RSNplusBelgier gewinnt und trauert um einen Freund

Tour-Tag der Tränen für Merlier

Von Tom Mustroph in Bordeaux

Foto zu dem Text "Tour-Tag der Tränen für Merlier"
Tim Merlier (Soudal - Quick-Step) zeigte eine ungewöhnliche Jubelgeste. | Foto: Cor Vos

10.07.2026  |  (rsn) – Es war ein in mehrfacher Hinsicht bedeutender Tag für Tim Merlier (Soudal - Quick-Step). Sein Team hatte in dieser Saison noch nicht superviel gewonnen, zumindest wenn man die Bilanz vom jungen Sprinter Paul Magnier abzieht. Bei der Tour de France 2026 stand in der Rubrik Etappensieg noch immer eine Null. Und das bei dem einst weltbesten Team für Sprints und Klassiker.

Zudem hatte Merlier auf der Tourmalet-Etappe am Vortag noch seinen etatmäßigen Anfahrer Bert Van Lerberghe verloren. "Ohne Bert war es ein bisschen schwierig. Das habe ich schon gemerkt. Mit seinen breiten Schultern schafft er oft leicht Platz“, sagte er schmunzelnd auf der Pressekonferenz.

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Gerade in der wilden Hetzjagd der letzten fünf Kilometer in Bordeaux hätte er ihm gut helfen können. "Es war ein Chaos, um in Position zu kommen“, schilderte Merlier das Finale. Seinen Ersatzanfahrer Jasper Stuyven verlor er im Gedränge. "In dem Moment habe ich mir gesagt: 'Okay, jetzt bin ich hier im Casino, sie rempeln mich überall weg, ich muss zu Jasper zurück.'“ Das gelang Merlier dann auch. Die beiden belgischen Landsleute nahmen wieder Fühlung auf. Viel leichter wurde es aber nicht.

Rempeleien am Garonne-Ufer

Merlier, bekannt für seine saubere und elegante Fahrweise, meinte verdrossen: "Auf den letzten 600 Metern wurde wieder viel gerempelt.“ Dann musste er noch mit dem Hindernis Fernando Gaviria (Caja Rural - Seguros RGA) umgehen: "Ich glaube, Gaviria war immer noch auf der Innenbahn. Deswegen war ich ein bisschen mehr im Wind. Dann musste ich zurück ans Hinterrad fahren, um wieder etwas Windschatten zu bekommen.“ All das war letztlich aber nur Brennstoff für das Motivationsfeuer, das in ihm brannte. "Da habe ich mir gesagt: 'Jetzt kämpfen bis zum Ziel!'“ Das machte er auch. Er löste sich aus dem Schatten von Gaviria, setzte durch die Verzögerung den Sprint etwas später an als gewohnt, was vielleicht sogar sein Glück war.

Bordeaux ist eine gute Adresse für Sprinter | Foto: Cor Vos

"Ich bin dann losgesprintet, einfach nach Gefühl. Glücklicherweise hatte ich die Beine. Und jetzt bin ich happy, dass ich mir den Sieg holen konnte." Der zum Anfahrer umfunktionierte Klassikerspezialist Stuyven sah die Sache gegenüber Sporza so: “Ich habe ihn für eine Weile aus den Augen verloren, aber plötzlich war er da. Da wusste ich, dass ich mit ihm voll durch den Wind fahren musste. Bei einem Finish wie diesem zeigt er, warum er der Beste ist.“

Strahlende Krönung einer Problemsaison

Was jetzt wie eine völlig logische Siegergeschichte klingt, ist allerdings nur das glückliche Ende einer von Problemen überschatteten Saison. "Es war natürlich ein schwieriger Start. Es hat ein bisschen genervt, dass ich meine Saison nicht so starten konnte wie normalerweise“, spielte er auf seine Kniebeschwerden zu der Zeit an. Ich habe zwei Monate Wettkampf verpasst im Vergleich zu den anderen Fahrern. Es ist dann immer etwas furchteinflößend, hierher zu kommen“, spielte er auf das hohe Niveau bei der Tour de France an.

Allerdings hielt sich Merlier nach seinem Wiedereinstieg gut. Er gewann sofort den Scheldepreis (1.Pro), holte sich weiteres Selbstbewusstsein mit Siegen bei der Tour de Hongrie (2.Pro) und der Belgium Tour (2.Pro). Dort setzte er sich unter anderem gegen den Sieger der ersten Tour-Etappe, Olav Kooij (Decathlon - CMA CGM) und gegen Top-Sprinter Jasper Philipsen (Alpecin - Premier Tech) durch. Seine Sprintfähigkeiten hatte Merlier trotz aller Rückschläge also nicht verloren.

Mentale Last drückte dennoch auf seinen Schultern. Von der befreite er sich in Bordeaux. Deshalb auch die spezielle Siegergeste beim Passieren des Zielstrichs. "Die gleiche Geste machte unser CEO Jurgen Foré nach dem Mannschaftsmeeting vor der 1. Etappe in Barcelona. Er meinte damit, dass ich etwas zu viel Druck auf meinen Schultern habe“, erzählte Merlier. Teamboss Foré darf man also ein glückliches Händchen beim Lösen mentaler Probleme attestieren. Das ist hohe Kunst von Führungspersönlichkeiten.

Sprinterhauptstadt Bordeaux

Ein anderer Leitwolf im Quick-Step-Rudel war vor allem über den Ort des Siegs von Merlier entzückt. "Es ist immer speziell zu gewinnen. Aber ein paar Orte sind noch mal etwas spezieller. Bordeaux ist einer davon. Es ist eine Sprinter-Stadt und viele große Namen haben hier gewonnen. Das macht es umso schöner, endlich dort ein Kreuz setzen zu können, dass man hier gewonnen hat“, meinte Tom Steels.

Merlier gewann mit großem Vorsprung | Foto: Cor Vos

Der Mann spricht aus Erfahrung, er gewann hier 1999 eine Etappe. Außer ihm machten unter anderem Mark Cavendish, Erik Zabel und der wilde Usbeke Djamolidine Abduzhaparov hier ihr Kreuzchen. Auch Philipsen, heute 5., eingerahmt dabei von den beiden Deutschen Max Kanter und Phil Bauhaus, gewann bereits in Bordeaux.

Trauer und Sorge um einen Freund der Familie

Dass Merlier im Interview mit Sporza aber die Augen feucht wurden, lag nicht an der Rührung, sich jetzt auch in dieser Liste verewigt zu haben. Es lag auch nicht an der Freude über den Sieg oder der Erleichterung, dass jetzt der Saisonknoten so richtig geplatzt ist. "Der Mann, der meinen Bruder und mich seit meinem zwölften Lebensjahr zu Rennen gefahren hat, liegt im Sterben. Dieser Sieg ist für ihn. Ich hoffe, er hat ihn noch gesehen“, meinte Merlier in jenem Moment.

Als die Augen wieder trocken waren, wurde er auf der Pressekonferenz auch danach gefragt, ob er es als Herabstufung für die Sprinter betrachte, dass die Tour de France von Jahr zu Jahr weniger echte Sprintetappen im Programm habe.

Sorge um die Sprinterzukunft bei der Tour

"Ich erinnere mich daran, als ich ein Kind war, gab es viel mehr Möglichkeiten für uns. Ich habe in einigen Zeitungen gelesen, dass die härteste Tour seit Jahren ist. Wenn du als Sprinter auf dem höchsten Level hier bist, merkt man direkt, dass es drei harte Wochen werden. Aber hoffen wir mal, dass ich in meiner restlichen Karriere immer noch bei Grand Tours an den Start gehen kann, wo es Möglichkeiten gibt. Ansonsten wird es für uns im Radsport unmöglich.“ Merlier deutete auch an, wie der Druck auf ihn und seine Spezialistenkollegen angesichts der immer rarer werdenden Möglichkeiten zunimmt.

"Nach dem dritten Platz auf der ersten Sprintetappe weiß man, dass es nur noch vier oder fünf Chancen gibt. Sobald ein Fahrer bei der Tour gewinnt, holt er normalerweise gleich den zweiten Sieg. Dann bekommen alle anderen etwas Angst, weil es nicht viele Möglichkeiten gibt“, lachte er. Stimmt seine Regel, dann gewinnt er auch auf der 8. Etappe. Da müsste der Siegerjubel aber anders ausfallen. Die Last auf seinen Schultern hat sich schließlich schon verflüchtigt.

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