Ganz und gar nicht wie ein “Kannibale“

Vingegaard denkt beim Giro d´Italia nicht nur an sich

Von Paul Grosch

Foto zu dem Text "Vingegaard denkt beim Giro d´Italia nicht nur an sich"
Visma - Lease a Bike zeigte auch auf der Königsetappe eine starke Teamleistung | Foto: Cor Vos

29.05.2026  |  (rsn) – Mit zwei Wünschen ging Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike) in die Königsetappe des Giro d’Italia. Eineinhalb gingen in Erfüllung. Sepp Kuss bekam die Freiheit, seine Serie von jeweils mindestens einem Etappensieg bei jeder Grand Tour zu vervollständigen, Davide Piganzoli eroberte zwar das Weiße Trikot des besten Jungprofis nicht, konnte aber seinen Rückstand zum aktuellen Träger Afonso Eulalio (Bahrain Victorious) zumindest halbieren. Vingegaard selbst verteidigte seine Gesamtführung souverän.

Bereits in der Mixed Zone vor dem Start der 19. Etappe sprach Vingegaard mehr über das, was er für seine Teamkollegen möchte, als über seine eigenen Ziele. “Ich würde es sehr gerne sehen, wenn meine Teamkollegen eine Etappe gewinnen würden. Sowohl Sepp als auch Davide. Das perfekte Szenario wäre, wenn Sepp die Etappe gewönne und Davide in das Weiße Trikot führe“, sagte er bei Eurosport.

Der Däne schien kein Interesse daran zu haben, die sechs Etappensiege seines Konkurrenten Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) bei dessen Giro-Triumph im Jahr 2024 einzustellen. Der Slowene wird oft mit dem Belgier Eddy Merckx, Spitzname “Der Kannibale“, verglichen, weil er praktisch alles gewinnen will. Vingegaard zeigt sich bei seiner ersten Italien-Rundfahrt aber großzügiger.

Teamplan geht voll auf

Hinter seinen Wünschen steckte laut Vingegaard auch ein Plan des Teams. “Falls sich die Gruppe des Tages am ersten Anstieg bilden sollte, war es unser Plan, dass Sepp in dieser Gruppe sein soll“, erklärte der Träger des Maglia Rosa nach der Etappe.

Die Ausreißergruppe war auf den ersten 50 flachen Kilometern umkämpft. Immer wieder gab es Attacken. Kuss profitierte schließlich davon, dass Lidl – Trek für den neuen Bergkönig Giulio Ciccone einen ähnlichen Plan hatte. Der Italiener griff am Passo Duran an und konnte sich mit einigen Fahrern absetzen, darunter auch Kuss.

“Sogar heute musste ich ihm sagen, dass er für sich selbst fahren kann“

Auch Marc Reef sprach vom durchdachten Plan des Teams. “Wir wussten, dass er die Möglichkeit bekommen würde, falls die Situation es zuließe“, sagte der Sportliche Leiter im Ziel. Die endgültige Entscheidung fiel aber erst unterwegs. “Wir mussten uns festlegen, ob wir für Jonas fahren oder für Davide und das Weiße Trikot. Sepp war natürlich vorne, hatte aber vor dem letzten Anstieg eine Minute Rückstand auf Ciccone.“

Schließlich bekam Edelhelfer Kuss freie Fahrt. “Sogar heute musste ich ihm sagen, dass er für sich selbst fahren kann“, sagte Vingegaard. “Er verdient es. Er hat mir gesagt, dass er selbst nicht mehr daran geglaubt hat. Jetzt hat er seine Karriere praktisch vervollständigt.“

Kuss ist normalerweise Vingegaards wichtigster Helfer in den Bergen und wäre in einem anderen Team wohl der unangefochtene Chef. Auch Vingegaard erkennt den Dienst des Amerikaners an. “Er war immer für mich da. Er bittet nie um etwas. Dass ich ihm jetzt die Möglichkeit geben konnte, freut mich. Er ist einfach so ein großartiger Mensch“, sagte Vingegaard im Ziel.

Piganzoli nähert sich dem Weißen Trikot

Auch sein junger Teamkollege Piganzoli profitierte von der Rennsituation am letzten Anstieg. Während Kuss Zeit auf Ciccone gutmachte und ihn schließlich überholte, hielten er und Vingegaard in der Gruppe der Klassementfahrer die Füße still. Als Felix Gall (Decathlon – CGA – CGM) attackierte, fiel der Italiener etwas zurück. Doch Eulalio war schon auf den ersten Metern abgehängt worden. Im Ziel landete Piganzoli dann auf dem achten Platz und war damit der viertbeste Fahrer aus dem ehemaligen Hauptfeld.

Seinen Rückstand auf den Portugiesen im Kampf um das Weiße Trikot konnte er mehr als halbieren. "Ich habe wieder eine Minute gutgemacht. Morgen ist die letzte Chance, also werden wir es erneut versuchen. Ich fühle mich noch immer richtig gut“, sagte der Italiener im Ziel.

Möglicherweise erfüllt sich so auch Vingegaards zweiter Wunsch dann doch noch. Nach dem Etappensieg von Kuss und mit Vingegaards komfortablem Vorsprung im Gesamtklassement könnte das Team sich am letzten Tag in den Bergen voll auf das mögliche Weiße Trikot von Piganzoli konzentrieren. Auf dem Weg nach Piancavallo ist noch alles möglich.

RADRENNEN HEUTE

    Radrennen Männer

  • Peace Race (2.2u, CZE)
  • Alpes Isere Tour (2.2, FRA)
  • Tour of Japan (2.2, JPN)
  • Boucles de la Mayenne (2.Pro, FRA)
  • Tour of Norway (2.Pro, NOR)