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04.07.2026 | (rsn) – Man soll ja nicht immer alles glauben, was man so hört. Im Vorfeld der 113. Tour de France und besonders des Auftakt-Teamzeitfahrens von Barcelona wurde in den (Rad-)Sportmedien viel über das angeblich neue Zeitnahmeformat philosophiert.
Jeder Fahrer wird am Samstagabend seine tatsächlich erzielte Zeit bekommen und jenes Team feiert den Etappensieg, dessen bester Fahrer am schnellsten im Ziel ist – im Gegensatz zur alten Formel mit Zeitnahme beim Überqueren der Ziellinie mit dem vierten oder früher sogar fünften Fahrer einer Mannschaft.
Das angebliche Format wird auf vielen Kanälen diskutiert (und kritisiert) - doch nicht alle, die sich an diesen Diskussionen beteiligen, scheinen sich mit der Materie intensiver auseinandergesetzt zu haben.
Dabei ist dieses Zeitnahmemodell überhaupt nicht neu! Seit 2023 benutzt Tour-Veranstalter ASO das Format bereits jedes Jahr bei Paris-Nizza und auch bei der Tour Auvergne-Rhone Alpes kam es im Juni zum Einsatz. Abseits von Grand Tours und WorldTour-Rennen gab es die Idee bei kleineren Rennen auch vor Jahrzehnten schon mal.
Aber so ist das eben, wenn die Tour ansteht und plötzlich viele mitreden wollen und sollen, die sich offensichtlich sonst nicht so wirklich mit Themen wie diesem beschäftigen.
Wer das dagegen tut, der weiß: Es sind tatsächlich verschiedene Szenarien möglich, wie die Fahrer am Samstag am Olympiastadion von Barcelona auf dem Montjuic ankommen: allein, zu zweit, zu dritt oder sogar zu viert? Seit Einführung des Formats am 7. März 2023 hat man Mannschaften mit all diesen vier Optionen bereits ein ASO-Teamzeitfahren gewinnen sehen. Entscheidend ist eher die Strecke.
Allerdings: Bei keinem der fünf 'Testläufe' war das Finale so schwer wie nun beim Tour-Auftakt mit zunächst 1,1 Kilometern bei 5,1 Prozent hoch auf den Olympiaberg und nach kurzer Zwischenabfahrt ums Stadion herum noch einmal 800 Metern bei 7 Prozent auf der anderen Seite hinauf zum Zielstrich. Es scheint also naheliegend, dass am Ende alle einzeln ankommen, weil an der letzten Rampe bergauf gesprintet wird.
Auf den flacheren ersten 15 Kilometern durch Barcelona werden die Teams ein regelrechtes Leadout fahren, bevor dann die bergfesteren Fahrer auf den letzten knapp vier Kilometern alles geben. Spannend ist dabei auch, dass Teams mit nomineller Doppelspitze, wie etwa Red Bull – Bora – hansgrohe um Florian Lipowitz und Remco Evenepoel, durch das Format gleich beim Auftakt einen Zeitunterschied zwischen ihre beiden Leader bekommen dürften – wenn auch wahrscheinlich keinen besonders großen.
"Es ist Sport und dann ist es auch in der Natur der Sache, dass einer zuerst über den Zielstrich fahren muss. Man kann nicht gemeinsam fahren. Wer den besseren Tag hat, der soll es machen. Uns ist es total egal", sagte RB-Teamchef Ralph Denk radsport-news.com zur Marschrichtung beim deutschen WorldTour-Rennstall für den Auftakttag, an dem man auch bei Red Bull natürlich vom Gelben Trikot träumt.
Um 18:40 Uhr und 18:45 Uhr gehen die beiden deutschen Teams Lidl – Trek und Red Bull – Bora – hansgrohe als viert- beziehungsweise drittletztes in Barcelona auf die Strecke. Danach folgen noch Visma – Lease a Bike und UAE – Emirates – XRG. Es wird also bis etwa 19:17 Uhr dauern, bis die Sieger und der erste Träger des Maillot Jaune bei der 113. Tour de France feststehen.
Interessant wird auch, wie diejenigen Teams, die viel im Windkanal oder auch auf Rennstrecken getestet haben – beispielsweise teilweise auch zuletzt in dieser Woche auf der F1-Strecke, dem Circuit de Catalunya - das Rennen sonst noch angehen: Per Tour-Reglement ist ausdrücklich erlaubt, dass die Mannschaften von ganzen drei Team-Fahrzeugen begleitet werden, die jeweils mindestens 25 Meter hinter den Fahrern fahren müssen.
Aerodynamisches "Anschieben" könnte also eine Rolle spielen und die Jury wird ganz genau darauf achten müssen, dass diese 25 Meter auch wirklich immer eingehalten werden.
Abschließend noch ein Detail, das sicher dem einen oder anderen am Samstag auch noch zur Stolperfalle werden könnte, wenn die Siegerehrung ansteht und eventuell ein Fahrer ein Wertungstrikot überstreift, mit dem man gar nicht gerechnet hatte. Denn: Neben dem Gelben Trikot des Gesamtführenden und dem Weißen Trikot des besten Nachwuchsfahrers werden zudem das Grüne und das Gepunktete Trikot nach Etappe 1 bereits vergeben, auch wenn es weder für die Punkte- noch für die Bergwertung bereits Punkte gibt.
Das Bergtrikot bekommt am Samstagabend derjenige Fahrer, der den Anstieg zum Ziel am schnellsten hinaufgefahren sein wird. Und das Grüne Trikot bekommt der Fahrer, der bei der ersten Zwischenzeit nach 5,1 Kilometern am Carrer de Llull die schnellste Zeit zu Buche stehen hat.
Entgegen aller Kritik und auch Polemik finde ich, dass das Format durchaus gefallen kann. Es hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass es noch mehr Dynamik und taktische Tiefe ins Mannschaftszeitfahren bringt - und nebenbei sortiert es die Gesamtwertung schon vor, so dass nicht wie früher fünf Mann eines Teams für mehrere Tage an der Spitze stehen.