutal. Seit dem ersten Tag der Tour sind es 40 Grad. Unsere Soigneurs (Betreuer) machen einen super Job. Ich weiß nicht, wie viele tausend Flaschen die schon gefüllt haben. Das war auf jeden Fall ein Schlüssel heute, um einen kühlen Kopf zu bewahren. Auch, dass möglichst viel Eis kommt“, sagte Denz am Teambus nach dem Rennen.
Nico Denz (Red Bull – Bora – hansgrohe) fuhr auf der 4. Tour-Etappe in der Fluchtgruppe. | Foto: Cor Vos
Weil er in der Fluchtgruppe unterwegs war, hatte Denz es sogar etwas einfacher, an die dringend benötigten Flüssigkeit zu kommen. Denz: "Es ist eigentlich ein Luxus, wenn man in der Spitzengruppe ist. Da hat man ein eigenes Auto dabei. Dann ist es nicht so schwierig, an Wasser zu kommen. Anders als im Feld, wo man sich das Auto mit den anderen teilen muss", erzählte er.
Das persönliche Highlight nach einem schweißtreibenden Arbeitstag erwartete den 32-Jährigen dann im Ziel: "Ich freue mich am meisten auf das Eisbad hinterm Bus.“ Trotzdem zog Denz ein eindeutiges Fazit: "Mit dem heißen Asphalt ist es auch grenzwertig. Es ist nicht mehr gesund für uns.“
Auch Georg Steinhauser (EF Education – EasyPost) freut sich nach jeder Etappe auf die Rückkehr in den Bus. "Dann nehme ich eine kalte Dusche oder esse vielleicht ein Eis – wir haben da so Eis-Slushies", sagte er gegenüber dem ZDF. Das ist ein halbgefrorenes Erfrischungsgetränk aus Wasser, Sirup und kleinen Eiskristallen, das durch ständiges Rühren eine cremige, matschige Konsistenz erhält.
Natürlich sind das nur etwas lindernde Begleiterscheinungen der Hitzewelle. Jeden Tag werden die Profis ärztlich und wissenschaftlich begleitet, um die Gesundheitsgefahr zu minimieren. Ein Beispiel verriet Steinhauser: "Wir schauen extrem darauf, dass wir viel trinken und geben jeden Morgen Urin-Proben ab, um zu schauen wie hydriert wir sind.“
Marco Haller (Tudor) brachte kürzere Etappen als Reaktion auf die extreme Hitze ins Spiel. | Foto: Cor Vos
Damit allein könnte wohl keiner um den Sieg mitfahren. Da die Profis ja wissen, was sie im Juli in Südfrankreich erwartet, haben sie in den Wochen vor dem Start versucht, sich speziell auf die hohen Temperaturen vorzubereiten. "Mittlerweile machen wir alle viel Hitzetraining“, erklärte Felix Engelhardt (Jayco - AlUla).
Bei der aktiven Variante fahren die Profis bei geschlossen Fenstern und ohne kühlenden Ventilator auf der Rolle. Um den Körper zu überhitzen, ziehen sie Winterkleidung an, oder tragen einen Chemie- oder Maleranzug, der die Hitze staut. "Manche fahren auch einfach mit Regen- oder Winterjacken den Berg hoch“, erklärte Nils Politt (UAE – Emirates – XRG).
Die "Zugmaschine“ von UAE bevorzugt, wie er RSN verriet, aber die passive Version des Hitzetrainings. "Ich steige nach dem Training in die heiße Badewanne. Wenn der Körper schon gewärmt ist und dann nochmal in die heiße Badewanne geht, wird es natürlich schon nochmal hart.“ Dabei bringt er die Körpertemperatur eigenen Angaben nach bis auf 39 Grad. Es wird also künstlich Fieber erzeugt! Politts Teamkapitän Tadej Pogacar soll das Höhentrainingslager mit einem Hitzetraining kombinieren.
Auch Georg Steinhauser (EF Education – EasyPost) wagte sich bei Temperaturen von 40 Grad auf die Flucht. | Foto: Cor Vos
Doch warum das alles?
1. Durch das Heat-Training wird das Blutvolumen erweitert und das Blutplasma vermehrt. Das soll für eine verbesserte Sauerstoffversorgung der Muskeln und eine stabilere Herzfrequenz bei Belastung sorgen.
2. Der Körper beginnt früher und stärker zu schwitzen, wodurch er die Wärme deutlich schneller ableiten kann.
3. Während unvorbereitete Fahrer bei Extremtemperaturen von über 40 °C stark an Leistung einbüßen, können vorbereitete Athleten ihre Wattwerte besser abrufen.
Trotzdem ist Profisport bei Temperaturen von 40 Grad oder darüber grenzwertig, wie auch der Österreicher Marco Haller (Tudor) gegenüber RSN nach der 4. Etappe in Foix betonte: "Es ist natürlich grenzwertig. Fahrer wie Matteo Trentin haben ihre Meinung geäußert. Die teile ich auch so. Ich würde nicht sagen, dass keiner auf uns hört. Aber man sollte sich wirklich Gedanken machen, sich zusammensetzen und eine konstruktive Lösung finden. Man hätte ja auch die Möglichkeit, über kürzere Etappen nachzudenken usw. Man versteht natürlich beide Seiten. Es ist halt kein Fußball, wo man nach 25 Minuten eine Hydration Break hat", erklärte der Routinier.