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12.07.2026 | (rsn) - Dieser Tag endete wild für Tom Pidcock (Pinarello – Q36.5). Sichtlich frustriert gab er einem Betreuer sein Arbeitsgerät. “Check das Rad“, rief der Brite ihm im Ziel der 9. Tour-Etappe in Ussel hinterher. Damit zum Teambus fahren wollte Pidcock nicht mehr. Sein Rad hatte ihn ausgerechnet in der entscheidenden Phase des Rennens im Stich gelassen.
“Im Anstieg hat meine Schaltung nicht mehr funktioniert. Ich weiß nicht, was da los ist. Mein Rad hat die gesamte Rundfahrt perfekt funktioniert. Und heute, als es um den Sieg ging, habe ich dann solche Probleme“, erklärte er verärgert. Im Rennen hatte er noch mit einem Tritt gegen den Umwerfer versucht, das Malheur zu beheben. “Das hat gar nichts gebracht“, konstatierte Pidcock und erklärte im Detail: “Der untere Shifter funktioniert nicht, nur der oben geht.“ Noch unerklärlicher für ihn war, warum es zwischendrin doch wieder möglich war zu schalten. “Aber im Sprint ging es dann wieder nicht“, meinte er ratlos. ___STEADY_PAYWALL___
Völlig nachvollziehbar also, dass Pidcock mit diesem verhext scheinenden Arbeitsgerät nichts mehr zu tun haben wollte und es dem Begleitpersonal seines Teams übergab. Er wartete dann sogar so lange, bis Teamkollege Quinten Hermans ins Ziel kam. Pidcock setzte sich dann hinter dem Belgier auf dessen Rad. Huckepack fuhren die beiden unter fröhlichen Lachen von Presseleuten und Betreuern anderer Teams von dannen.
Nach langem Kampf gelang Tom Pidcock (Pinarel-lo – Q36.5, 2. v. re.) der Sprung in das Spitzenquartett, das den Sieg auf der 9. Tour-Etappe unter sich ausmachte. | Foto: Cor Vos
Zwischendrin hatte Pidcock dann aber doch seinen Humor wieder gefunden. Er konnte schon scherzen über die kurze Leine, an der Team UAE - Emirates seine kleine Fluchtgruppe gehalten hatte. “Das ist doch ein Zeichen des Respekts, den sie vor mir haben, trotz der fast zehn Minuten Rückstand“, meinte er lachend zu RSN.
Die Fluchtgruppe, in der er sich befand, war allerdings exzellent besetzt mit Klassikerjäger Mathieu van der Poel (Alpecin – Premier Tech), dem extrem starken Norweger Tobias Halland Johannessen (Uno-X Mobility) und dem bei dieser Tour schon zuvor mit starken Ausreißversuch aufgefallenen Franzosen Alex Baudin (EF Education – EasyPost). Da lässt man nicht gern die lange Leine.
UAE-Teamboss Mauro Gianetti erklärte RSN zudem, dass es gar nicht so sehr im Interesse der Seinen gewesen sei, anfangs 16 und am Ende noch vier Ausreißer nicht entkommen zu lassen. “Uns hat die Fluchtgruppe eigentlich gut gepasst. Kaum war sie weg, haben wir auch Tempo rausgenommen. Dann kamen aber Netcompany - Ineos und Lidl - Trek und haben das Rennen wieder schnell gemacht und auch für Unruhe gesorgt. Da mussten wir wieder alles beruhigen und die Pace etwas erhöhen.“
Im Sprint auf ansteigender Zielgerade in Ussel war der Brite (li.) chancenlos gegen Mathieu van der Poel (Alpecin – Premier Tech). | Foto: Cor Vos
Hohes Tempo also als Schlafmittel fürs Peloton. Vorn aber konnten sich die Männer dennoch keinen Reim auf das seltsam schnelle Peloton machen. “Ich denke, sie hatten Angst vor mir und meinen fast 45 Minuten Rückstand“, scherzte Baudin. „Aber nein, auch ich habe keine Ahnung“, fügte er an. Es war dann wohl ein Mix aus unterschiedlichen Zielen. Netcompany - Ineos wollte gern die Etappe gewinnen, Lidl - Trek trotz Quinn Simmons und Derek Gee-West vorn den Sprint für Mads Pedersen lancieren und mit dem Dänen die Maximalpunktzahl für Grün holen. UAE wiederum wollte vor allem Ruhe am Arbeitsplatz.
Zwischen diese symbolischen Mühlsteine geriet dann Pidcock. Trotz seines unzuverlässigen Arbeitsgeräts rechnete er sich im Finale noch Chancen gegen den explosiveren van der Poel aus: “Ich habe aus Mailand-Sanremo gelernt, dass man in einer solchen Situation das Feld einfach so nah wie möglich heranlassen und er (van der Poel) vielleicht früh angreifen muss. Und das wäre wirklich der einzige Weg. Also habe ich genau das gemacht. Ich habe einfach ihn entscheiden lassen, wann der Sprint beginnen sollte“, erzählte der 26-Jährige.
Trotz der technischen Probleme mit seinem Rad verlor der zunächst enttäuschte Pidcock seinen Humor nicht. | Foto: Cor Vos
Als Pidcock dann aber auf der ansteigenden Zielgerade parieren wollte, spielte ihm die Schaltung wieder einen Streich. Doppeltes Pech an einem Tag, der sein großer hätte werden können. “Ich habe mich den ganzen Tag trotz der Hitze ziemlich gut gefühlt“, beschrieb er seine Verfassung. Aber neben der defekten Schaltung gab es noch den Faktor MVDP, der seinen Weg zum Glück versperrte. “Es wäre schön gewesen, wenn nicht jemand, der so schnell wie Mathieu ist, dabei gewesen wäre“, räsonnierte er und sprach damit wohl auch im Namen von Halland Johannessen und Baudin.
Aufgabe für die nächsten Tage: erstens das Arbeitsgerät gut durchchecken lassen und zweitens schauen, wer schon vorn ist, bevor man selbst aufschließt. Immerhin: Pidcock hat gezeigt, dass er da ist. Die Form stimmt, die Moral auch. Und selbst der Humor verlässt ihn in bitteren Momenten nicht.