Herzog überrascht bei EM als Siebter

Evenepoel schlägt nach Zielfotoentscheid Ciccone

Von Guido Scholl

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Remco Evenepoel (links) schlägt Giulio Ciccone denkbar knapp im Sprint.| Foto: Cor Vos

04.10.2026  |  (rsn) - Remco Evenepoel ist endlich Europameister im Straßenrennen. Der Topfavorit sicherte sich den letzten in seiner Sammlung noch fehlende Elite-Titel allerdings denkbar knapp – im Zweiersprint mit dem Italiener Giulio Ciccone schob Evenepoel sein Vorderrad durch Tigersprung um eine Winzigkeit an dem seines Konkurrenten vorbei. Dritter wurde als Solist Ciccones Landsmann Christian Scaroni, der mit 59 Sekunden Rückstand ins Ziel kam.

Platz vier sicherte sich Toms Skuijns (+1:13), hinter dem Letten gewann Ivan Romeo (Spanien) den Spurt um Platz fünf. Zeitgleich Siebter wurde der enorm starke Emil Herzog. Außer ihm hatten auch Maximilian Schachmann, am Ende 23., und Marco Brenner (37.) die Farben des BDR lange in der Spitzengruppe vertreten.

Selbst ein Sturz in einem flacheren Abschnitt des vorletzten Anstiegs des 196,3 Kilometer langen Rennens mit Start in Ljubljana und Ziel in Sencur konnte Evenepoel nicht stoppen. Und nach dem für ihn zufriedenstellenden Rennausgang haderte der Belgier auch nicht mehr mit der Weigerung Ciccones, im Finale mehr als das Allernötigste zum Gelingen der Zwei-Mann-Flucht beizutragen. Mit den Worten “wir haben ganz gut zusammengearbeitet“ zeigte sich Evenepoel sogar ungewöhnlich harmonisch, nachdem er während des Rennens lautstark mit seinem Begleiter geschimpft hatte.

“Es ist fantastisch. Ich muss meinen Teamkollegen für dieses Rennen wirklich extrem danken. Sie haben es genau so gemacht, wie wir es uns vorgenommen hatten. Es gab eine etwas knifflige Situation vor dem letzten Anstieg. Ich denke, ich habe einen guten Angriff gefahren, aber ich bin in einer Kurve etwas zu schnell gewesen und einfach weggerutscht“, kommentierte Evenepoel den starken Auftritt seines Teams, seinen ersten Angriff, dem Ciccone als einziger folgen konnte und den Sturz, der ihn kurzzeitig hinter den Italiener zurückwarf.

Auf das EM-Zeitfahren will der Belgier nun verzichten und sich voll auf Il Lombardia (1.UWT) konzentrieren. Während er bei der kontinentalen Meisterschaft bereits zwei Zeitfahr-Goldmedaillen errungen hat, fehlt ihm der Sieg beim Rennen der fallenden Blätter noch. In Abwesenheit Pogacars sind die Chancen ungewöhnlich groß für Evenepoel, seinen Palmares in Como am kommenden Samstag das zweite Monument hinzuzufügen.

Gewissheit kam beim zweiten Zielfoto

“Die Enttäuschung war dem hauchdünn geschlagenen Ciccone im Ziel deutlich anzusehen. “Ich habe das erste Zielfoto gesehen, da war es noch nicht klar. Beim zweiten Foto konnte man es dann sehen. Ich bin wirklich enttäuscht. Aber als erstes will ich Remco gratulieren. Er ist superstark gefahren“, sagte der Silbermedaillen-Gewinner zu Cycling Pro Net. Es sei knapp gewesen, aber er sei wieder einmal Zweiter geworden – wie so oft in dieser Saison. Auch Ciccone will bei Il Lombardia an den Start gehen, aber: “Ich will meine beiden letzten Rennen jetzt ohne Druck fahren und sie auf dem Rad genießen.“

Herzogs gutes Abschneiden mag für viele eine der Überraschungen des Rennens gewesen sein, nicht aber für ihn selbst. “Mein Ziel war es, Top Ten zu fahren. Und das habe ich geschafft. Das haben nicht so viele für möglich gehalten, aber ich war mir eigentlich ziemlich sicher, dass ich das erreichen kann. Ich nehme auf jeden Fall viel Selbstbewusstsein mit und Freude aufs nächste Jahr“, gab der Red-Bull-Profi zwei Tage vor seinem 22. Geburtstag bei RSN zu Protokoll.

In der Heimat von Superstar Tadej Pogacar erwies sich das slowenische Nationalteam trotz dessen Abwesenheit als starke Truppe. Primoz Roglic erreichte das Ziel als Zehnter, nachdem er lange in der ersten Verfolgergruppe gefahren war. Jakob Omrzel wurde 13., auch er hatte wie der Tages-19. Jan Tratnik zu den Verfolgern gehört.

So lief das EM-Rennen der Männer:

Auf dem flachen Abschnitt vor dem Rundkurs um Sencur setzte sich ein Sextett ab, zu dem unter anderem der Schweizer Fabian Weiss, der Tscheche Josef Cerny und der Slowene Luka Mezgec gehörten. Unter dem Tempodiktat der belgischen Mannschaft wuchs der Vorsprung aber nie auf mehr als 1:30 Minuten an. Bereits bei der ersten Auffahrt zum Mozjanca-Anstieg zerfiel die Gruppe, und es blieben lediglich Tiago Antunes (Portugal), Jochem Kerckhaert (Niederlande) und Weiss übrig. Nach der zweiten Passage des 2,1 Kilometer langen Bergs war es dann auch um dieses Trio geschehen.

Fabio Christen (Schweiz) wagte dann einen Solo-Vorstoß, der Italiener Giulio Pellizzari setzte nach. Doch beide wurden bald wieder eingesammelt. Weiterhin bestimmte Belgien das Tempo. Das favorisierte Team wurde in der dritten Auffahrt zum Mozjanca-Anstieg kurz von Italien abgelöst. Als dann aber Mads Pedersen (Dänemark) in Schwierigkeiten geriet, erhöhten die Belgier die Schlagzahl noch einmal, um den hoch gehandelten Ex-Weltmeister zu distanzieren.

Das Streckenprofil des EM-Rennens der Männer | Foto: Veranstalter

Giulio Ciccone (Italien) griff kurz vor der Kuppe an, fast gleichzeitig hatte Evenepoel beschleunigt. Sie kamen zu zweit oben an, dann stürzte der Belgier in einer Kurve, Ciccone konnte sich zunächst allein absetzen. Evenepoel war schnell wieder auf seinem Arbeitsgerät und wurde von Maxim Van Gils zurück zur ersten Gruppe hinter Ciccone gebracht, die noch zwölf Mann umfasste. Der Italiener wurde bald wieder gestellt. Als Evenepoel in einem kurzen Gegenanstieg in der Abfahrt vom Mozjanca-Anstieg erneut angriff, reagierte Ciccone als Erster. Der Belgier bekam von seinem Begleiter wenig Unterstützung.

Mit Van Gils und Ramses Debruyne befanden sich zwei Belgier in der Verfolgergruppe, die die zahlreichen Konterattacken neutralisieren konnten. Und so konnte das Spitzenduo seinen Vorsprung bis auf 40 Sekunden ausbauen, ehe es zum letzten Mal bergauf ging. In der Phase setzten sich der Franzose Mathys Rondel und Scaroni aus der Verfolgergruppe ab, wobei der Italiener nur am Hinterrad saß.

Während Evenepoel und Ciccone zu zweit über die Kuppe fuhren, schüttelte Scaroni dahinter Rondel ab. Evenepoel reagierte zunehmend verärgert auf die zu dem Zeitpunkt aber verständliche Weigerung seines Begleiters, bei der Tempoarbeit mitzuhelfen. Der Vorsprung der Beiden war da allerdings schon so groß, dass Scaroni keine Chance hatte, nach vorn zu kommen.

In der letzten Rechtskurve zog Ciccone dann geschickt innen vorbei. Dadurch gewann er einen kleinen Vorsprung, als er den Zielsprint anzog. Doch Evenepoel gab nicht auf, saugte sich wieder an und rollte mit der deutlich höheren Endgeschwindigkeit über den Strich. Weil es aber so knapp zugegangen war, jubelte zunächst keiner von beiden. Erst als bereits Scaroni auf dem Bronzerang reingekommen war und auch Skujins und Romeo als Vierter und Fünfter das Ziel erreicht hatten, verkündete die Jury den hauchdünnen Sieg des Belgiers, der mit einem lauten Schrei der Erleichterung reagierte. Ciccone wiederum senkte enttäuscht den Kopf.

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