RSNplusPellizzaris Kumpel ist Vingegaards letzter Mann

Piganzoli: Als Edelhelfer zur Giro-Entdeckung

Von Tom Mustroph aus Mailand

Foto zu dem Text "Piganzoli: Als Edelhelfer zur Giro-Entdeckung"
Davide Piganzoli und sein Kapitän Jonas Vingegaard (Visma - Lease a Bike) bei der 14. Etappe des Giro d´Italia im Aosta-Tal | Foto: Cor Vos

25.05.2026  |  (rsn) – Jedes Jahr sorgen junge Fahrer beim Giro d’Italia für Furore. Die Entdeckungen der Austragungen 2024 bis 2026 teilen sich dabei eine Adresse: Vor zwei Jahren war es Giulio Pellizzari (Red Bull - Bora - hansgrohe), letzte Saison Isaac Del Toro (UAE - Emirates - XRG) und jetzt nimmt diese Rolle Davide Piganzoli (Visma - Lease a Bike) ein. Gut, der 23-Jährige aus Morbegno hat schon einige Giro-Kilometer mehr in den Beinen als seine Vorgänger. Es ist seine dritte Italien-Rundfahrt. Aber anders als Pellizzari, der 2024 als Etappenzweiter hinter Tadej Pogacar auf sich aufmerksam machte und anders auch als Del Toro, der im letzten Jahr den Giro fast gewonnen hätte, setzt sich Piganzoli erst jetzt so richtig in Szene.

Die Drei wohnen in einem Haus in San Marino und fahren seit den Nachwuchsklassen mit- und gegeneinander Radrennen. Die Fachwelt hatte das Trio spätestens dann auf dem Schirm, als sie 2023 das Podium der Tour de l'Avenir (2.Ncup) besetzten. Der Mexikaner gewann vor Pellizzari und Piganzoli. "Bei mir hat es danach etwas länger gedauert, bis der nächste Entwicklungsschritt kam", sagte Piganzoli im letzten Jahr, als er noch für Polti - VisitMalta fuhr, zu RSN. Er zeigte sich aber auch optimistisch, dass er das Niveau der alten Kumpels bald erreichen kann. ___STEADY_PAYWALL___

Das kann man bei diesem Giro definitiv im Vergleich zu Pellizzari konstatieren. Auf der 9. Etappe distanzierte er - den allerdings gesundheitlich geschwächten - Kumpel von Red Bull – Bora - hansgrohe. Auf der 14. Etappe vom Aosta-Tal nach Pila kam er mit ihm gemeinsam an. Und das, nachdem er vorher brillante Helferdienste für seinen Kapitän Jonas Vingegaard verrichtet hatte. "Davide hat da ja schon dafür gesorgt, dass zu den meisten meiner Rivalen schon eine Lücke klaffte. Ich musste dann gar nicht richtig attackieren. Er war enorm", lobte der Däne auf der Pressekonferenz seinen letzten Helfer.

Piganzoli als "Feind" von Freund Pellizzari

Zu den da Abgehängten gehörte auch Pellizzari. Als dieser dann aber zu Piganzoli aufschloss, gemeinsam mit seinem Teamkollegen Jai Hindley, rief eine Gruppe von Piganzoli-Fans plötzlich laut auf: "Giulio, wenn du ihn nicht mitfahren lässt, kriegst du von uns nichts mehr zu essen!" Die Fans entpuppten sich als die Eltern von Piganzoli. Ein Spaß unter Freunden, wie sie gegenüber RSN sagten. Sie betonten, dass Pellizzari gewissermaßen zur Familie gehöre.

Mit dem Piganzoli-Clan fuhr Pellizzari dann auch in der gleichen Kabine der Seilbahn den Berg von Pila herunter, der Red-Bull-Fahrer litt dabei unter seiner Höhenangst - zur Belustigung von Piganzoli. Gefrotzel unter Freunden. Pellizzari fasste in Pila ihre Beziehung so zusammen: "Wir trainieren zusammen, wir träumen zusammen und ich freue mich wirklich sehr. Auch wenn er für den Feind arbeitet", sagte er lachend.

Davide Piganzoli und Giulio Pellizzari Seite an Seite beim Giro d'Italia. | Foto: Cor Vos

Den Feind also, dessen Eltern ihm weiter Essen auftischen werden, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Sportlich ordnete er Piganzolis Leistung in Aosta so ein: "Ich habe nichts zu ihm im Ziel gesagt, weil mir die Luft gefehlt hat. Aber ich freue mich für ihn. Er fährt wirklich stark und hat es verdient. Ich bin sehr froh, so einen Freund im Peloton zu haben."

Einen Freund allerdings, der für den "Feind" fährt und der damit durchaus in einem Konkurrenzverhältnis steht, wie Piganzolis Pacing bewies, das für einen Moment zu viel war für Pellizzari. Der Vingegaard-Helfer ist derweil in die Top 10 gerutscht, das Podium ist durchaus in Reichweite. Sollte er weiterhin des Dänen letzter Mann sein, dürfte er angesichts der drei kommenden Bergetappen im Klassement noch weiter nach oben klettern.

Seine Profi-Karriere begann Piganzoli bei Eolo - Kometa. | Foto: Cor Vos

Dass Vingegaard ihm die Lizenz zur eigenen Etappenjagd gibt, ist trotz aller Wertschätzung unwahrscheinlich. "Unser großes Ziel ist, mit Jonas den Giro zu gewinnen", stellte der sportliche Leiter Marc Reef gegenüber RSN klar. Und Vingegaard betonte, kein Risiko eingehen zu wollen.

Piganzoli selbst gibt sich auch keinen großen Illusionen hin. "Meine Aufgaben und Verantwortlichkeiten haben sich geändert", sagte er RSN mit Bezug auf die freie Rolle in seinem früheren Team. "Mit der Aufgabe jetzt bin ich komplett zufrieden. Wir wollen mit Jonas die Rundfahrt gewinnen und ich werde tun, was dafür notwendig ist."

In der Hierarchie der Helfer bei Visma – Lease a Bike hat er inzwischen Vingegaards üblichen Edelhelfer Sepp Kuss abgelöst. Vingegaard sah in Piganzolis Aosta-Performance sogar Analogien zu Wout van Aerts Hautacam-Bravourtat bei der Tour 2022. "Ja, das kann man durchaus vergleichen", sagte er auf eine Nachfrage während der Pressekonferenz. Gut, damals war der Gegner Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG), den van Aert erst weich fuhr, bevor Vingegaard den finalen Stoß setzte. Aber Piganzoli ist auf dem Weg, sich einen ganz eigenen Namen zu machen. Und man darf gespannt sein, welche Schlagzeilen die Nachbarn aus San Marino in Zukunft noch allein, im Duo oder auch zu dritt produzieren.

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