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26.05.2026 | (rsn) - Manche Vereinfachungen schmerzen. "Ihr müsst mir sicher nicht mehr die Kapitänsfrage stellen", sagte Christian Pömer zu den wenigen Journalisten, die es zum winzigen Flughafen von Ambri geschafft hatten. Dort warteten die Teambusse des Giro d'Italia auf die Fahrer, die hoch vom Gipfel herunterkamen. Das Vorhaben, mit beiden Kapitänen anzugreifen, also dem Australier Jai Hindley und dem Italiener Giulio Pellizzari, hatte sich am Fuße des finalen Anstiegs nach Cari bereits in Luft aufgelöst.
"Der Plan war, Visma und Decathlon das Rennen machen zu lassen und dann mit unserem hervorragenden Flach-Support den letzten Anstieg von vorne in Angriff zu nehmen – auch wegen der Serpentinen am Beginn des Anstiegs und um möglichst großen Schaden bei den direkten Gegnern anzurichten“, erklärte Pömer dann RSN. Die direkten Gegner waren Felix Gall (Decathlon - CMA CGM), den Pömer charmant "meinen österreichischen Freund“ nannte, und der Niederländer Thymen Arensman (Netcompany - Ineos). "Wir haben gesehen, dass zum Beispiel beim Blockhaus Arensman Schwierigkeiten hatte und O'Connor dort als einziger bei uns mitfahren konnte, weil wir von unten konstant hohes Tempo gefahren sind", begründete er noch den Plan.
___STEADY_PAYWALL___Dann aber brach plötzlich Giulio Pellizzari ein. Der Italiener schilderte die entscheidenden Momente so: “Es war von Anfang an hart und ich hatte einfach schlichtweg nicht die Beine, es war einfach noch viel zu weit bis zum Ziel. Das ist alles schon auf dem ersten Kilometer passiert, mehr gibt's da nicht zu sagen. Ich habe dann rausgenommen." Lange 18 Minuten nach Tagessieger Jonas Vingegaard (Visma - Lease a Bike) überquerte er die Ziellinie.
Pömer erfuhr von Pellizzaris Schwäche über Funk erst dadurch, dass die anderen Fahrer ihn vermissten.“Giulio selbst war es wenig später, der gesagt hat: einfach durchziehen und weitermachen!" So war es dann auch. Hindley wurde in der Verfolgergruppe hinter Vingegaard immerhin Tagesdritter und nahm Arensman drei Sekunden plus vier Bonussekunden ab.
Gall hingegen baute seinen Vorsprung minimal aus und liegt jetzt 57 Sekunden vor Hindley und 24 vor Arensman. Der Kampf um die Podiumsplätze bleibt also spannend. Auch den Portugiesen Afonso Eulalio (Bahrain Eulalio) darf man mit seinen 40 Sekunden Rückstand auf Hindley nicht abschreiben.
Giulio Pellizzari (Red Bull - Bora - hansgrohe) war nach der Etappe ein gefragter Mann. | Foto: Cor Vos
Trotz des Verlustes des einen Kapitäns sieht Pömer die prinzipiellen Ziele seines Rennstalls weiterhin in Reichweite. "Wie schon zu Beginn des Giros gesagt: Unser Ziel ist das Podium. Wir hätten gern beide unsere Fahrer dorthin bekommen. Jetzt konzentrieren wir uns auf Jai“, sagte er. Und dem Australier, der zuletzt aufsteigende Form zeigte, traut er auch eine ganze Menge zu: "Ich glaube, Jai ist der Spezialist im Weltradsport für die letzte Woche in einer Grand Tour. Es ist vieles möglich.“
Nur eines hält er für unrealistisch: "Jetzt davon zu träumen, Jonas Vingegaard anzugreifen, wäre etwas utopisch. So wie ich das sehe – und ich wünsche Jonas alles Gute und beste Gesundheit, er ist ein großartiger Champion – ist die beste Chance, die wir haben, dass er sich beim Jubeln, wenn er den Lenker küsst, im Kieferbereich verletzt. Ansonsten ist er nahezu unantastbar." Derartiges Pech wünscht Pömer dem Dänen natürlich nicht. Er umschrieb so nur die Aussichtslosigkeit, einen Vingegaard in dieser Verfassung bezwingen zu wollen.
Für Pellizzari indes steht ein Reset an. Seine ursprünglichen Ziele kann er abschreiben. Sein Bestes für die Erreichung der Teamziele will er aber weiterhin leisten. "Wir haben Jai, der um das Podium kämpft, und wir werden absolut alles tun, um ihn in Rom auf das Podest zu bringen”, versprach er. Die nächsten beiden Tage vor den entscheidenden Bergetappen will er zur Erholung nutzen.
Jai Hindley war der einzige der beiden Red-Bull-Kapitäne, der mit den Besten mithalten konnte. | Foto: Cor Vos
In Erinnerung bleiben wird ihm diese Italien-Rundfahrt aber vor allem als eine via dolorosa, ein echter Leidensweg. Vermutlich hatte er sich auf der 5. Etappe verkühlt. Danach spielte der Organismus verrückt. "Er hatte gesundheitliche Probleme im Giro, das kann ich jetzt offen zugeben. Eine richtige Krankheit gab's nicht – er hatte immer wieder Magenschwierigkeiten, vor allem bei der Corno alle Scale-Etappe. Wir haben dann mit unserem Ärzteteam das Bestmögliche versucht und auch von den Regenerationsmaßnahmen alles abgerufen, was möglich war. Nach Etappe 14 waren wir dann zuversichtlich, dass es reichen kann und heute wurden wir leider Gottes eines Besseren belehrt", fasste Pömer den Leidensweg zusammen.
Pellizzari bemerkte dazu: "Ich weiß nur, dass ich mich ohnehin schon viel zu lange durchquälen musste. In diesem Moment fühle ich einfach nur Enttäuschung.“ Er lernt es jetzt auf die harte Art: Bei einer Grand Tour muss nicht nur die Form stimmen und der Kopf klar sein. Der Körper muss auch noch mitspielen und die Temperaturschwankungen, Regengüsse und Hitzewellen verkraften.
Red Bull – Bora – hansgrohe muss nun aber mit ihrem Spezialisten für die dritte Grand-Tour-Woche alles richtig machen, um die Ziele Etappensieg und Podium zu erreichen. Die Gegnerschaft ist nicht überwältigend. Vielleicht ist Vingegaards Bergetappensiegeshunger nach den deutlichen Machtdemonstrationen und dem beruhigenden Vorsprung auch gestillt.
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