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15.07.2026 | (rsn) – Jonas Vingegaard war auch im Zentralmassiv wohl der Zweitstärkste. Nur: Das lässt sich am Ergebnis der 10. Tour-de-France-Etappe von Aurillac zur Skistation Le Lioran nicht ablesen. Vielmehr wurde deutlich: Der Däne ist der Einzige, der noch mit aller Macht gegen Tadej Pogacars Überlegenheit anzukämpfen versucht. Genau das könnte ihn teuer zu stehen kommen – und Florian Lipowitz helfen?
Am Dienstag gab es eine Art Warnschuss, als Vingegaard dem Tempo seiner Begleiter Lipowitz, Remco Evenepoel, Paul Seixas, Juan Ayuso und Mattias Skjelmose am letzten Stich hinauf zum Ziel nicht mehr folgen konnte und dort noch zwölf Sekunden verlor.
Dass solche kurzen Rampen ihm nicht liegen, hörte man Vingegaard im Ziel sagen – nur war es eben exakt dieselbe kurze Rampe, an der er vor zwei Jahren seinen letzten Sieg im direkten Duell mit Pogacar errang. Das Argument zieht also nicht. Vielmehr dürfte der Grund für den Zeitverlust die zuvor verrichtete Arbeit gewesen sein. ___STEADY_PAYWALL___
"Ich glaube, Jonas war noch zuversichtlich, dass wir Pogacar zurückholen. Und wenn er dann die Arbeit macht, können wir uns natürlich ein bisschen zurücknehmen und um den zweiten Platz fahren", sagte Lipowitz mir gegenüber in Le Lioran. "Jonas hat superviel gearbeitet. Deshalb war er, glaube ich, ziemlich am Limit an dem letzten Kicker. Dann haben wir versucht, noch ein paar Sekunden rauszuholen."
Das hat also geklappt, weil man Vingegaard nach Pogacars Attacke sowohl am oberen Ende des Col de Pertus als auch in der Steigung zum Col de Font de Cère die Verfolgung von Pogacar allein überließ. Einzig im kurzen Flachstück zwischen den beiden Anstiegen, im Tal der Jordanne, bekam der Däne etwas Hilfe. Und am Ende war er dann wohl einfach platt.
Nur im Flachstück bekam Vingegaard Hilfe bei der Pogacar-Verfolgung. | Foto: Cor Vos
"Wir wussten, dass so eine Situation entstehen kann. Das haben wir auch gestern schon besprochen, dass er dann einfach weitermachen soll", sagte Vismas Sportdirektor Marc Reef nach dem Rennen auf die Frage, ob er das Gefühl habe, dass alle anderen nur noch auf Rang zwei gefahren seien.
"Das müssen wir akzeptieren. So ist die Situation nun mal. Wir sind hier, um das Rennen zu gewinnen. Das versuchen wir. Wir müssen aber auch realistisch sein: Pogacar ist der Stärkste!" Diese Erkenntnis ist nicht neu, auch für Reef, Vingegaard und Co. nicht. In letzter Konsequenz müsste Realismus bedeuten, dass auch das niederländische Team nun die Taktik umstellt und Vingegaard nicht mehr Pogacar jagen lässt, bis er sich selbst angreifbar macht.
Doch davon will man bei Visma natürlich nichts wissen. Für einen zweimaligen Tour-Sieger kann es nicht das Ziel sein, Zweiter zu werden. Er muss auf Sieg fahren und wird das auch weiter tun. "Das Ziel ist in Paris. Bis dahin wollen wir kämpfen", kündigte Reef in Le Lioran an. Das ist aller Ehren wert.
Geschlagen: Jonas Vingegaard im Ziel in Le Lioran. | Foto: Cor Vos
Die bisherigen Anstiege dieser Tour haben jedoch nahegelegt, dass der einzige Weg zum Tour-Sieg nur über einen totalen Einbruch, eine Krankheit oder sogar das Ausscheiden von Pogacars führen kann – und dann rückt nunmal der Zweite ins Gelbe Trikot auf. Den Kampf um Platz zwei zu führen, ist also nicht unbedingt feige. Es ist gelebter Realismus!
Genau aus diesem Grund ist übrigens auch kaum zu kritisieren, wie man bei Red Bull am Col de Font de Cère gefahren ist: Ja, wenn Lipowitz Vingegaard bei der Tempoarbeit geholfen und mit ihm durchgezogen hätte, hätte man vielleicht Isaac Del Toro noch weiter distanziert. Aber man hätte eben auch Evenepoel wahrscheinlich richtig abgehängt, die Doppelspitze geschwächt und vermutlich dann auch den Dänen in der Zielrampe nicht abschütteln können.
Ganz zu schweigen davon, dass es intern unweigerlich Ärger gegeben hätte. Denn all diejenigen, die Lipowitz Evenepoel davonfahren sehen wollten, würde ich gerne mal hören, wenn Evenepoel das umgekehrt tun würde, sobald Lipowitz kurz strauchelt. Dann wäre das Gejammer in Deutschland aber groß! Den Konkurrenten weiter folgen? Klar. Den eigenen Teamkollegen aber aktiv weiter distanzieren? Nein!
Florian Lipowitz und Remco Evenepoel bilden eine Doppelspitze, es zeichnet sich aber ab: Lipowitz ist am Berg stärker, Evenepoel wird im Zeitfahren dagegen wohl noch Zeit herausholen. | Foto: Cor Vos
Die deutschen Fans sollten es wie Lipowitz selbst halten: Ruhig bleiben, besonnen lächeln und Souveränität ausstrahlen. Die Tour ist noch lang, die anstehenden Berge länger und Lipowitz' Atem im Kampf ums Podium vielleicht wirklich am längsten - eventuell sogar wenn es um Platz zwei geht. Aber bis dahin könnten ihm die taktischen Vorteile der Doppelspitze noch sehr helfen.