RSNplusZimmermann über Teamkollegen: “Dafür lebt er“

“Glückspilz“ Veistroffer fehlte nach Soloritt der Respekt des Feldes

Von Sebastian Lindner

Foto zu dem Text "“Glückspilz“ Veistroffer fehlte nach Soloritt der Respekt des Feldes"
Bapauf der 5. Tour-Etappetiste Veistroffer (Lotto – Intermarché) | Foto: Cor Vos

08.07.2026  |  (rsn) – Es ist alles eine Frage des Standpunktes. Die ASO als Tour-Veranstalter dürfte froh gewesen sein, dass es wenigstens einen Ausreißer gab, der die 5. Etappe belebte. Fast das gesamte Peloton war dankbar, dass es nur dieser eine war, damit dieser fünfte Tour-Tag kein Rennen am Limit wurde. Und dann war da noch Baptiste Veistroffer (Lotto – Intermarché), der Protagonist des Tages höchstselbst. Er fühlte sich “als Glückspilz, das heute machen zu dürfen“.

“Das“ war in diesem Fall eine Soloritt über 144 Kilometer, der begann, als Tour-Direktor Christian Prudhomme am scharfen Start die Flagge schwenkte und 14 vor Ziel endete, als ihn das Feld wieder stellte. 144 Kilometer, teils bei leichtem Gegenwind, allein auf weiter Flur, mit einem Schnitt von mehr als 44 km/h. ___STEADY_PAYWALL___

“Als Franzose auf französischen Straßen eine Etappe anzuführen, ist eine großartige Möglichkeit, aus der man das Beste rausholen muss“, sagte er bei Eurosport nach seiner unglaublichen Energieleistung. “Ich wollte mir heute selbst eine kleine Freude bereiten“, erklärte der 26-Jährige bereits zuvor im Flash-Interview und fuhr fort: “Ich habe den ganzen Tag genossen. Es ist eine große Chance für mich, auch wenn ich am Ende kein Ergebnis einfahren konnte. Das hier ist die Tour de France. Ich bin stolz, so etwas auf französischen Straßen mit dem französischen Publikum beim größten Rennen der Welt mit so viel Applaus und Zuspruch machen zu dürfen. Jede Stadt, jeder Ort ist geschmückt. An allen Häusern sind Blumen angebracht. Die Leute machen an der Straße Picknick. Als Franzose ist es eine Quelle des Stolzes.“

Trotz gescheiterter De-Lie-Rettung noch voller Energie

So, wie es aus ihm heraussprudelte, hatte der Lotto-Profi, der seit 2025 im Lotto-Team ist und zuvor im Devo-Team von Decathlon aktiv war, sein Pulver trotz des langen Tages noch nicht komplett verschossen. Dabei “war ich schon an den ersten zwei Tagen (nach dem Mannschaftszeitfahren) in der Fluchtgruppe – aber hinter dem Feld, um meinen Kapitän zu retten“, lachte er. Arnaud De Lie, der für Lotto in den Sprints Zählbares erreichen sollte, ging mit gesundheitlichen Problemen in die Tour, bekam die aber im Laufe des schwierigen Grand Départ nicht gelöst und musste schließlich aufgeben. Veistroffer hatte vergebens gekämpft.

Baptiste Veistroffer (Lotto – Intermarché) wurde als Kämpferischster Fahrer der 5. Tour-Etappe geehrt. | Foto: Cor Vos

Viele würden das auch über seine Flucht zwischen Lannemezan und Pau sagen. Doch er selbst sieht es ganz anders, schließlich wurde er dafür zum Kämpferischsten Fahrer erklärt, wodurch er nach dem Rennen auf dem Podium Teil der Siegerehrung war. “Es war ein Traum, bei der Tour auf das Podium zu steigen. Das ist für viele Fahrer ein Traum. Nicht nur die Profis, sondern auch Amateure, alle Kategorien. Das ist die Tour de France. Es gibt nichts Besseres als die Tour. Ich bin sehr stolz darauf", erzählte er.

Sein ganzes Team war es, wie auch Mannschaftskollege Georg Zimmermann später in der ARD sagte: “Das war so abgesprochen. Dafür brennt er, dafür lebt er, es ist genau seine Disziplin. Er hat es super gemacht.“

“Habe nicht verstanden, warum sie mir nur drei Minuten gaben“

Und doch schwang bei Veistroffer selbst neben all dem Stolz und Glück auch ein anderes Gefühl mit. “Ich habe ehrlicherweise nicht verstanden, warum sie mir nur drei Minuten Vorsprung gegeben haben“, sagte er. Nur anfangs, als sich die Nachführarbeit durch Alpecin – Premier Tech und Soudal – Quick-Step erst noch sortieren musste, tendierte die Uhr kurz Richtung vier Minuten. In der Folge blieb die Leine aber kurz. “Da hat ein bisschen der Respekt gefehlt“, moserte er. “Ich war allein.“ Dass es so war, kam ihm schließlich zwar auch zu Pass. “Aber wenn man das Rennen respektieren will, muss man alles reinwerfen. Deswegen war ich enttäuscht, dass sich niemand mir angeschlossen hat.“

Das Streckenprofil der 4. Etappe der Tour de France | Foto: Veranstalter

Es scheint kaum vorstellbar, dass es die letzte Chance für Veistroffer, der im Saisonverlauf schon mehrfach mit langen Fluchtversuchen auffiel, gewesen sein könnte, sich zu präsentieren und der Tour die Ehre zu erweisen, wie es sich für einen traditionsbewussten Franzosen gehört. Ohne klaren Kapitän, ohne echten Sprinter – wenngleich Huub Artz in Pau auf Rang vier sprintete – oder aussichtsreichen Klassementfahrer – Lennert Van Eetvelt hat bereits zwei Minuten Rückstand auf Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) – bleibt Lotto nur die Flucht, um irgendwie Erfolge einfahren zu können.

 “Ich weiß nicht, wie oft ich noch in die Ausreißergruppe gehe. Ich werde ein bisschen selektieren müssen. Aber mit den Form und den Beinen, die ich habe, glaube ich, dass ich wirklich etwas erreichen kann", kündigte Veistroffer schon mal weitere Offensivaktionen an.

Teamkollege Georg Zimmermann war voll des Lobes über Veistroffers Leistung. | Foto: Cor Vos

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