Rundumschlag am Ende der 6. Tour-Etappe

Evenepoel kritisiert Lipowitz für fehlende Hilfe

Von Matthias Seng

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Remco Evenepoel ackerte im Schlussanstieg der 6. Etappe nahezu allein und vergeblich bei der Jagd auf Jonas VIngegaard. | Foto: Cor Vos

09.07.2026  |  (rsn) – Remco Evenepoel (Red Bull – Bora – hansgrohe) war sauer. Und zwar so richtig. Nicht auf sich selbst. “Es lief ganz gut. Ich habe getan, was ich konnte“, sagte er nach der 6. Etappe der Tour de France dem belgischen TV-Sender Sporza. Zwar konnte er am Tourmalet weder Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) und  Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike) noch seinem Teamkollegen Florian Lipowitz folgen. Aber das war auch nicht zwingend der Plan. “Ich hatte jedenfalls nicht vor, oben am Tourmalet in den Roten Bereich zu gehen, denn es stand noch eine lange Abfahrt bevor", erklärte der Belgier.

Auf der sollte er dann auch wieder zu Lipowitz, Isaac Del Toro (UAE – Emirates – XRG) und Paul Seixas (Decathlon – CMA CGM) aufschließen. Sein Plan ging zunächst also auf. Doch der Rest der Etappe, die 18 Kilometer Schlussanstieg nach Gavarnie-Gèdre, sagten Evenepoel überhaupt nicht zu. Dabei war es eigentlich genau sein Terrain – eine leichte Steigung, die sich mit viel Power wegtreten lässt. 

Evenepoel selbst tat das auch, schließlich war Vingegaard nur etwa eine halbe Minute voraus. Die Chance, den allein kämpfenden und durchaus angestrengt dreinblickenden Dänen mit einer Acht-Mann-Gruppe, zu der auch Lenny Martinez (Bahrain Victorious), Juan Ayuso und Mattias Skejlmose (beide Lidl – Trek) und Sepp Kuss (Visma - Lease a Bike) gehörten, zurückzuholen, war durchaus gegeben.

Doch Evenepoel war lange Zeit der Einzige, der daran Interesse zu haben schien. Meistens war er an der Spitze zu sehen, Aufforderungen an die anderen, sich an der Nachführarbeit zu beteiligen, liefen sichtlich ins Leere. “Ich verstehe, warum Del Toro und Sepp Kuss nicht mitgeführt haben, aber Lidl - Trek hatte zwei Fahrer da und sie wollten nicht sofort mitarbeiten. Ich dachte: ‘Was habt ihr zu verlieren? Wenn wir zusammenarbeiten, können wir Jonas vielleicht einholen.‘“

Keine Bonussekunden nach starker Arbeit am Schlussanstieg

Aber daraus wurde nichts. Ayuso ließ sich jedenfalls nur zu ein paar Alibi-Führungen hinreißen. “Ein paar Fahrer wollten wieder einfach nur lutschen“, wurde der dreimalige Zeitfahr-Weltmeister deutlich. Auch der 19-jährige Seixas wirkte anfangs zögerlich, ging später aber auch mit durch. Irgendwann legte ihm Evenepoel einen Arm auf die Schulter. “Gab es ein Problem zwischen uns? Nein, ich hatte ihn missverstanden. Er sagte auch, er verstehe nicht, warum einige Fahrer einfach nicht mitarbeiten. Ich sagte ihm, dass dies die Tour sei und dass es nicht das letzte Mal sein würde.“

Genauso selten wie Lidl – Trek ließ sich allerdings auch Teamkollege Lipowitz vorne sehen. Vor allem im absoluten Finale stieß das Evenpoel dann sauer auf. Denn der 26-Jährige hatte noch Pläne, wollte wenigstens die Bonussekunden für Rang drei abstauben, vielleicht sogar noch ein kleines Loch reißen. Dass er am finalen Berg der Stärkste aus der Verfolgergruppe war, war jedenfalls recht offensichtlich. Doch auch das ließ sich nicht in Zählbares umsetzen 

Im Sprint um Rang drei musste er sich dem ausgeruhten Del Toro geschlagen geben. Als mindestens Mitschuldigen daran machte Evenepoel seinen vier Monate jüngeren Teamkollegen aus. “Ich habe um einen Leadout gebeten und keinen bekommen“, sagte er Sporza. “Ja, ich war wütend, und das zu Recht. Bei der Katalonien-Rundfahrt bin ich 30 Kilometer lang für ihn im Wind gefahren. Ich habe um nur einen Kilometer Arbeit an der Spitze gebeten, und das ist nicht passiert. Das hat mich wütend gemacht, und das muss heute Abend richtig besprochen werden", kündigte er an.

Nur eine Überreaktion oder tiefer sitzender Ärger?

Der Beschuldigte wusste derweil in einem mit der ARD fast zeitgleich geführten Interview nichts von Evenepoels Ärger, sprach pflichtbewusst von einer “Top-Teamvorstellung“, nachdem er zuvor darauf verwiesen hatte, in der Dreiergruppe mit Seixas und Del Toro nicht mehr mitgearbeitet zu haben, “weil ich Remco hinten habe“. Ganz den Tatsachen entsprach das allerdings nicht. Zwar hielt sich Lipowitz in der Abfahrt zurück, doch direkt nach der Bergwertung des Tourmalet beschleunigte er schon noch mal. 20 Sekunden war Evenepoel da nur weg. Und auf im Anstieg zuvor hing er nicht nur am Hinterrad von Seixas.

Wie dick die Luft bei Red Bull wirklich ist, werden die nächsten Tage zeigen. Vor allem die noch anstehenden Bergetappen. Dass Evenepoel ab und zu impulsiv wird, ist bekannt. Gut möglich, dass es nur eine erste Überreaktion war, die ihn zu den Aussagen trieb. Dass der Stachel der Doppelspitze, in der er möglicherweise sogar nur Plan B ist, tief sitzt, ist aber ebenso denkbar. 

So oder so werde die Aussagen bei der Teamleitung nicht gut ankommen. Denn es wäre genauso gut möglich, dass Lipowitz vom Sportlichen Leiter Patxi Vila die Ansage bekam, auf keine Weise Energie zu verpulvern. Eine Entzweiung innerhalb des Teams können sich aber weder Evenepoel noch Lipowitz im ohnehin schon engen Rennen um Rang drei leisten.

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