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04.04.2026 | (rsn) – Wer sind die Favoritinnen und Favoriten für das nächste große Rennen? Auf wen sollte man sonst noch achten? In der Redaktion bei radsport-news.com gehen die Meinungen vor den Saison-Highlights oft auseinander – auch wenn die Top-Favoriten manchmal auf der Hand liegen, weicht der eine oder andere mitunter gerne vom Offensichtlichen ab und wagt Außenseitertipps.
In der Saison 2026 werden wir uns vor den Highlights virtuell aus dem Fenster lehnen und unsere Prognosen wagen, um uns dann am Ende auslachen zu lassen, wenn es wieder ganz anders gekommen ist.
Sebastian Lindner:
Das für ihn schwierigste Monument hat Tadej Pogacar mit Mailand-Sanremo bereits in der Tasche. Es dürfte ein Motivations-Booster für den Slowenen sein. Denn mit MSR ist die Chance nun groß für einen neuen Rekord: mehr als drei Monumente in einem Jahr konnte noch niemand gewinnen. Die - etwas überspitzt gesagt - Selbstläufer in Lüttich und in der Lombardei mit eingerechnet, fehlt ihm entweder noch Flandern oder Roubaix, um das zu schaffen. Bei den wenigen Renntagen, die Pogacar hat, lässt sich seine Form nur erraten. Doch viel wichtiger scheint, wie es diesbezüglich um die Konkurrenz bestellt ist. Und da scheint Mathieu van der Poel gerade nicht am Limit, weshalb Pogacar bei der "Ronde" seine makellose Saisonbilanz ausbauen wird.
Bei den Frauen spricht derweil vieles für Demi Vollering. Der schwierigere Strecke verglichen mit Dwars door Vlaanderen bedeutet für die Niederländerin Vorteile gegenüber Marlen Reusser. Und bei allen weiteren Namen, die in Frage kommen könnten - Pieterse, Kopecky - scheint gerade ein bisschen was zu fehlen. Ein Fragezeichen steht hinter Pauline Ferrand-Prévot, doch das ist zu dick, um die Rolle als Top-Favoritin einzunehmen.
Matthias Seng:
In den vergangenen vier Jahren wechselten sich Mathieu van der Poel und Tadej Pogacar bei der Flandern-Rundfahrt in schöner Regelmäßigkeit auf dem höchsten Treppchen ab. Im vergangenen Jahr stand dort der Weltmeister aus Slowenien, wogegen der damalige Titelverteidiger aus den Niederlanden sich mit Rang drei begnügen musste. Diesmal wird also van der Poel wieder an der Reihe sein - weniger wegen des Gesetzes der Serie als aufgrund seiner Form. Die war schon bei Mailand-Sanremo sehr gut, doch der Sturz und die daraus resultierenden Handverletzung verhinderten ein besseres Ergebnis als Rang acht. Sollte van der Poel diesmal vom Pech verschont bleiben, wird in Oudenaarde der vierte Ronde-Sieg herausspringen.
Im Frauenrennen kann mit einem spannenden Vierkampf gerechnet werden: Demi Vollering, die wieder genesene Marlen Reusser und Elisa Longo Borghini treffen auf Titelverteidigerin Lotte Kopecky. Die Belgierin startete nach einem schwächeren Jahr 2025 mit zwei Siegen in die Saison, wobei speziell der bei Sanremo Women zeigte, in welch herausragender Verfassung Kopecky sich befindet. Die wird sie auch in Oudenaarde zu ihrem insgesamt vierten Ronde-Sieg tragen.
Paul Grosch:
Wenn die Zutaten die gleichen sind, schmeckt auch die Suppe gleich. Tadej Pogacar wird, einen Sturz oder großes Defektpech ausgenommen, am Sonntag seine dritte Ronde van Vlaanderen gewinnen. Hinter den Chancen der anderen Favoriten stehen zu viele Fragezeichen. Mads Pedersen ist nach seinem Sturz im Februar vor allem bergauf noch nicht wieder in Topform. Mathieu van der Poel war bei Milano-Sanremo und der E3 Saxo Classic nicht so souverän wie im letzten Jahr. Wout van Aert scheint wie im letzten Jahr mit jedem Rennen besser in Form zu kommen, trotzdem scheint fraglich, ob er vor allem bergauf mit Pogacar und van der Poel mithalten kann. Die einzige wirklich neue Zutat ist Remco Evenepoel. Positionierungsprobleme in der Vergangenheit und seine Unerfahrenheit in Kopfsteinpflasterklassikern lassen jedoch Zweifel an einem Topergebnis aufkommen.
Bei den Frauen ist das Feld insgesamt ausgeglichener. Die Favoritin dürfte auf dem schweren Parcours am Sonntag Demi Vollering sein. Fraglich ist, ob Marlen Reusser da schon mithalten kann. Das bisher stärkste Team im Frühjahr - UAE - ADQ - konnte in den großen Rennen trotz numerischer Überlegenheit bisher keine Siege erzielen. Insgesamt sind die taktischen Entscheidungen im Rennen oft die große Unbekannte. Daher ist es auch denkbar, dass, wie bei der WM letztes Jahr, ein nicht allzu großer Name losfährt und solo gewinnt, während die Favoritinnen sich dahinter belauern. Meine Prognose dagegen lautet: Lotte Kopecky verteidigt ihren Titel, nachdem sie zwischenzeitlich von Vollering & Co. abgehängt worden war, an der Spitze keiner kooperieren will und die Belgierin wieder hinfahren kann. Im Sprint wird sie dann nicht zu schlagen sein.
Jens Claussen:
Es bleibt ihm nicht mehr viel Zeit und wie es nach seinen Ergebnissen des Frühjahrs scheint, hat er die Top-Form wiedergefunden. Wout van Aert wird am kommenden Sonntag das Glück erzwingen, sich auch am letzten Double aus Oude Kwaremont und Paterberg nicht abhängen lassen und gemeinsam mit den “Überfliegern“ Mathieu van der Poel und Tadej Pogacar Richtung Ziellinie in Oudenaarde rauschen. Dort werden ihm die Bilder aus dem Jahr 2020 durch den Kopf gehen, als er den Sprint gegen van der Poel verlor. Der Belgier hat aus solchen Situationen gelernt und wird sich diesmal als der Cleverere erweisen. Van Aert muss es diesmal einfach schaffen!
Voller Fokus auf die “Ronde“! Demi Vollering hat eine Mission zu erfüllen, fehlt ihr doch noch ein Sieg bei diesem prestigeträchtigen Klassiker in ihrem Palmarès. Im Jahr 2023 war die diesjährige Omloop-Nieuwsblad-Gewinnerin ganz nahe dran, als sie nach ihrer damaligen Teamkollegin den Sprint der Verfolgerinnen gewann und Zweite wurde. Am Sonntag wird Vollering den Spieß umdrehen, da die 29-Jährige mit Franziska Koch und Elise Chabbey das entscheidende Quäntchen mehr an “Klassiker-Qualität“ an ihrer Seite hat.
Kevin Kempf:
Zwei Renntage, zwei Siege. Die letzte Saison mit vier Siegen in Serie abgeschlossen. Wenn Tadej Pogacar gewinnen will, dann gelingt ihm das derzeit auch. Bei der Ronde findet er am Oude Kwaremont und am Paterberg Gelegenheit, die Konkurrenz abzuschütteln, am Koppenberg hat er es noch nicht getan, aber auch da sollte es gehen. Remco Evenepoel ist zwar neu bei der Flandern-Konkurrenz, aber der letzte Herbst hat gezeigt, dass auch er den Weltmeister nicht halten kann, wenn dem Flügel wachsen.
Im Frauenrennen war Dwars door Vlaanderen ein Fingerzeig auf das, was bei der Ronde wartet, aber das Rennen ist ingesamt deutlich offener. Viele Szenarien und einige Siegerinnen sind denkbar. Am Ende sehe ich das Gesetz der Serie und somit Marlen Reusser triumphieren. Aber die Schweizerin steht in meiner Liste der Favoritinnen quasi gleichauf mit Demi Vollering und Lotte Kopecky.
Guido Scholl:
Alle schauen auf Tadej Pogacar und Mathieu van der Poel. Maximal noch auf Remco Evenpoel und Mads Pedersen. Doch ich gebe zu: Ich gönne Wout van Aert endlich seinen Ronde-Sieg. Und die Form ist gut. Also setze ich einfach mal auf ihn. Dass er es nach seinen vielen Rückschlägen noch drauf hat, jeden Radprofi auf der Welt abzuhängen, bewies er im vergangenen Juli in Paris auf der Schlussetappe der Tour de France. Deshalb: Der Belgier wird einen Sprintsieg aus einem Trio heraus feiern.
Im Frauenrennen ist es Zeit für Marlen Reusser – die Schweizerin hat in den vergangenen Jahren Top-Ergebnisse aneinandergereiht, auch bei den Frühjahresrennen. Der Sieg bei Dwars door Vlaanderen war die Bestätigung, dass Reusser nach ihrer Verletzung bei der UAE-Tour wieder in starker Verfassung ist. Sie wird wie van Aert aus einer kleinen Gruppe heraus zum Sieg sprinten.
Christoph Niederkofler:
Um Tadej Pogacar in die Knie zu zwingen, braucht man schon den besten Sahnetag der jüngeren Geschichte. Dieser wird im Vorfeld der Flandern-Rundfahrt vor allem Mathieu van der Poel zugetraut - aber allein aufgrund der vergangenen Wochen schätze ich Wout van Aert als gefährlichsten Herausforderer ein. Bei Quer durch Flandern fehlten ihm wenige Meter, bei Wevelgem stand ihm der zu defensive van der Poel im Weg - und genau diese offene Rechnung wird er am Sonntag begleichen.
Bei den Frauen wird das Rennen wohl deutlich offener sein als bei den Herren. Ich lege mich aber auf Lotte Kopecky fest: Als dreimalige Siegerin ist sie die Referenz, ihre enorme Stärke in den Anstiegen und ihre Endschnelligkeit werden Unterschied ausmachen.