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31.05.2026 | (rsn) - Obwohl Max Walscheid mit seiner Prognose falsch lag, kam er im Interview nach dem Zieleinlauf der letzten Etappe des Giro d’Italia aus dem Grinsen gar nicht mehr raus. Den angekündigten Sprintsieg holte die deutsche Mannschaft Lidl - Trek nämlich nicht wie nach dem Zeitfahren angekündigt bei der nächsten, sondern erst bei der übernächsten und letzten Möglichkeit. Den Fahrern war deshalb aber wohl umso mehr zum Feiern zumute.
Immerhin hatte man einen schlagkräftigen Sprintzug und mit Jonathan Milan einen der endschnellsten Männer des Pelotons im Gepäck. Der Etappensieg wollte bei dessen Heimrundfahrt jedoch erst auf den letzten Drücker gelingen.
“Am Ende des Tages können wir sagen, dass wir es auf einigen Etappen hätten besser machen können. Aber das Wichtigste ist, dass wir immer unser Bestes geben. Wir waren immer vorne, haben gekämpft und versucht, das große Ziel zu erreichen. Mit Derek und Cicco haben wir tolle Ergebnisse erzielt und uns fehlte nur noch der Sieg. Ich bin superfroh, dass ich es heute geschafft habe, nachdem ich hier in Rom vorher nie was erreicht habe", freute sich der Etappensieger Milan in der Ewigen Stadt. ___STEADY_PAYWALL___
Fast noch mehr in Feierlaune zeigte sich allerdings sein Sprintzug und dabei besonders die deutschsprachige Fraktion. Auf die Frage nach der Abendgestaltung erwiderte Walscheid schlicht "Viel Bier", und Teamkollege Tim Torn Teutenberg ergänzte mit "noch mehr Bier".
Die Mannschaft verdiente sich die Feierlichkeiten immerhin auch mit einem perfekt orchestrierten Finale. Der Attacke von Filippo Ganna (Netcompany - Ineos) 18 Kilometer vor Schluss folgte Matteo Sobrero und ersparte seinem Team damit die Nachführarbeit. Als die Angreifer drei Kilometer vor dem Ziel durch die Unibet – Rose Rockets gestellt waren, setzte sich Sobrero an die Spitze des Feldes und brachte dieses mit knapp 60 km/h auf die letzten 1,8 Kilometer, wo Teutenberg für die nächsten 500 Meter übernahm und auf 65 km/h beschleunigte.
Jonathan Milan gewinnt den Sprint in Rom – und zwar deutlich! | Foto: Cor Vos
Ihn löste vorne im Wind dann aber nicht Walscheid ab, denn wegen eines Defekts am Rad von Simone Consonni wurde der Heidelberger zum letzten statt vorletzten Anfahrer von Milan und so wäre der Weg noch zu weit gewesen. Stattdessen überließ Walscheid die Spitze dem Soudal-Sprintzug und sortierte sich etwas weiter hinten ein, um seinen Kapitän vor der finalen Senke 400 Meter vor dem Ziel gut positioniert an etwa fünfter Stelle an den Hinterrädern von Paul Magnier und Dylan Groenewegen abzuliefern.
Auf den leicht ansteigenden letzten 200 Metern war Milan schließlich deutlich der Schnellste und siegte mit mehr als einer Radlänge vor Giovanni Lonardi (Polti - VisitMalta) und Paul Penhoët (Groupama - FDJ United).
"Meine Teamkollegen haben das perfekt antizipiert. Die Rockets kamen ein bisschen zu früh, dann ist Sobrero nach vorne gegangen, um das Tempo hochzuhalten und danach Tim. Sie haben das perfekt gelöst, weil ich mit Johnny dahinter sitzen und ihn bis zur letzten Schikane bringen konnte. Eigentlich wollte ich dann beschleunigen und selbst ausscheren, wurde aber ein bisschen eingeklemmt. Wie auch immer, er hatte das richtige Hinterrad und soweit ich das von hinten sehen konnte, war das ein ziemlich dominanter Sprint", schilderte Walscheid am Eurosport-Mikrofon das Finale, während dem er selbst laut seinem Sportlichen Leiter Bernhard Eisel relativ laut gewesen sein soll.
Riesiger Jubel auf der Ziellinie: Nein, das ist nicht Etappensieger Milan, sondern Anfahrer Walscheid. | Foto: Cor Vos
"Max hat auf den letzten 100 Metern nur noch in den Funk gebrüllt", erzählte der Österreicher. Als Milan den Sieg dann mit deutlichem Vorsprung eingetütet hatte, brachen beim ganzen Team die Dämme – wenn auch teilweise zeitverzögert: "Es war wirklich eine Erlösung, als er über die Linie kam. Gregy (Gregory Rast, der andere Sportliche Leiter, Anm. d. Red.) wollte es erst nicht glauben, bis er es sehen konnte – und wir hatten etwa ein 40-Sekunden-Delay auf unserem TV. Über Funk haben alle schon geschrien und gejubelt, nur Gregy nicht", lachte Eisel.
"Wir haben den Druck und den Stress gespürt, die Jungs sind jedoch ruhig geblieben. Hochachtung vor der Leistung von allen heute, Sobrero muss man aber schon hervorheben", lobte er und gab den nächsten Einblick in die Partylaune bei Lidl – Trek: "Max (Walscheid) zerlegt gerade vor lauter Freude den Bus. Der feiert gerade richtig und daran sieht man auch, wie engagiert er heute in den Tag gegangen ist und was ihm dieser Sieg bedeutet."
Für die deutsche Equipe steht nach drei Wochen Italien aber nicht nur ein Etappenerfolg zu Buche. Giulio Ciccone, der als Ausreißer selbst oft um den Tagessieg kämpfte, sicherte sich die Bergwertung und Derek Gee-West landete auf dem fünften Rang in der Gesamtwertung.
Giulio Ciccone lässt sich im Blauen Trikot des besten Bergpunktesammlers dieses Giros auf dem Podium feiern. | Foto: Cor Vos
"Dieser Giro hatte alles für uns: Wir hatten das Maglia Rosa, ein Kindheitstraum für Cicco wurde da wahr. Das war ein guter Start", erinnerte Eisel außerdem an einen Teilerfolg, der nach drei Wochen aus der Außenperspektive fast in Vergessenheit geraten ist, und meinte:
"Wenn wir den Giro mit einem Etappensieg in Bulgarien begonnen hätten, wie es das Team letztes Jahr gemacht hat, dann wäre der ganze Giro sicher auch anders gelaufen. Aber wir sind letztendlich super happy mit der Ausbeute dieses Giros. Es gibt nicht viele Teams, die eine Etappe gewonnen haben und wir sind eins davon."
Neun Mannschaften waren es am Ende, die zumindest eine der 21 Etappen für sich entscheiden konnten – und kaum eine davon tanzte auf so vielen Hochzeiten, wie das deutsche WorldTeam, das den Spagat zwischen Gesamtwertung, Bergwertung, Etappenjagd mit Ausreißversuchen und einem richtigen Sprintzug wagte.
Auch wenn der Erfolg von Letzterem etwas auf sich warten ließ, kann die Mannschaft ein positives Fazit ziehen. “Ich finde, es waren großartige drei Wochen. Auch wenn wir eine Weile auf den Erfolg warten mussten, war die Stimmung immer richtig gut. Und das ist vielleicht auch der Grund, warum es heute so perfekt gelaufen ist", meinte Teutenberg. Dem Feierkommando von ihm und Walscheid dürfte das ganze Team in Rom am Abend mit gutem Gewissen Folge geleistet haben.
Jonathan Milan umarmt den Gesamtfünften Derek Gee-West. | Foto: Cor Vos