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29.05.2026 | (rsn) - Giulio Ciccone (Lidl – Trek) hat auf der 19. Etappe des Giro d’Italia (2.UWT) die Gesamtführung in der Bergwertung übernommen. Nach seinem eindrucksvollen Kraftakt über 151 Kilometer und knapp 5000 Höhenmeter stand jedoch nicht der Erfolg des Italieners im Mittelpunkt – sondern sein Rosenkrieg mit seinem kolumbianischen Kontrahenten Einer Rubio (Movistar). "Ich habe ihm vertraut, doch er hat sich ziemlich kleinkariert verhalten", meinte Ciccone im Interview mit Eurosport. Doch der Reihe nach.
30 Kilometer vor Schluss holte Ciccone zum fünften Schlag des Tages aus: Die ersten vier Bergwertungen hatte der 31-Jährige für sich entschieden, am Passo Giau übernahm er das Maglia Azzurra virtuell von Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike). Am darauffolgenden Passo Falzarego wollte er mit weiteren 18 Punkten den dänischen Superstar noch etwas mehr distanzieren – doch Rubio stach dazwischen und schnappte ihm den Bergpreis vor der Nase weg.
Anschließend war auf den nächsten Metern hinein in die Abfahrt wahrlich kein Lippenleser vonnöten, um zu verstehen, welchen Ton Ciccone in seinem Austausch mit Rubio anschlug – allein seine Gesten sprachen Bände. Der vermeintliche Übeltäter lieferte im Ziel die Antwort auf alle Fragen. "Wir hatten vereinbart zusammenzuarbeiten. Aber ich sehe, dass ihr Wort nicht viel wert ist", wurde der 28-jährige Kolumbianer Rubio vom spanischen Nachrichtenportal AS zitiert.
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Giulio Ciccone (ganz rechts) und Einer Rubio (2. von rechts) in der Spitzengruppe am Passo Giau. | Foto: Cor Vos
Offenbar hatte Rubio mit den Lidl-Stars Ciccone und Derek Gee-West vereinbart, dass ersterer bei den Bergpreisen den Vorzug erhält. Im Gegenzug sei Rubio Platz eins beim Red Bull KM zugesichert worden. Dort schluckte er aber den Staub von Gee-West – der seinerseits wiederum auf Sekundenjagd im Gesamtklassement war und Rubio davonsprintete, um sich die sechs Sekunden zu sichern.
Vier Kilometer später, am Passo Falzarego, stillte Rubio also ganz einfach seine Rachegelüste, wie auch sein breites Grinsen im TV-Interview nahelegte. "Es gab den ganzen Tag über viele Kämpfe. Jeder will der Schlaueste sein", sagte er. "Und ich war einfach zu gutmütig. Aber so ist das Leben."
Auge um Auge, Zahn um Zahn – das mag eine einfache Rechnung gewesen sein. Doch Ciccone fühlte sich zu Unrecht in einen Topf mit seinem Teamkollegen geworfen. "Da ging es um Bonussekunden, das war etwas für die Klassementfahrer. Ich habe damit nichts zu tun. Trotzdem hat er es an mir ausgelassen", beteuerte der Lokalmatador bei Eurosport, räumte jedoch ein: "Einen Fehler habe ich aber gemacht: Ich habe ihm vertraut. Er hat sich dann ziemlich kleinkariert verhalten, würde ich sagen."
Derek Gee-West und Giulio Ciccone waren für Lidl – Trek gemeinsam in der Gruppe des Tages und wurden schließlich Etappenzweiter und -dritter - ganz hinten links zu sehen: Einer Rubio (Movistar) | Foto: Cor Vos
Ein verbaler Seitenhieb, der wohl kaum an die Wortgewalt seiner offensichtlichen Rage am Passo Falzarego herankommt. Doch Ciccone bewahrte nach der Etappe seine Contenance, beantwortete die Fragen trotz aller Emotionen souverän – und wusste sogar etwas Positives hervorzuheben.
"Mein Zorn hat mir vielleicht noch ein bisschen mehr Kampfgeist gegeben, um manche Kurven etwas riskanter zu fahren", verwies er auf seine darauffolgende Abfahrt, durch welche der Etappendritte wichtige Sekunden herausholte und schließlich mit einer Minute Vorsprung in den Schlussanstieg ging – was für den Etappensieg nicht reichte, aber immerhin für Platz drei und nochmal sechs Bergpunkte im Tagesziel.
Max Sciandri, Sportlicher Leiter bei Movistar, quittierte den Rosenkrieg mit einem Lächeln: "Jeder will sich hier die letzten Brotkrümel schnappen. Klar: Einer lag vorn, aber jeder Fahrer will die Sekunden, darum kämpfen wir am Ende des Tages", ordnete er gegenüber TNT Sports ein.
"Es gibt viele ungeschriebenen Gesetze. Alle kämpfen um irgendetwas: Gesamtführung, Punktetrikot, Bergtrikot – das geht immer so weiter. So bleibt für viele Teams nicht mehr viel übrig. Es ist einfach als Zuschauer, sich eine Meinung zu bilden. Aber es geht so viel vor in den Köpfen, es gibt so viele verschiedene Dynamiken."
Doch noch Grund zur Freude: Giulio Ciccone strahlt im Bergtrikot, das er jetzt nicht mehr nur stellvertretend trägt. | Foto: Cor Vos
Und eine dieser Dynamiken in Sachen Klassements beim Giro ist eben die Sonderwertung der Red Bull Kilometer. Rubio lag in dieser vor der Etappe punktgleich mit Manuele Tarozzi (Bardiani – CSF – 7 Saber) bei je 30 Zählern an der Spitze. Jeden Tag gibt es einen Red Bull Kilometer mit 15, 8, 5, 3 und 1 Punkten für die Top 5 – zusätzlich zu 6, 4 und 2 Sekunden Zeitgutschrift für die Top 3.
Der RB—Sprint ist also für Gesamtwertungsfahrer wie Gee-West von Bedeutung, aber eben auch für diejenigen, die sich diese Sonderwertung herausgesucht haben, wie Rubio. Und weil zwei Sekunden mehr oder weniger in der Gesamtwertung nicht so viel ausmachen, ist er für die Sonderwertungsjäger wohl sogar wichtiger.
Hätte Rubio den ersten Platz von Gee-West überlassen bekommen, stünde er nun bei 46 Zählern und wäre wohl fast schon sicher durch. So aber hat er nur ein Polster von fünf Punkten auf Tarozzi und muss den Italiener in den kommenden Tagen genau im Blick behalten. Immerhin nämlich ist der Gewinn der Red-Bull-Sonderwertung in Rom 15.000 Euro wert und damit, so sehr das den Radsport-Romantikern auch weh tun wird, übrigens das Dreifache vom Bergtrikot und auch 3.346 Euro mehr als Gee-Wests fünfter Platz in der Gesamtwertung dieser Italien-Rundfahrt.