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Der neue Pogacar: Bei dieser Tour mehr als nur ein Seriensieger

Von Tom Mustroph und Matthias Seng

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Tadej Pogacar strahlt im Gelben Trikot der Tour de France - um ihn herum Mitglieder seines Teams UAE - Emirates - XRG | Foto: Cor Vos

26.07.2026  |  (rsn) - Tadej Pogacar (UAE - Emirates – XRG) erwies sich bei dieser Tour de France als Sieger aller Klassen. Der Slowene ist als souveräner Radsportkönig in Paris eingefahren. Den Stadtberg Montmartre wollte er dann auch noch als Rampe für einen sechsten Etappensieg nutzen. Das Vorhaben misslang, weil Pogacar am Ende dann doch etwas die Kräfte ausgingen, als Mathieu van der Poel (Alpecin – Premier Tech) auf den Champs-Élysées früh den Sprint anzog und den Mann in Gelb tatsächlich abhängte.

Andernfalls hätte Pogacar mal wieder etwas gemein gehabt mit dem Original-Kannibalen Eddy Merckx. Denn nur dem Belgier gelang es in der langen Tour-Geschichte, bei zwei Tour-Teilnahmen jeweils mindestens sechs Etappen zu gewinnen. Gut, Merckx ist in dieser Statistik noch ein ganzes Stück voraus mit je acht Siegen 1970 und 1974 sowie deren sechs in den Jahren 1969 und 1972. Aber auch dieses Zahlenspiel zeigt, wie enorm Pogacars Leistung ist.

Bei bisher sieben Tour-Teilnahmen holte er sich fünf Mal das Gelbe Trikot – in den Jahren 2022 und 2023 musste er sich nur Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike) geschlagen geben. Bei den vergangenen drei Ausgaben sicherte er sich den Gesamtsieg mit einer frappierenden Überlegenheit, bei der am Sonntag zu Ende gegangenen 113. Ausgabe war Remco Evenepoel (Red Bull – Bora – hansgrohe) mit 6:26 Minuten Rückstand “Best of the Rest.“ ___STEADY_PAYWALL___

Und hätte Pogacar einige Male nicht zugunsten seines Teamkollegen Isaac Del Toro, der schließlich Gesamtdritter wurde, zurückgesteckt, wären am Ende wohl auch noch mehr als fünf Etappensiege herausgesprungen. So kommt er mittlerweile auf eine Bilanz von 26 Tagessiegen, das sind nur acht weniger, als Merckx sammelte – und zum Tour-Rekord von Mark Cavendish fehlen ihm auch nur neun.

Tadej Pogacar und seine UAE-Teamkollegen im Ziel der 113. Tour de France | Foto: Cor Vos

Daran dachte der 27-Jährige auf den Champs-Élysées aber nicht, als er das Gelbe Trikot in Empfang nahm. “Jeder Sieg ist wirklich speziell. Ich bin jetzt sieben Mal die Tour gefahren und stand sieben Mal auf dem Podium – fünf Siege. Das ist etwas, was man sich nicht mal in ein Drehbuch schreiben würde. Wirklich unglaublich, auch für mich“, strahlte Pogacar im Flash-Interview, in dem er sich auch an einer Erklärung für seine Sie-gesserie versuchte. "Ich weiß nicht – da gibt es viele Faktoren. Das Wichtigste ist, dass man Spaß daran hat, was man macht und Menschen um sich hat, denen man vertraut und die einem helfen und für einen da sind, wenn man an Tiefpunkten ist.“

Bei der 113. Tour setzte Pogacar nicht nur sportliche Akzente

Bei dieser Tour setzte er aber noch andere Akzente. Er ließ stärker als gewohnt Emotionen zu. Der Sturz seines Dauerrivalen Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike) betrübte ihn so sehr, dass er ihn als Freund bezeichnete und anmerkte, ohne ihn sei diese Tour jetzt anders. Auch im Sieger-Interview in Paris bedauerte er das Fehlen des Dänen auf dem Podium. Vor allem aber wachte er wie eine Löwenmutter über sein Junges, den Tour-Debütanten Del Toro. An beiden Tagen in Alpe-d’Huez sah man ihn Windschatten geben und ein zwar schnelles, aber für den offensichtlich angeschlagenen Mexikaner noch erträgliches Pacing machen.

In den 21 Schleifen des legendären Anstiegs ließ er sich dann zwar nicht mehr halten und holte den Etappensieg. Tags darauf, bei der Anfahrt durch die Hintertür, den Col de Sarenne, verzichtete er aber auf der Königsetappe auf den Sieg und auch die Punkte fürs Bergtrikot. Del Toros Podiumsplatz war ihm wichtiger. "Das zeigt den tollen Zusammenhalt dieses Teams", freute sich der Sportliche Leiter Matxin Fernandez gegenüber RSN.

Der Tour-Sieger ist kein neuer “Kannibale“: Ohne die tatkräftige Unterstützung durch Pogacar hätte Isaac Del Toro möglicherweise seinen Podiumsplatz in Paris noch eingebüßt. | Foto: Cor Vos

Die Öffentlichkeit erlebte hier einen Pogacar, wie er teamintern längst bekannt ist. “Natürlich sind die beiden ganz besondere Freunde. Und deshalb hilft Tadej Isaac eben auch“, sagte Simone Pedrazzini, ein weiterer Sportlicher Leiter von UAE Team Emirates, gegenüber RSN. “Aber Tadej ist auch einer, der gerne hilft, der sich immer um die anderen kümmert. Er will, dass alle das beste Rad haben, die beste Bekleidung. Er will, dass alle gleich behandelt werden und beansprucht für sich nichts Besseres. Und wenn für einen anderen mal ein Resultat möglich ist, dann hilft er eben auch“, beschrieb der Italiener seinen Ausnahmefahrer.

Zu Pogacars Faible für Fairness darf man auch die Episode zählen, als er Wasserflaschen für die Teamkollegen vom Begleitfahrzeug nach vorn brachte – und später zugab: “Dieser Job ist zu hart für mich.“ Man darf dem Weltmeister abnehmen, dass er das nicht ironisch meinte, sondern einfach den Teamkollegen Respekt erweisen wollte, die sich jede halbe Rennstunde zum Teamauto zurückfallen lassen, um sich dann, wie Packesel beladen, erneut nach vorn zu kämpfen. Wattzahlenvergleiche beim Wasserholen wären auch einmal ein hübscher Binnenwettbewerb für Zahlenfreaks.

Pogacar ist längst in die Klassensprechers gerückt

Aufgrund seiner Klasse ist Pogacar schon längst in die Rolle des Klassensprechers gerückt. Aber wohl noch nie nahm er sie so konsequent wahr, wie bei dieser Tour. In Sachen Klimawandelfolgen lehnte er sich weit aus dem Fenster und schlug vor, im Juli und August in heißen Regionen auf Rennen komplett zu verzichten. Auch die leidliche Nachtkontrollen-Debatte moderierte er nach anfänglicher Erregung ab. “Wenn es dazu dient, zu zeigen, dass wir sauber fahren, kann ich damit leben“, meinte er. Und als Familien übergreifend achtsame Löwenmama mahnte er die französische Öffentlichkeit im Fall von Paul Seixas (Decathlon – CMA CGM): “Schützt ihn gut, denn eines Tages wird er brillieren!“

Pogacar, der Teamplayer: In Paris feierte er mit seinen Mannschaftskollegen den fünften Tour-Gesamtsieg. | Foto: Cor Vos

Man darf gespannt sein, wie dieser Mann sein letztes Karrieredrittel gestalten wird. Am Ehrgeiz wird es Pogacar jedenfalls nicht fehlen. “Man muss sich immer Ziele setzen. Jetzt muss ich also ein neues finden“, sagte er in der französischen Hauptstadt. Sportlich offen bleiben neben der Spanien-Rundfahrt nur noch Paris – Roubaix und ein Olympiasieg.

Um die Vuelta zu gewinnen – und damit das Grand Tour-Triple abzuschließen -, muss er sie eigentlich nur fahren. Sein Fürst immerhin, Fürst Albert II. von Pogacars Wahlheimat Monaco, hat Tadej I. immerhin schon aufgefordert, am großen Startspektakel der diesjährigen Vuelta in Monaco teilzunehmen. “Mal sehen. Jetzt lasst uns diesen Moment genießen“, verriet er auch nach seinem fünften Tour-Triumph noch nicht eindeutig, ob er die Vuelta wirklich fahren wird, nachdem er vor neun Tagen noch scherzte: "Wenn der Fürst das sagt, sind die Chancen groß."

Ob in Spanien oder doch erst bei Il Lombardia – die Siegesserie des einst kleinen Jungen, der bei der Kids Tour in Berlin den Altersgenossen noch hinterherfuhr, wird sicher nicht abreißen.

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