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04.06.2026 | (rsn) – Mit Lennart Jasch (Tudor) hat Deutschland seit heute einen vierten Neoprofi, doch einer der drei, die das ganze Jahr schon bei den Berufsradfahrern unterwegs sind, hat in den letzten Wochen durch konstant starke Leistungen überzeugt. An seinen letzten acht Renntagen kam er fünfmal unter die besten acht – und die Bilanz hätte sogar noch besser ausfallen können. Die Rede ist von Tobias Müller (Unibet – Rose Rockets).
Im Winter wechselte der gebürtige Hagener von Wanty – Nippo – ReUz, dem Development-Team von Intermarché – Wanty, in die zweite Division zur französischen Mannschaft von Bas Tietema. Dort trat er zunächst im Sprintzug von Dylan Groenewegen auf, der mit dem Deutschen an seiner Seite drei Siege einfuhr und dann der Kapitän bei der ersten Grand Tour des Teams werden sollte. Müller aber war für den Giro d’Italia nicht vorgesehen.
___STEADY_PAYWALL___“Selbst wenn das Team das vorgeschlagen hätte, hätte ich wahrscheinlich nicht direkt zugesagt“, sagte er gegenüber RSN. “Als Neoprofi geht es mir darum, mich auf diesem Level des Sports zu festigen. Ich habe nicht den Anspruch, direkt im ersten Jahr eine Grand Tour zu fahren. Ich hoffe, dass meine Karriere noch ein paar Jahre geht und dann werde ich hoffentlich noch genug Chancen dazu haben“, fügte er an.
Zu Beginn der Saison war Müller im Sprintzug von Dylan Groenewegen (r.) erfolgreich. Dorthin wird er demnächst auch wieder zurückkehren. | Foto: Unibet - Rose Rockets
Chancen bekam er aber nun gerade, weil er nicht in Italien dabei war. “Dadurch, dass Dylan mit dem Sprintteam beim Giro war, war es so geplant, dass ich im Mai als B-Sprinter im Team Gelegenheiten bekomme“, blickte er zurück. Fünf Tage nach Beginn der ersten dreiwöchigen Rundfahrt des Jahres trat Müller beim Circuit de Wallonie (1.1) an. Da schnitt Joren Bloem als Dritter noch besser ab, während der Nordrhein-Westfale Neunter wurde. Drei Tage später aber war er bei Rund um Köln (1.1) nicht nur vor seinem niederländischen Teamkollegen sondern als Vierter hinter den drei Ausreißern auch Bester des Feldes.
Mit diesem Ausrufezeichen im Gepäck fuhr er nach Dünkirchen, wo er bei der Classique Dunkerque (1.Pro) ebenfalls voll überzeugte. Wieder gewann ein Ausreißer bei Hundewetter, dahinter sprintete das Feld den Hügel zum Ziel hinauf und Müller kam als Gesamtfünfter an. Schon am nächsten Tag ging es bei den Vier Tagen von Dünkirchen (2.Pro) weiter – und das ebenfalls erfolgreich. Zweimal kam er unter die Besten Zehn, Platz fünf zum Abschluss verleitete den 22-Jährigen sogar zu einem wütenden Schlag auf den Lenker.
Wie eingangs erwähnt, hätte die Bilanz in Frankreich noch deutlich besser aussehen können. “Ich bin zweimal gestürzt“, erklärte Müller die beiden Sternchen hinter seinem Namen im Ergebnis. “Auf der 1. Etappe war ich gut positioniert und dann hat sich vor mir einer aufgehängt und wir sind zu Fall gekommen. Das war aber nichts Ernstes, eher ein Stolpern“, erinnerte er sich. Das zweite Sternchen auf der Pavé-Etappe war unerfreulicher. “Da bin ich zwei Kilometer vor dem Ziel auch gestürzt. Ich wurde ins Gras gedrückt und habe mich da an der Kante aufgehängt. Das war heftiger. Ich habe mir wenig getan, aber der Rahmen ist gebrochen. Es ist schade, wenn man aus fünfmal Top Ten sechs- oder siebenmal hätte machen können.“
Die Dünkirchen-Bilanz für Müller fällt zwar gut, aber nach seinem Geschmack nicht gut genug aus. Ausgangs des Roubaix-Sektor Helesmes à Wallers machte der Deutsche, der gerne auch mehr Klassiker fahren würde, noch eine gute Figur. Kurz vor dem Ziel stürzte er aber und konnte so nicht in den Sprint eingreifen. | Foto: Unibet - Rose Rockets
Im Monat Mai ist Unibet abseits des Giros also für den Neoprofi gefahren, was ungewöhnlich ist. “Ich glaube nicht, dass ich mich daran gewöhnen kann. Ich werde in den nächsten Rennen wieder für Dylan in die Helferrolle rücken“, kündigte Müller an. Man habe zwar viele endschnelle Leute im Team, aber Lukas Kubis und Matyas Kopecky seinen eher Klassikerspezialisten, Bloem für die hügeligen Rennen und der Neoprofi Karsten Feldmann ist zurzeit sehr in die Rolle des Anfahrers gerückt. “Mich wollte das Team auch mal im reinen Sprint sehen, ich glaube nicht, dass ich in der Hierarchie schon so weit nach oben gerutscht bin“, erklärte er.
Seine Ergebnisse fuhr Müller allesamt im Sprint ein – und das tat er am liebsten nach einem harten Rennen. Rein körperlich ist er weder ein Sprintschrank wie Spurtcoach Marcel Kittel noch eine muskulöse Sprintbombe wie Kapitän Groenewegen. Mit seinen 1,74 Metern Höhe und gelisteten 64 Kilogramm ist Müller für seine Spezialität eher atypisch gebaut. “Ich sehe mich auch nicht als reinen Sprinter. Ich kann gut spurten, aber wenn man mich auf Klassikerkurse schickt, komme ich da auch noch über die Anstiege. Dünkirchen und Köln hatten da das perfekte Profil.“
In Köln auf eigene Kappe: Den Sprint des Hauptfeldes gewinnt Tobias Müller vor Jordi Meeus (r.). Allerdings hatten ein paar Sekunden zuvor drei Ausreißer den Sieg unter sich ausgemacht. | Foto: Cor Vos
Doch als Neoprofi steht für Müller der Weg, den er bei den Profis einschlagen wird, noch nicht fest. “Mir wurde gesagt, dass man sich mit meinen Sprintwerten überlegen kann, ob man ein reiner Sprinter wird“, erzählte er. “Meine Werte und die Art, wie ich Sprints fahre, sind schon auf einem guten Niveau. Mir geht es aber auch darum, dass ich gerne schwere Rennen fahre – und diese körperlichen Voraussetzungen habe ich auch. Dazu habe ich das Alter, um mich ein bisschen auszuprobieren.“ Und genau das darf er bei Unibet nun tun, sowohl was die Rennen als auch was die verschiedenen Rollen betrifft.
Eine Qualität kennt Müller aber nach 19 Renntagen als Berufsradfahrer bereits: “Wenn ich merke, dass meine Gegner müde werden, drehe ich richtig auf. Meinen Sprint kann ich nach vier Stunden mit fast 100 Prozent Leistung durchziehen. Das ist die Stärke, die mich ausmacht.“ Diese Stärke darf er am Wochenende zweimal zum Einsatz bringen. Beim Heistse Pijl (1.1) am Samstag tritt Müller als Sprint-Kapitän auf, für die schwerere Brussels Cycling Classic (1.Pro) sei die Rollenverteilung noch offen – ganz im Gegensatz zur Woche darauf, denn beim Copenhagen Sprint, dem zweiten WorldTour-Rennen des Deutschen, erscheint Kapitän Groenewegen wieder auf dem Plan.