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09.06.2026 | (rsn) – Fassungslos, ratlos und fast schon hoffnungslos – Jan-Willem van Schip (Azerion – Villa Valkenburg) postete mitten in der Nacht ein Video auf seinem Instagram-Kanal. “Da sind wir wieder“, begann er seine Geschichte ironisch. Der Niederländer wurde am Sonntag auf der 4. Etappe der Ronde de l’Oise (2.2) erneut disqualifiziert und schilderte die letzten Wochen aus seiner Sicht und sein Bemühen, wie er weitere Ausschlüsse verhindern kann.
Der zweimalige Bahn-Weltmeister sitzt in einem schlecht beleuchteten Zimmer und erzählt auf Niederländisch. Seine Gedanken sind nicht sehr geordnet, er wirkt emotional. Van Schip blickt zurück auf seine Disqualifikation bei der Tour of Hellas (2.1) genau einen Monat vor jener im Norden Frankreichs. Auch diese war umstritten. Der 31-Jährige hatte seine Handgelenke auf den Lenker beziehungsweise die Bremsgriffe gelegt – so wie viele seiner Kollegen es immer wieder tun.
Er habe im Nachhinein noch versucht herauszufinden, was genau er falsch gemacht habe. “Aber das war unmöglich“, meinte van Schip resigniert. Beim Omloop der Kempen (1.2) Mitte Mai habe er deshalb vor dem Wettkampf mit der Jury besprochen, wie er fahren solle. Mit diesen Erkenntnissen wurde er dort Neunter und bei der Tour de l’Oise habe er die dortige Jury ebenfalls vor Beginn der Rundfahrt konsultiert.
“Auf der 2. Etappe war ich in der Gruppe – und ich bin genau so gefahren, wie abgesprochen. Die Kommissäre kamen aber immer wieder im Auto vorbeigefahren und filmten“, erzählte van Schip. Er habe nicht verstanden, was da passierte. Seine Ausreißerkollegen seien alle in der angeblich verbotenen Position gefahren - mit den Handgelenken auf dem Lenker. “Nach dem Rennen bekam ich dann plötzlich eine Strafe: Die Position war nicht okay“, erinnerte er sich.
Vor dem Start der nächsten Etappe sei er nochmal zur Jury gegangen und habe gefragt, was das Problem sei. Man habe ihm Bilder vom Vortag gezeigt. Auf diesen sei laut van Schip aber eine korrekte – nämlich genau die abgesprochene – Haltung zu sehen gewesen. Auch andere Fahrer hätten sich nun gewundert und ihr Unverständnis geäußert.
Diese Behauptung wird durch einige “#freewillem“-Kommentare gestützt, die Athleten, die ebenfalls vor Ort waren, unter den betreffenden Beitrag gepostet haben. Der Hashtag ist eine Anlehnung an den Kinofilm Free Willy aus dem Jahr 1993.
Eine anonyme Quelle berichtet gegenüber RSN, dass van Schip am dritten Tag des Rennens noch kurz vor dem Start in Freizeitkleidung im Startbereich unterwegs gewesen sei. Demnach sei nicht klar gewesen, ob er überhaupt wieder starten dürfe oder wolle. Das Teilstück beendete er dann aber ohne Zwischenfälle.
Auf der 4. Etappe fuhr van Schip wieder in die Gruppe des Tages. Als ein Jurymotorrad vorbeigekommen sei, habe er sich erkundigt, ob er alles richtig mache. “Ist das so okay? Dann fahre ich den ganzen Tag so!“ Kurz danach sei der Kommissär “ausgeflippt“. Der Fahrer habe nicht verstanden, was überhaupt los sei. “You are out of he race“, habe der Kommissär gesagt. Das Problem sei eine leere Flasche gewesen, die sich van Schip vorn – was verboten ist - unter sein Trikot gesteckt hatte. Weil er “mitten im Nirgendwo“ unterwegs gewesen sei, habe er die Flasche nicht einfach wegwerfen können. Er habe dem Jury-Mitglied sogar noch angeboten, sie bei ihm abzugeben.
Van Schip wollte die Disqualifikation nicht akzeptieren. “Ich bin einfach weitergefahren. Aber irgendwann kamen sie hupend zurück. Ich sagte, dass ich rausgehe, wenn sie mir die betreffenden Regeln zeigen. Das ging eine Zeit lang so weiter und ich dachte nur, dass das nicht wahr sein kann. Irgendwann kam ein Motorradfahrer neben mich und sagte, dass ich jetzt echt aufhören muss. Da habe ich angehalten. Dann kam die Jury noch vorbei und drohte, dass ich den Rest meines Lebens nie wieder ein Radrennen fahren werde und dass ich jetzt aufgeben soll. Ich musste aufgeben“, berichtete der KT-Fahrer mit einem tiefen Seufzer.
Unsere anonyme Quelle hatte die Szene vor Ort zumindest teilweise beobachtet. “Die UCI hat van Schip aufgefordert anzuhalten und es wurde auch im Funk durchgesagt. Er ist in der Spitzengruppe vorn weitergefahren wie ein Motorrad“, erzählte die Person. Das Motorrad, das den Fahrer letztendlich aus dem Rennen nahm, sei demnach kein gewöhnliches gewesen, sondern eines der Polizei. Wie Aufnahmen auf Instagram zeigen sollen, wurde im Rennradio mehrmals durchgesagt, dass Nummer 31 - van Schip – sich weigere, die Strecke zu verlassen, er aber disqualifiziert sei. In dem Audiofragment wird der Einsatz der Gendarmerie angekündigt.
Van Schip habe zunächst am Wegesrand gestanden und sich dann hingelegt, wie Bilder in einem Instagram-Post zeigen. “Da wurde es mir kurz zu viel. Da ging es mir nicht gut“, gab der Azerion-Athlet zu. Die Instagram-Bilder zeigen auch, wie sich in diesem Moment ein Polizist über den Niederländer beugt. “Das sah für mich so aus, als wolle er um Hilfe rufen“, beschrieb unsere Quelle die Szene und stellte klar: “Das war jedenfalls nicht aggressiv."
Zurück zu den letzten Sekunden von van Schips Instagram-Video: “Wieder disqualifiziert.“ Van Schip lacht. “Ich weiß es nicht, man. Ich tue, was ich kann.“ Wieder macht er eine lange Pause. Er atmet hörbar aus, schaut ins Leere, in alle Richtungen, weg von der Kamera. “Es ist wirklich traurig. Es ist wirklich sehr traurig.“ Dann stoppt die Aufnahme.
RSN fragte die Quelle nach einer Meinung zur Disqualifikation. Weder zur Haltung noch zu der Flasche oder den Flaschen, die in diesem Fall zu den Strafen führten, konnte sie konkrete Aussagen machen. Allgemeiner fiel der Person aber schon ein Trend auf: “Es gibt Fahrer, die eher das Interesse der UCI auf sich ziehen und auch für Themen bestraft werden, mit denen andere durchkommen. Und er steht ganz sicher oben auf der Liste. Es hängt auch immer vom UCI-Kommissär ab. Auch die UCI arbeitet mit Menschen. Im Fußball ist es ähnlich beim Handspiel im Strafraum: Der Eine pfeift, der andere nicht.“
Die Quelle zeigte sich besorgt, wie van Schip den Fall medial nutzen könnte. “Ich hatte befürchtet, dass er die Situation mit dem Polizisten im Feld größer machen würde. Polizei, du liegst am Boden – wir wissen alle, was daraus gemacht wird“, sagte sie. Aus dem Peloton erhält der Niederländer zumindest teilweise Unterstützung. “Es gibt da schon Aussagen von Fahrern, die sagen: ‘Jetzt lasst doch den Jungen in Ruhe!‘"
Sich ein objektives Bild von der Situation zu machen ist letztendlich unmöglich. Video-Aufnahmen von der Ronde de l'Oise – geschweige denn von den betreffenden Situationen – gibt es nicht. Auch ein Statement der UCI liegt bisher nicht vor.