RSNplusEinzig der Trend ist nicht so richtig sein Freund

Vier Berge, vier Mal Zweiter: Gall souverän auf Podiumskurs?

Von Felix Mattis

Foto zu dem Text "Vier Berge, vier Mal Zweiter: Gall souverän auf Podiumskurs?"
Felix Gall (Decathlon - CMA CGM) im Ziel der 16. Giro-Etappe in Carì. | Foto: Cor Vos

26.05.2026  |  (rsn) – Es ist inzwischen zur Gewohnheit geworden: Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike) gewinnt und Felix Gall (Decathlon – CMA CGM) wird Zweiter bei den Bergankünften des Giro d’Italia 2026. Auch in Cari am Ende des vierten Schlussanstiegs dieser 109. Italien-Rundfahrt überquerte der gebürtige Osttiroler wieder als 'Best of the Rest' hinter dem dänischen Dominator den Zielstrich.

Damit schob sich Gall nun auch am auf Rang fünf abrutschenden Portugiesen Afonso Eulalio (Bahrain Victorious) vorbei auf den zweiten Platz der Gesamtwertung und baute seinen Vorsprung gegenüber Thymen Arensman (Netcompany – Ineos) dort auf 24 Sekunden aus. Jai Hindley (Red Bull – Bora – hansgrohe), der dritte Mann im Rennen um die zwei übrigen Podestplätze neben Vingegaard in Rom, liegt nach 16 Etappen 57 Sekunden hinter Gall, dem dagegen schon 4:27 Minuten zum Rosa Trikot des Visma-Kapitäns fehlen.

"Visma hat wieder gezeigt, wer hier der Boss ist – auch als Team. Und Jonas macht dann einfach sein Ding", erkannte Gall im Ziel auf Nachfrage von FloBikes an, dass gegen den Mann in Rosa bei diesem Giro einfach kein Kraut gewachsen ist. Dahinter aber sieht es immer besser aus für den Decathlon-Kapitän, dass das mit dem Podestplatz wirklich klappen könnte. ___STEADY_PAYWALL___

Beim Sign-On vor der Etappe nach Cari: In Bellinzona wurde der neue Gall-Song gespielt. | Foto: Cor Vos

"Dass Jonas eine Klasse für sich ist, dem sind wir uns alle bewusst. Aber wir sind guter Dinge, dass das mit Felix etwas wird und freuen uns riesig", sagte auch sein Teamkollege und wichtigster Berghelfer, Gregor Mühlberger, am Eurosport-Mikrofon. "Felix ist nach wie vor beeindruckend. Das ganze Team arbeitet sehr, sehr gut zusammen. Wir hatten Oli Naesen heute superlange dabei, Johannes (Staune-Mittet) hat einen super Job gemacht – und ja, dass Felix das immer wieder aufs Neue finisht, das ist sehr stark."

Eigenes Tempo hinter Vingegaard? "Heute leider nicht möglich"

Wie schon bei den ersten drei Bergankünften am Blockhaus, am Corno alle Scale und zuletzt am Samstag in Pila im Aostatal war Gall der einzige Fahrer, der beim Angriff von Vingegaard 6,6 Kilometer vor dem Etappenziel noch etwas zu entgegnen hatte – wenn auch erneut nur kurz. Rund 100 Meter folgte der Österreicher dem Dänen, um letztendlich aber ebenfalls reißen lassen zu müssen. Anschließend war er gut einen Kilometer allein unterwegs, bevor er sich umschaute und die von Egan Bernal angeführte nächste Gruppe um Arensman, Hindley, Derek Gee-West (Lidl – Trek) und Davide Piganzoli (Visma – Lease a Bike) wieder herankam.

Bei Vingegaards Attacke versuchte Gall nur kurz zu folgen. | Foto: Cor Vos

"Ich dachte, ich könnte dasselbe machen wie bei den letzten Bergetappen: Mein eigenes Tempo fahren. Aber das war leider nicht möglich heute. Dann habe ich gesehen, dass Thymen noch Bernal zum Helfen da hatte, wusste vom noch kommenden Flachstück und dachte, es macht mehr Sinn, auf sie zu warten", erzählte Gall am Eurosport-Mikrofon.

Er blieb in der Gruppe um seine direkten Gegner, die Bernal bis zur 2.000-Meter-Marke brachte, wo Arensman attackierte und nur Hindley und Gall folgen konnten. Gee-West kam 1.100 Meter vor dem Ziel noch mal zu dem Trio zurück, doch rund 400 Meter vor Schluss gab Gall dann final Vollgas, zog einen langen Sprint durch und holte sich sowohl die sechs Sekunden Zeitgutschrift für Etappenrang zwei, als auch noch zwei, fünf und neun Sekunden tatsächlichen Vorsprung auf Hindley, Arensman und den Kanadischen Meister heraus.

"Ein toller Start in die dritte Woche"

"Ich musste ziemlich tief gehen dabei", gestand er anschließend und bilanzierte: "Ich habe mich eigentlich supergut gefühlt heute. Am Ende hat mir ein bisschen was gefehlt, aber es war auch eine kurze, sehr intensive Etappe. In jedem Fall ist es ein toller Start in die dritte Woche."

Felix Gall am Hinterrad von Thymen Arensman auf den letzten Kilometern der 16. Etappe. | Foto: Cor Vos

Beim reinen Blick auf die Ergebnislisten könnte man meinen, Gall hat den Kampf um Gesamtrang zwei souverän im Griff. Denn wer bei vier Bergankünften vier Mal Zweiter hinter immer demselben Sieger wird, der ist eben klar der Zweitstärkste am Berg. Doch der in Salzburg lebende 28-Jährige weiß, dass beim Giro noch vieles möglich ist.

"Bisher läuft es wirklich extrem gut, aber ja: Wir sind jetzt in der dritten Woche, die entscheidende Woche. Wir haben noch zwei extrem schwere Etappen vor uns (Etappe 19 und 20, Anm. d. Red.). Und morgen und übermorgen wird auch kein Ruhetag werden. Es sind lange Tage mit hohen Temperaturen. Das wird noch ein harter Kampf bis Rom", meinte Gall in Carì.

Denn so souverän die vier zweiten Plätze auf den ersten Blick wirken, beim genaueren Hingucken wird deutlich: Der Trend ist nicht Galls Freund. Am Blockhaus auf Etappe 7 kam er lediglich 13 Sekunden hinter Vingegaard und 49 Sekunden vor dem nächsten Gegner, Hindley, ins Ziel. Zwei Tage später am Corno alle Scale lag Gall zwölf Sekunden hinter Vingegaard und nur noch 22 Sekunden vor dem nächsten Gegner, Arensman.

Der Trend ist kein Freund

In Pila auf Etappe 14 ging die Lücke zum dänischen Sieger bereits auf 49 Sekunden auf und Hindley lag als Dritter nur noch neun Sekunden hinter Gall – und nun in Carì fehlten zum Mann in Rosa 1:09 Minuten, während Hindley ledliglich zwei Sekunden auf Gall verlor, Arensman fünf.

Jai Hindley (links) ist Galls ärgster Verfolger in der Gesamtwertung. | Foto: Cor Vos

Noch baut Gall seinen Vorsprung mit jedem Berg aus, doch das Polster auf seine schärfsten Kontrahenten ist trotzdem weiter dünn. Sowohl Hindley als auch Arensman sowie sogar der bereits 3:06 Minuten hinter Gall liegende Gee-West sind bekannt als Spezialisten für die dritte Woche. Gall dagegen rutschte in der Vuelta-Schlusswoche 2025 im Klassement etwas ab – während er bei der Tour de France im vergangenen Sommer dafür am Ende noch nach oben kletterte.

Möglich scheint alles. Und wenn es am Ende in Rom tatsächlich mit dem Podium klappt, dann gibt es von Kumpel Mühlberger eine spezielle Darbietung zur Belohnung. "Das neue Lied gibt's jetzt auch bei Spotify und als sie es heute bei der Präsentation gespielt haben, wollte ich schon fast mitsingen. Aber dann sind die Burschen von der Bühne und ich musste los", sagte Galls Edelhelfer Eurosport mit Blick auf einen langsam zum Hit avancierenden KI-Song über Gall. "Aber wenn es in Rom etwas wird, dann gibt's sicher 'ne Performance!"

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