RSNplusDie scheinbar harmlose Giro-Etappe, die alles veränderte

FDJs Plan ging auf und Niedermaier bedeutet das Podium viel

Von Kevin Kempf

Foto zu dem Text "FDJs Plan ging auf und Niedermaier bedeutet das Podium viel"
Das finale Podium des Giro d´Italia Women | Foto: Cor Vos

08.06.2026  |  (rsn) - Zum Abschluss des Giro d’Italia Women (2.WWT) stand eine Etappe auf dem Programm, die auf dem Papier sogar etwas für Sprinter hätte sein können. 80 Kilometer vor dem Ziel baute sich mit dem Montoso (1.Kat) zwar eine rund 9 Kilometer lange Höchstschwierigkeit auf, danach sollte das Terrain aber nicht mehr sonderlich schwer werden. Doch alles kam anders und >a href="https://www.radsport-news.com/sport/sportnews_145672.htm" target="_blank">die Etappe stellte die Italien-Rundfahrt komplett auf den Kopf.

FDJ United – Suez hatte einen Plan – und den führte man perfekt aus. Man kontrollierte das Rennen 45 Kilometer bis zum fast 10% steilen Montoso. Dort verschärfte Vollering das Tempo und brachte die Gruppe der Favoritinnen auf sieben Fahrerinnen zurück; van der Breggen war isoliert. “Nach der Abfahrt haben sie attackiert. Ich kann nicht jeder Attacke folgen. Ich hatte heute auch nicht so gute Beine. Deswegen musste ich mich entscheiden“, sagte die Frau in Rosa am Eurosport-Mikrofon.

Folgenschwere Entscheidung

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Sie entschied sich, Niedermaier fahren zu lassen. Und Vollering ließ das geschehen. “Ich musste es riskieren, zu verlieren. Ich habe Antonia wegfahren lassen und habe zu Anna gesagt, dass ich auch mit dem dritten Gesamtrang zufrieden bin. Ob ich Zweite oder Dritte wird, macht keinen Unterschied für mich“, erzählte die Weltranglistenerste im Ziel-Interview. Niamh Fisher-Black (Lidl – Trek) und Elisa Longo Borghini (UAE – ADQ) stiegen der Deutsche nach, Femke de Vries (Visma – Lease a Bike) später ebenfalls, ohne den Anschluss zu schaffen.

Antonia Niedermaier (Canyon - SRAM) hat den Wind nicht gescheut. | Foto: Cor Vos

Van der Breggen verblieb mit Vollering und Isabella Holmgren (Lidl – Trek), die das Hinterrad der Gesamtführenden nicht verließen. Die befand sich nun in einer aussichtslosen Position, denn bis ins Ziel waren es noch rund 80 Kilometer und Niedermaier und Co. hatten bald die 1:20 Minuten Vorsprung erreicht, was bedeutete, dass die Deutsche virtuell in Front war.

Nachdem die Rosa-Gruppe kurzzeitig Verstärkung bekommen hatte, schüttelte Vollering am Colettadi Paesana (3.Kat.) alle Kontrahentinnen bis auf van der Breggen ab. Mit noch circa 70 zu fahrenden Kilometern lag dieses Duo 1:45 Minuten hinter der Spitze. Vorn machte Niedermaier den Löwenteil der Arbeit, Longo Borghini half ihr und auch Fisher-Black übernahm später einen kleinen Part. Hinten bekamen die Zwei Verstärkung von Lauren Dickson, die sich vor ihre Kapitänin Vollering setzte und das Tempo bestimmte, wobei sie einige Hilfe der beiden Niederländerinnen bekam. Am 50-Kilometer-Banner hatte sich das Verfolgertrio dem an der Spitze auf 1:30 Minuten genähert und dann auch de Vries eingesammelt.

Fünf Kilometer später stand mit dem Colletta di Brondello (3.Kat.) der letzte Anstieg der Rundfahrt auf dem Programm. Niedermaier und van der Breggen fuhren nun als einzige im Wind, wobei der Abstand stabil blieb. Ungefähr 1,5 Kilometer vor der Kuppe attackierte Vollering und ihr konnte niemand folgen. Rund 40 Kilometer vor dem Ziel lag sie aber 1:28 Minuten hinter der Spitze des Rennens. “Ich bin dann All-In gegangen. Ich wusste, dass wird das Zeitfahren meines Lebens“, blickte Vollering zurück.

Vollering kann die Lücke mühelos schließen

Es folgten rund 10 Kilometer Abfahrt, auf der ein Trio gegenüber einer einzelnen Fahrerin im Vorteil hätte sein müssen, doch Vollering flog an Niedermaier und Co. heran. Die machten keine Anstalten, die Schlagzahl zu erhöhen und wechselten sich jetzt gut ab – bei eher gemächlichem Tempo. Nach nur 12 Kilometern Verfolgung hatte Vollering die Lücke nach vorn geschlossen. Sie war jetzt virtuell Führende, denn die inzwischen demoralisierte van der Breggen lag 1:22 Minuten zurück.

Für Niedermaier hieß das, dass sie virtuell auf den zweiten Rang abgerutscht war. “Ich habe nicht zu viel daran gedacht, dass ich zwischenzeitlich virtuell die Gesamtführende war. Ich wollte einfach das Beste versuchen und dann schauen, was dabei rauskommt“, meinte sie gegenüber Eurosport. Und so fuhr die Bayerin mit Vollering am Rad weiter. “Demi hat gesagt, dass sie sich kurz erholen muss und dann führt sie mit bei uns.“

Das Quartett arbeitete gut zusammen und ließ der weiter allein fahrenden van der Breggen keine Chance. “Ich habe mich erst getraut, an das Rosa Trikot zu glauben, als wir mehr als zwei Minuten Vorsprung hatten“, sagte Vollering. “Ich hatte überall im Körper Krämpfe. 20 Kilometer vor dem Ziel habe ich gehofft, dass ich es irgendwie über die Linie schaffe. Aber die Gruppe hat wirklich gut zusammengearbeitet“, fügte sie an.

Femke de Vries (Visma - Lease a Bike) und Anna van der Breggen (SD Worx - Protime) erreichen das Ziel. | Foto: Cor Vos

Chancen auf den Tageserfolg hatte bei dieser Konstellation eigentlich nur eine Fahrerin: “Ich wusste, dass Elisa die Etappe gewinnen wird. Sie war heute einfach unglaublich stark“, urteilte Niedermaier – und sie sollte Recht behalten. Die Italienische Meisterin war schneller als Fisher-Black, Niedermaier wurde zwei Sekunden dahinter Dritte und Vollering jubelte bei der Überquerung des Zielstrichs als Vierte.

Zwei glückliche Frauen

“Es ist verrückt. Ich kann es noch nicht wirklich beschreiben. Es fühlt sich surreal an“, beschrieb die Gesamtsiegerin ihre Gefühle. “Wir haben diesen Plan bereits gestern Abend gemacht. Lars (Boom), unser Sportlicher Leiter, und Lieselotte (Decroix) sind zu uns an den Tisch gekommen und sie haben ein paar Witze gemacht, dass morgen ein langer, aber großer Tag für uns wird. Und die Mädels haben gesagt: ‘Let’s go!‘“

Niedermaier beendete den Giro als Zweite und damit als erste Deutsche seit Claudia Lichtenberg 2013 auf dem Podium. “Es bedeutet mir viel. Ich habe lange auf dieses GC-Podium gewartet“, freute sie sich zum Abschluss ihres Interviews. Die 23-Jährige hatte die Italien-Rundfahrt 2025 als Fünfte und 2024 als Sechste abgeschlossen. Das Gefühl, dass dieses Jahr sogar noch mehr als Platz zwei drin gewesen wäre, war bei ihr nicht hängen geblieben.

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